Ein Tisch als Kraftort

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Im Wohnzimmer meiner Großeltern stand ein Tisch, dessen Existenz ich als Kind erst sehr spät richtig wahrgenommen habe. Meistens war es in diesem Wohnzimmer wenig wohnlich, sondern eher kalt, weil der Holzofen nur an Festtagen angeschürt wurde, an Ostern, Weihnachten, Geburtstagen. Mir kamen die älteren Mitglieder der Familie dann immer ziemlich steif vor, wenn sie dort saßen. Das war kein Zimmer, in dem man Spaß hatte.

 

In der Küche war es anders am Tisch. Es gab ein paar Stühle, zwei Hocker, daneben ein Sofa, wo mein Opa seinen Mittagsschlaf hielt; und wenn wir Kinder da waren, war das Sofa unser Lieblingsplatz. Einfach gemütlich. Und das gemeinsame Essen am Tisch bei Oma schmeckte sowieso immer am besten.

 

Als junger Student habe ich in mehreren Wohngemeinschaften gelebt. Jeder hatte sein eigenes Zimmer, aber der große Küchentisch war der zentrale Ort für Gespräche, gemeinsames Feiern oder allerlei sinnfreie, aber herrliche Albernheiten. Er musste ziemlich stabil sein, denn es wurde getanzt, neben dem Tisch, um den Tisch herum und manchmal sogar auf dem Tisch.

 

Wenn mein eigener alter Küchentisch, den ich mir dann einige Jahre später gekauft habe, reden könnte, würde er viele Geschichten erzählen. Von Kindern, die ungeduldig und hungrig mit ihrem Besteck kleine Macken ins Holz gehämmert haben. An fröhliche, aber auch ernste Gespräche an langen Abenden erinnern die Ränder von Rotweingläsern, die sich irgendwann nicht mehr richtig entfernen ließen.

 

Von Jesus wissen wir, dass er oft an Tischen gesessen, kräftig gefeiert und bei einer Hochzeit sogar Wasser in Wein verwandelt hat. Als er zum wiederholten Male fröhlich feiert, schimpfen andere ihn einen Fresser und Weinsäufer (Mt. 11, 19). Denen passt seine fröhliche, freie, fromme Lebensart gar nicht.

 

Jesus hat die Gemeinschaft am Tisch geliebt und geradezu gesucht. Recht hat er. Und er hat viel vom Leben verstanden, denn an einem Tisch werden Menschen nicht nur satt. Von einem Tisch geht viel Kraft auf die Menschen über, die daran sitzen. Dort wird erzählt, gelacht, geweint, geteilt. Das alles geht nur, wenn man sich in die Augen schaut. Und Interesse hat aneinander, Zeit mitbringt. Und auch: Platz freimacht für Menschen, die sich dazusetzen wollen. Von den Menschen an einem solchen Tisch geht Energie aus. Wer dann wieder aufsteht, geht mit neuer Kraft.

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