Keine bleibende Statt

Wort zum Tage
Keine bleibende Statt
11.02.2019 06:20
03.01.2019
Evamaria Bohle
Sendung zum Nachhören
Sendung zum Nachlesen

Jeder hat Sätze, an denen sich das Leben verschluckt. Meist spürt man sie nicht, aber dann reißt ein plötzliches Weh einen heraus aus seinem Element: Mich hat vor Jahren ein unsteter Satz aus dem Neuen Testament geködert. Er hat sich verhakt in meinem Empfinden. „Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Eine Erinnerung, dass Leben auch etwas ganz Andres bedeuten könnte, als das ewige Unter Wasser Atmen. „Oh, könnt ich fliegen wie Tauben dahin…“ Fisch oder Vogel? Wo ist mein Nest?

Heimat ist keine bleibende Statt. Heimat entzieht sich, sie will die Sehnsucht pflegen. Das kann sie am besten. Wer sie festzulegen versucht, missversteht sie. Ja, sie verändert sich, sobald sie festgelegt wird. Dann flüchtet Heimat sich in Äußerlichkeiten. Mäht Rasen, putzt Fenster, pflanzt Geranien, tut ordentlich und aufgeräumt, verspricht Beständigkeit, Zugehörigkeit, Sicherheit und blauen Himmel – für immer. „Wir“ und „bei uns“ sind ihre Lieblingsworte.

Keine bleibende Statt. Wer trotzdem auf Heimat baut, riskiert viel: Man lernt sich zu fürchten – vor Veränderung, vor dem Fremden, vor Unsicherheit, vor der Zukunft. Irgendwann ruft jemand zu den Waffen, um Heimat zu verteidigen. Oder zu erobern. Dann blutet sie und aus Menschen werden Flüchtlinge.

Die einen ertrinken, die anderen haben orange Schwimmwesten und brauchen nun einen Neuanfang. Sie inserieren: „Bleibende Statt gesucht. Gerne mit Zukunft“. Wieder andere in anderen gelben Westen blockieren Autobahnen für stabile Benzinpreise. Fürchtet euch nicht, grüßt der Engel aus der Weihnachtsgeschichte. Er fordert Friede auf Erden, und dann läuft die Arche auf Grund.

Leben heißt Anfangen. Wer vom Schiffbruch erzählen kann, hat überlebt. Schön, dass Gott zuverlässig diesen farbenfrohen Bogen in die Wolken hebt und ein Versprechen gibt. Unter dem können wir uns immer wieder ins Trockene retten. Uns in den Armen liegen. Haut auf geretteter Haut. Für Momente dieses Leuchten am Himmel, schreibt Farben ins Grauen. Friedensangebote. Fast möchte man eine Hütte bauen und Heimat drauf schreiben.

Über den Regenbogen freuen sich Vater, Mutter, Kind und Kegel in aller Herren Länder. Eine bleibende Statt haben wir nicht, kein gelobtes Land, aber wir suchen weiter: vielleicht Heimat und neue Erinnerungen an die Zukunft.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

03.01.2019
Evamaria Bohle