Gespräch der Generationen

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Ein alter Mensch hält ein Kind in seinen Armen. Dieses Bild in einem sonnigen Park, auf einer Wiese, habe ich vor Augen. Sie wiegen sich miteinander, als wären die beiden Generationen in ein Gespräch vertieft, in dem sie sich ohne Worte verstehen. Für mich ist es ein Bild vollkommener Schönheit, wenn ein alter Mensch ein neugeborenes Kind im Arm anschaut. Noch ist vieles verborgen in dem kleinen Wesen, das sich noch entwickeln wird. In dieser Welt des Zeigens und Besitzens ist es noch nichts, was vorzeigbar wäre. Es hat noch keine Leistung vollbracht, nichts, was sich rechnen würde.

 

Ein Kind lässt der Hoffnung noch allen Raum. Der Prophet Joel in der Bibel sagt: Eure Alten werden Träume haben und eure Jungen Visionen (Joel 3,1). Und er meint ihn nicht ironisch, im Gegenteil: Gott schenkt Alten und Jungen seinen Geist und bewirkt so Träume und Visionen in allen Generationen.

 

Vom Gespräch zwischen den Generationen träume nicht nur ich. Was für ein Wissensschatz liegt da auf der einen und welche Neugier aufs Leben ist da auf der anderen Seite? Der verstorbene Schauspieler Blacky Fuchsberger beschreibt einen seiner Träume in seinem Buch: ‚Altwerden ist nichts für Feiglinge‘. Er fragt, ob nicht die Alten für die Jugend eine Art GPS sein [könnten], ein ‚Navi’ für die Jugend. (…) Möglicherweise, so sagt er, wäre damit vielen geholfen, die die Orientierung verloren haben und keinen Ausweg finden (Gütersloher Verlagshaus 2011, S. 17).

 

Fuchsbergers Traum ist der Traum vieler alter Menschen. Schließlich werden im Jahr 2050 zwei Milliarden Menschen über 60 Jahre sein. Und sie werden nicht nur in Deutschland und Europa, sondern in der ganzen Welt Gesellschaften verändern.

 

Manchmal begegne ich älteren Menschen, deren Mut mich zuversichtlich macht. Trotzdem habe ich den Eindruck, ein wirkliches Gespräch zwischen den Generationen gelingt nur selten. Die Alten klagen über die Jungen, die nicht zuhören und von der Weisheit des Alters nichts wissen wollen. Und die Jungen klagen über die Alten, die ewig dasselbe erzählen und mit ihren alten Lösungen kommen statt offen zu sein für neue Ansätze.

 

Ich finde, zu den wichtigsten Weisheiten der Älteren gehört, dass sie den Jüngeren bezeugen: Es lohnt sich, auf dieser Erde zu sein, weil jeder Mensch ein Mandat hat, eine Aufgabe, die er erfüllen soll im Dienst für andere und zum Lob Gottes. Und wenn es doch einmal so sein sollte, dass die Generation der Väter und Mütter der Generation ihrer Kinder nichts mehr beibringen kann, dann zumindest noch, was es bedeutet, alt und krank zu sein.

 

Der Wiener Schriftsteller Arno Geiger erzählt in seinem Buch ‚Der alte König in seinem Exil‘ von seinem dementen Vater, der zu ihm, dem Sohn, sagt:

 

„Mir geht es meiner Beurteilung nach gut. Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt.“ „Und was willst du machen, Papa?“ „Nichts eben. Das ist das Schönste, weißt du. Das muss man können.“ (Hanser-Verlag München 2011, S. 102)

 

Es gehört zu den wichtigsten Weisheiten der Jüngeren, hier zuzuhören und aufmerksam zu sein, was ein alter Mensch sie lehren kann: Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt. Ich höre daraus, dass der stärkste Traum des dementen Vaters der ist, dass er einfach da sein darf. Wie das Kind im Arm des alten Menschen. Und dass er eben nichts ‚machen müssen‘ muss. Das ist das Schönste, weißt du. Das muss man können.

 

Wie viele unerfüllte Träume tragen alte Menschen in sich? Wie viel Demütigung und Kränkung haben sie erfahren, weil sich ihre Träume nicht erfüllt haben; oder andere ernten durften, was sie gesät hatten und andere das Lob erhielten, das doch eigentlich ihnen zustand? Wie lebt man als alter Mensch damit? All das wird mit den Jahren auch der junge Mensch erfahren und sich dann vielleicht an die Worte, an die Erfahrung des alten Menschen erinnern. Eure Alten werden Träume haben und eure Jungen Visionen.

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