Kein Häuflein Dreck

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Manche Bücher Astrid Lindgrens teilen das Schicksal der Bibel. Es gibt viele Menschen, die glauben, immer schon ganz genau zu wissen, was drin steht. Aber das Bescheid-Wissen sollte dem Lesen nachfolgen, nicht vorausgehen.

 

Auf die „Die Brüder Löwenherz“ trifft das in besonderer Weise zu. Es soll Menschen geben, die nehmen sich dieses Buch aus dem Regal, wenn sie mal so richtig weinen wollen. Es ist die wirklich traurige Geschichte des todkranken Jungen Karl. Er verliert bei einem Unglück seinen geliebten großen Bruder Jonathan. Aber wie Jonathan es versprochen hat, treffen die beiden sich im Land Nangijala wieder, ein Paradies, in dem die beiden in der „Zeit der Lagerfeuer und Sagen“ leben.

 

„Die Brüder Löwenherz“ ist vor allem als ein Kinderbuch über den Tod gelesen worden. Es sind große, starke Bilder der Hoffnung darin. Der kranke Karl ist in Nangijala ganz gesund. Das Leben im Kirschtal gleicht einem Märchen. Und – das Wichtigste – er sieht seinen Bruder wieder. Beim Erscheinen der Brüder Löwenherz 1973 gab es noch keine Kinderbücher, in denen das Thema Tod einen vergleichbar großen Raum einnahm. Und so hat dieses Kinderbuch wohl vor allem an die Angst der Erwachsenen vor diesem Thema gerührt.

 

Ich habe mir meine „Brüder Löwenherz“ noch einmal aus dem Regal geholt. Und ich habe nicht geweint, sondern gestaunt. Denn um den Tod geht es eigentlich nur am Anfang und am Ende. Dazwischen geht es um die beiden Täler in Nangijala, das idyllische Kirschtal und das Heckenrosental. Dort herrscht der böse Tengil. „Wenn das Leben drüben in dem anderen Tal schwer und bedrückend geworden ist, dann wird es auch hier im Kirschtal schwer“, sagt Jonathan. Und er sagt auch: „Tengil begreift nicht, dass er Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen und fest zusammenhalten, niemals unterdrücken kann.“

 

Ich lese „Kirschtal“ und „Heckenrosental“ und denke an das geteilte Deutschland, denke an Nord- und Südkorea und an die vielen Länder der Welt, in denen Unterdrückung und Unfreiheit herrschen. Ich muss genau lesen. Durch die märchenhaft anmutende Gestalt dieses Buches schimmert die politische Wirklichkeit hindurch. Das ist in vielen Geschichten der Bibel genauso. Und ich lese: Jonathan wird für die Freiheit kämpfen, weil es Dinge gibt, die man tun muss, selbst wenn es gefährlich ist: „Weil man sonst kein Mensch ist, sondern nur ein Häuflein Dreck.“ Ein Kinderbuch? Auch. Aber mehr als das.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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