Der schdarke Adolf

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Das bekannteste Kind der bekanntesten Kinderbuchautorin der Welt ist bestimmt Pippi Langstrumpf. Rote Zöpfe, ein kunterbuntes Haus, ein Äffchen und ein Pferd. Auch bei mir klappt da die „Ach ja – kenn ich“-Mausefalle zu, zumal dann, wenn nicht nur eines, sondern gleich mehrere Kinder mit dem Werk Astrid Lindgrens vertraut gemacht werden müssen – was ich als eine meiner vornehmsten Aufgaben als Mutter betrachte.

 

Pippi Langstrumpf kenne ich gut. Und hatte, wie ich jetzt feststellen musste, keine Ahnung von ihr. Die Erzählung vom Entstehen des ersten Buchs von Astrid Lindgren geht so: Mutter verstaucht sich bei Glatteis den Knöchel, muss vier Wochen liegen und stenographiert in dieser Zeit die Abenteuer eines rotbezopften Mädchens in ihren Block. Den Namen Pippi Langstrumpf hat zuvor ihre eigene Tochter erfunden. Das Manuskript bekommt die Tochter zum Geburtstag.

 

Aber das war Anfang der 1940er Jahre und die Welt war im Krieg. Astrid Lindgren hatte durch eine Tätigkeit bei der schwedischen Postzensur tiefe Einblicke in die Wirklichkeit des Krieges bekommen. In ihr persönliches Kriegstagebuch schreibt sie Passagen aus erschütternden Briefen von Verfolgten des Nazi-Regimes ab.

 

Und Pippi Langstrumpf? Die wird in gerade auf Astrids Lindgrens Schreibblock geboren. Und besucht in dieser Zeit einen Zirkus. Aber statt brav die Vorführung anzusehen, führt Pippi den diktatorischen Zirkusdirektor vor – und besiegt im Handumdrehen dessen Hauptattraktion, den starken Adolf, den „schdärksten“ Mann der Welt.

 

„Seid untertan der Obrigkeit, die über euch ist“ – dieser viel zitierte Satz aus der Bibel hat zu oft dazu geführt, dass Menschen ihrer jeweiligen Obrigkeit bedingungslosen Gehorsam leisteten. Für Pippi Langstrumpf bedeutet er nichts. Obrigkeiten aller Art, die Lehrerin, Polizisten, die Fürsorgerin Frau Prusselius – die alle entwaffnet sie auf ihre unnachahmliche Weise. Meist muss sie nicht einmal handgreiflich werden. Es reicht, dass sie die Dinge hinterfragt und sich von Autoritäten nicht beeindrucken lässt.

 

Heute ist der 20. Juli, der Tag des Attentats auf Adolf Hitler, den damals vermeintlich „schdärksten Mann der Welt“. Daran denke ich heute auch. Die Entscheidung, dieses Attentat zu versuchen, ist in einem langen Ringen um den Satz vom „der-Obrigkeit-untertan-sein“ entstanden. Und ich denke daran, dass wir aufpassen müssen: Brav dasitzen und dem politischen Zirkus unserer Welt mit seinen starken Männern bloß zusehen, das kann es nicht sein. Sonst bekommen wir eine Welt, die keinem von uns mehr gefällt.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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