Darf man beten, bloß weil man in Not ist?

Wort zum Tage

Gemeinfrei via Unsplash/ Priscilla Du Preez CA

Darf man beten, bloß weil man in Not ist?
von Pfarrerin Britta Kirchner
11.07.2024 - 06:20
20.06.2024
Pfarrerin Britta Kirchner
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„Ich würde mich ja gerne bei ihm melden, aber jetzt will der auch nichts mehr von mir hören.“ Diesen Satz sagt eine ältere Frau zu mir. Sie liegt im Krankenhaus. Mit Krebs. Und die Person, bei der sie nicht mehr wagt, sich zu melden, ist Gott. „Naja, früher habe ich halt nie gebetet, weil da ging es mir gut. Jetzt ist es zu spät“, meint sie.

Ich vermute, dass noch mehr Menschen so denken. Sie haben ein schlechtes Gewissen gegenüber Gott. Weil sie das Gefühl haben, sie hätten die Beziehung zwischen sich und Gott schleifen lassen. Zu lange nicht gebetet. Ewig nicht in der Kirche gewesen. Oder vielleicht haben sie sogar das Gefühl, sie hätten etwas falsch gemacht, weswegen sie sich nicht mehr bei Gott melden dürfen. „Jetzt ist es zu spät. Selbst, wenn ich mich melden würde, würde Gott mir nicht mehr antworten.“

Ich kann die Frau verstehen. Ihre Angst, dass Gott vielleicht nachtragend ist und denkt: „Jetzt brauchst du auch nicht mehr bei mir ankommen!“ Aber die Bibel erzählt ganz anderes von Gott. Gott gibt nicht so einfach auf, selbst wenn man sich nicht bei ihm meldet..

In einer Erzählung in der Bibel hat Gott gerade die Israeliten aus der Gefangenschaft in Ägypten geführt. Sie sind in der Wüste. Und die Angst macht sich breit: Was wird aus uns ohne Essen und Trinken? Schon jammert das frisch befreite Volk: Wären wir mal in Ägypten geblieben! Und Gott: Schenkt ihnen Wasser und Brot.

Immer wieder erzählt die Bibel, wie Gott seine Aufmerksamkeit und Liebe seinen Menschen geradezu hinterherträgt, auch wenn die sich abwenden und ihn vergessen. Er schickt seine Propheten. Er sucht immer wieder den Kontakt. Gott gibt nicht auf. Gott hält an seinen Menschen fest. Bei Gott gibt es kein „Ja, als es euch gut ging, habt ihr nicht an mich gedacht. Jetzt in der Not kommt ihr angekrochen“. Die Bibel durchzieht die Botschaft Gottes: „Habt keine Angst. Betet! Ich höre zu. Ich bin noch da.“

Für mich ist Gott ein wenig wie die Freundin oder der Freund, den ich immer anrufen kann. Auch wenn ich mich ewig nicht gemeldet habe. Oder etwas falsch gemacht habe. Gott bleibt dabei. Das habe ich auch der älteren Frau gesagt. Ich weiß nicht, ob sie sich noch bei Gott gemeldet hat. Aber ich habe für sie gebetet. Denn auch das geht: sich für andere bei Gott melden. Für andere beten.

Es gilt das gesprochene Wort.

20.06.2024
Pfarrerin Britta Kirchner