Ansgar

Geschichten von Obdachlosen
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Ansgar ist 67. Er lebt in einem Heim für Wohnungslose in Berlin. Früher war er Journalist.

Es hat sich ne psychische Erkrankung bei mir so zugespitzt, dass ich mich nicht mehr rühren und nicht mehr bewegen konnte und mich auf überhaupt nichts mehr verhalten konnte, Miete nicht gezahlt und alles Mögliche, jau, dass ich dann schließlich aus der Wohnung rausgeflogen bin und auch mich auf die Räumung nicht vorbereiten konnte und so in diesem Übergangshaus der Stadtmission jetzt gelandet bin.

 

Gab es keine Familie, keine Freunde – niemanden, der einspringen konnte?

Ich hab Familienangehörige, aber die sind noch wesentlich älter als ich und wohnen woanders. Ich hab schon auch zwei, drei Freunde, aber es gab da keine Möglichkeit, auch für die nich, mir zu helfen, weil ich eigentlich nicht ansprechbar und total blockiert war. Ich bin zum Beispiel kein Christ, aber ich fühl mich hier sehr aufgenommen und bin auch sehr berührt, wie sich um mich gekümmert wird.

 

Ein Blick in die Zukunft…

Ich würde gerne nicht in 'nem Seniorenheim landen, sondern ich würde gerne so in nem Mehrgenerationenhaus vielleicht, jedenfalls in einer gemischten Gegend landen, wo es also verschiedenstartige Leute gibt. Nur Rollstühle und Pfleger, das find ich n bisschen gruselig.

 

Gibt es so etwas wie eine Lehre aus der Vergangenheit?

Also ich glaub, das Wichtigste ist, in irgend‘ner Form in Kontakt mit anderen Menschen zu treten… Und wenn es noch so schwierig ist: Irgendwo nen Ansprechpartner zu suchen – sei es bei ner Behörde oder bei der Kirche oder sonstigen Einrichtungen – irgendwie rauszugehen. Gerade, wenn man es alleine nicht mehr packt und nicht diese Angst, diese Vorstellung hinten im Kopf zu haben: „Ich muss es alleine packen! Ich schäm mich, dass ich soweit gesunken bin, und das geht doch alles gar nicht“- das ist ganz tödlich. Man muss sich n bisschen nackigter machen, bisschen von seinem Stolz abgeben und auf jeden Fall in Kontakt treten mit Menschen.

 

Erst verliert man die Arbeit, dann die Wohnung, die eigene Unabhängigkeit – was war das Schmerzhafteste in diesem Prozess?

Das Schlimmste, was ich verloren hab, is die Vorstellung, dass ich das alles alleine schaffen kann und wieder auf‘n Weg komme und dass ich mein Leben meister. Diese Illusion is mir endgültig abhandengekommen und damit verbunden auch ganz große Aufarbeitung, was in meinem bisherigen Leben alles nicht gelaufen ist.

 

Wenn das Leben heute nochmal von vorn beginne würde…

Ich würde viel mutiger sein! Also: Ich würde gerne viel mutiger sein!

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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