Das Maß der Güte

Wort zum Tage
Das Maß der Güte
20.03.2015 - 06:23

Früh am Morgen geht Daniel zur Agentur für Arbeit. Das ist in diesem Fall der Marktplatz einer vorderasiatischen Kleinstadt zur Zeit Jesu. Schon sind auch die anderen Arbeitslosen des Ortes zugegen. Sie warten auf einen Arbeitgeber, der sie einstellt, wenigstens für einen Tag. Für sie bedeutet das einen Tag ohne Hunger und ohne die enttäuschten Augen der Kinder und der Ehefrau. Es bedeutet, einen Tag und einen Abend halbwegs in Würde zu leben. Da kommt schon ein Arbeitgeber. Er hat einen Weinberg und sucht Erntehelfer. Er mustert die Arbeitslosen und wählt einige aus. Daniel ist nicht dabei. Auch die anderen Arbeitgeber gehen dann an ihm vorbei. Daniel bleibt auf seinem Platz. Ein paar Stunden später kommt der Mann mit dem Weinberg zurück. Er sucht noch mehr Erntehelfer. An Daniel geht er wieder vorbei. Das wiederholt sich noch ein paar Mal.

 

Als die Sonne schon tief steht, kommt der Weinbergbesitzer noch einmal zum Marktplatz. Wieso tut er das? Ein, zwei Stunden wird es noch hell sein, dann wird es zappenduster. Wozu braucht er da noch Arbeiter? Doch das Wunder geschieht: Er spricht Daniel an. Ja, sicher, Daniel geht mit! Als es dämmerig wird, stellt der Weinbergbesitzer seine Arbeiter der Reihe nach auf, je nachdem, wie lange sie gearbeitet haben. Er zahlt den Lohn aus. Daniel hofft auf ein bisschen Kleingeld; er hat ja wirklich nicht lange gearbeitet. Aber er kann sein Glück kaum fassen: Er bekommt den gesamten Tagessatz! Nun kann er leichten Schrittes nach Hause eilen. Der Tag für seine Familie ist gerettet, seine Würde ist wiederhergestellt. Dass alle anderen denselben Lohn bekommen, stört ihn nicht; auch dass einige mehr Lohn einfordern, ist ihm egal. Den Neid der Kollegen, die einen ganzen Tag gearbeitet haben, bemerkt er kaum. Er ist nur noch überwältigt vom Verständnis und der Großzügigkeit seines Arbeitgebers.

 

Jesus, der diese Geschichte erzählt, greift damit nicht in die gesellschaftliche Diskussion über einen gerechten Lohn ein. Er offeriert auch kein Modell erfolgreichen Wirtschaftens. Sondern er will damit zeigen, wie gütig Gott ist. Gott bestimmt unsere Würde nicht nach dem Maß dessen, was wir leisten und erledigen. Sein Maßstab ist die Güte. Wer sie braucht und in Anspruch nimmt, bekommt sie auch. Selbst dann noch, wenn er selbst glaubt, er habe sie nicht verdient. Gerade dann, sagt Jesus, schenkt Gott das, was ein Mensch für seine Würde braucht. Ich lese das nicht als Affront gegen die Leistungsträger der Gesellschaft. Sondern als eine Hoffnungsgeschichte für alle , die nicht viel vorweisen können. Und für die Menschen, die wissen, dass Leistung nicht alles ist.