Alltagsrassismus

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Ich hatte mich verlaufen in Berlin-Kreuzberg und musste nach dem Weg fragen. An der Ecke standen ein paar Jugendliche vermutlich türkischer Herkunft. Um sie machte ich einen kleinen Bogen, um mich zielstrebig an ein älteres Ehepaar zu wenden, das sehr einheimisch wirkte und offenbar gerade vom Einkaufen kam. Aber diese beiden fanden sich von meiner Frage nun gänzlich überfordert. Anscheinend hatten sie noch nie etwas von einer Adalbertstraße in ihrem Bezirk gehört. Während sie noch die Stirn runzelten und mit den Schultern zuckten, kam mit breiten Grinsen einer der türkischen Jungen auf uns zu: „Adalbertstraße – das ist noch ein bisschen geradeaus und dann die nächste Querstraße“ – erklärte er mit fröhlicher Hilfsbereitschaft. In seinen Augen blitzte so etwas wie Belustigung und auch seine beiden Kumpels wirkten amüsiert. Vielleicht freuten sie sich nur über unsere einheimische Ignoranz. Aber ich fühlte mich doch noch ein bisschen mehr durchschaut. War den Jungs dankbar und zugleich beschämt. Hatte ich doch den Bogen um sie gemacht in der selbstverständlichen Annahme: Die kennen sich hier wahrscheinlich sowieso nicht aus. Wer weiß, ob sie überhaupt Deutsch können. Sind überdies junge orientalische Männer, also nicht recht geheuer. Nun hatten sie mir aufs Freundlichste bewiesen, wie bescheuert meine inneren Reserven waren und jetzt erst wurde mir klar, dass ich sie tatsächlich habe, immer noch wie von selbst ein wenig auf Distanz bin zu denen, die mir nicht einheimisch genug aussehen. Das kleine Erlebnis hat mich wacher gemacht. Auch die, die nicht so einheimisch aussehen, sind hier zu Hause, sind ansprechbar genau wie ich.

Noch sind sie ja offenbar alltäglich, all diese Haltungen von innerer Reserve, von Misstrauen und Vorbehalten gegenüber denen, die ausländisch aussehen. Unter dem neuen Hashtag ‚MeTwo‘ ist in diesen Wochen zu lesen, was sich da anhäuft an Zurückweisungen, wenn es um Wohnung, Job oder weiterführende Schulen geht. Wie oft die Betroffenen noch damit fertig werden müssen, dass man ihnen erstmal signalisiert: Du kommst sowieso nicht in Frage. Alltagsrassismus heißt das jetzt und ich denke, es ist ein gutes Zeichen, dass drüber gesprochen wird.

Die Jungens an der Ecke kurz vor der Adalberststraße sind auf mich zugekommen. Und jetzt sehe ich schon manchmal zu, dass ich es auch umgekehrt mache und gerade das Gespräch suche mit denen, die nicht so einheimisch aussehen. Ich denke, ich sollte mal Mut fassen und irgendwo in Neukölln eine ziemlich verhüllte Frau nach dem Weg fragen oder nach der Uhrzeit. Nicht schon denken: Sie kommt sowieso nicht in Frage.

Ich sollte ihr zutrauen, meine Mitbürgerin zu sein. Wie soll sie es denn sonst je werden?

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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