Geteilte Zeit

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Wie sieht für dich ein perfekter Tag aus? Was ist die größte Errungenschaft in deinem Leben? Wann hast du das letzte Mal geweint – ganz für dich oder vor einer anderen Person? Warum?

Es sind 36 Fragen. Sie sind sehr persönlich. Deshalb muss ich eine Weile nachdenken... Wie mein perfekter Tag aussieht… Worauf ich stolz bin, weil ich das geschafft habe… Und das mit den Tränen? Ja, doch, mir fällt etwas ein. Das würde ich natürlich nicht jedem gleich erzählen.

Dann überlege ich, wie wohl mein bester Freund diese oder jene Frage beantworten würde. Oder meine Frau. Ich komme ins Grübeln. Es geht noch weiter: Wofür im Leben bist du besonders dankbar? Von allen Menschen in deiner Familie, wessen Tod würde dich am meisten erschüttern? Warum? Was ist dir am wichtigsten in einer Freundschaft?

 

Entwickelt hat die 36 Fragen ein Sozialpsychologe schon vor zwanzig Jahren. Populär geworden sind sie, als die New York Times eine kleine App daraus gemacht hat. Man lädt das Programm auf sein Smartphone und klickt sich durch die Fragen. Und dann kursierten Geschichten: Wenn man das mit einem wildfremden Menschen mache und sich anschließend vier Minuten in die Augen sehe, würden sich die meisten ernsthaft verlieben. Kann schon sein. Wer sich zusammensetzt und diese Fragen nach und nach beantwortet, kommt sich jedenfalls ziemlich nahe. Und was unter Fremden funktioniert, die das einfach mal ausprobieren, sollte doch erst recht unter Freunden gehen. Und in einer Beziehung, wenn man schon lange zusammen ist, könnte es noch mal richtig spannend werden – und schön. Interesse vorhanden, Nähe garantiert, Liebe nicht ausgeschlossen.

 

Und wenn man sich nicht gerade zu zweit gegenübersitzt, sondern als Familie beim Abendessen zusammenkommt? Geht da auch mehr? Bei uns ist es oft so: Meine Tochter und ich begrüßen uns, wenn ich nach Hause komme, ich krame ein bisschen rum und irgendwann frage ich sie: Na, wie war dein Tag? Gut, sagt sie dann. Ich denke dann: OK, ich hab ja gefragt. Und sie denkt: Ich hab ja geantwortet. Wirklich erfahren haben wir nichts voneinander. Seit einiger Zeit probiere ich etwas Neues. Dann frag ich schon mal: Was war das Lustigste, das du heute erlebt hast? Oder: Hast du heute etwas gelernt, das du spannend findest? Plötzlich sind wir im Gespräch. Manchmal erzählt sie aus den neuen Kursen, die sie jetzt besucht. Mich interessierte: Gibt es da jemanden, mit dem du auch gern befreundet wärst?

 

So haben wir schon manches spannende Abendessen erlebt. Auf Dauer verändert das etwas. Wir leben nicht mehr zusammen in getrennten Welten, sondern geben uns Einblicke in die Welt des jeweils anderen. Wir teilen die Zeit und die Aufmerksamkeit. Meine Tochter fragt natürlich auch zurück. Papa, hat dich heute etwas geärgert oder aufgeregt? Was fandest du heute richtig gut?

 

Es gibt diese Geschichte in der Bibel, wo Jesus Martha und Maria besucht, die beiden Schwestern. Martha ist voll im Stress, hat wahrscheinlich schon den ganzen Tag gemanagt, Frühstück, Arbeit, Kinder. Sie ist in der Küche zugange, kümmert sich ums Essen, räumt auf, damit alles gut wird für den Abend. Maria setzt sich mit dem Gast zusammen. Sie reden. Wer weiß, worüber. Die beiden sind so ins Gespräch vertieft, dass Martha sich irgendwann beschwert. Kann meine Schwester mir nicht helfen? Jesus sagt: Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Aber Maria hat das Richtige getan.

 

Soll wohl heißen: Manchmal muss man den Alltag unterbrechen. Nicht immer noch was machen. Nicht nur an die eigenen Dinge denken. Sondern sich hinsetzen, sich in die Augen sehen, reden. Und zuhören, wenn mein Gegenüber redet. Mit Zeit und mit echtem Interesse. Dann kommt man sich nahe. Das ist geteilte Zeit. Und das ist doch das Schönste.

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