Herbst

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Laut würde sie es nicht sagen, aber sie fand den Sommer ja wunderbar. Ja, klar, alle die einen Garten haben, alle Landwirte ... – sie weiß. Aber sie konnte die Sonne genießen. Und die Kinder in dem Kindergarten, den sie leitet, erst recht. Und den warmen Altweibersommer. Jeden Tag. Sie liebt die Sonne und fürchtet sich schon davor, dass die jetzt schwächer wird, dass die Tage dunkler werden.

 

Wenn sie ins Netz schaut – da ist es schon dunkel. Und sie will es wissen, will die Nachrichten hören, die Artikel lesen, die Kommentare wenigstens ansatzweise wahrnehmen. Aber es macht ihr schlechte Laune. Verdunkelt das Gemüt.

Herbst im Netz. Bitte keinen Winter!

 

Die Nachbarin ist eine ältere Dame. Manchmal schnacken sie über den Gartenzaun, hin und wieder gibt’s ein Käffchen zusammen. Die Nachbarin jedenfalls in eine wunderbare! Sie sagt: „Das mit dem Herbst ist doch gut. Er gehört zum Kreislauf. Die Bäume ziehen ihre Kraft zurück in den Stamm. Und schau, wie schön das aussieht, wenn das Chlorophyll raus ist. Wie sie rot und gelb leuchten. Dann fallen die Blätter ab und bilden eine Schutzschicht für den Boden. Im Winter kommt der Frost da nicht gut darunter. Im Frühjahr schauen die ersten zarten Pflänzchen da heraus, weil sie geschützt sind. Alles hat einen Sinn. Alles gehört zusammen.“

 

Wie gerne hört sie ihrer Nachbarin zu. Bei ihr ist die Welt in Ordnung. Es ist das Gefühl wie damals, wenn ihr die Mutter noch kurz vor dem Einschlafen eines dieser schönen Lieder gesungen hat. „Und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch!“

Da fürchtet man sich nicht so vor der Dunkelheit.

 

Aber sie fürchtet sich. Nicht vor ihren Freunden, die alle einer Meinung sind. Aber vor denen aus der anderen Blase. Vor allem vor den lauten. Meine Güte, was für ein Hass! Er gräbt sich schon in die Gemüter der Kinder. Da hört sie die Parolen der Eltern durch. Manchmal lassen die anderen Kinder es einfach vorbeilaufen. Da ist sie beeindruckt.

 

Die Bäume ziehen die Kraft zurück in den Stamm. Investieren in Wurzeln. So würde sie das gerne können. Kraftsammeln. Sich konzentrieren. Die Blätter abwerfen, die sie eh nicht halten kann. Sich noch einmal in schönsten Farben zeigen und dann zurückziehen. Eine Isolierschicht aufbauen gegen den sozialen Frost. Alle ihre jungen Pflänzchen beschützen, die so unschuldig in die Welt schauen. Und die, die jetzt Hilfe brauchen, egal, welchen Pass sie haben.

 

Sie will von der Schöpfung lernen und vom Schöpfer, dass die Energie da sein wird, den Winter zu überstehen und vor allem: das Potential zu haben für einen wunderbaren Frühling.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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