Kinder nach Maß

Wort zum Tage
Kinder nach Maß
05.01.2019 06:20
07.09.2018
Jörg Machel
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Zwei Kinder sind geboren, zwei Mädchen, sie heißen Lulu und Nana. Das verkündete voller Stolz der chinesische Forscher He Jiankuni in einer Videobotschaft auf YouToube. Seine gute Nachricht: Beide Mädchen werden gegen den Aidserreger resistent sein. Dafür hat er durch eine Genmanipulation mit der Genschere CRISPR/Cas9 gesorgt. Seine Freude über das gelungene Experiment war unübersehbar. Noch ist der Eingriff wissenschaftlich nicht ausreichend belegt, aber die Diskussion über Genmanipulationen am Menschen ist in eine neue Phase eingetreten.

 

Nach der Veröffentlichung stand He Jiankuni mit seiner Freude allerdings ziemlich allein da. Forscher weltweit sind entsetzt. Die Erfinderin dieser Methode, Jennifer Dounda, verurteilte das Vorgehen des chinesischen Wissenschaftlers als unverantwortlich. Die Methode ist hochrisikoanfällig. Niemand weiß, ob sich die Veränderung des Erbgutes auf das ins Visier genommene Segment beschränkt. Folgeschäden sind denkbar; und ein neuer Gendefekt, einmal in die Welt gesetzt, wird weitervererbt - mit unabsehbaren Folgen, möglicherweise für die ganze Menschheit.

 

Dies aber müssen wir uns eingestehen, die Büchse der Pandora ist geöffnet, und es ist schwer vorstellbar, dass wir in der Lage sein werden, sie wieder zu verschließen. Als Albert Einstein sich entschloss, an der Entwicklung der amerikanischen Atombombe mitzuarbeiten, wollte er helfen, den Krieg zu beenden. Inzwischen liegt die Technologie auch in den Händen von Extremisten. Glücklicherweise ist der Aufwand noch immer so gewaltig, dass nur Staaten in der Lage sind, mit dieser Technologie umzugehen.

 

Das ist bei CRISPR/Cas9 anders. Schon begabte Biologiestudenten sind mit minimalem technischen Aufwand in der Lage, in den Bauplan der Schöpfung einzugreifen. Goethes Zauberlehrling kommt einem in den Sinn, der versucht, es dem Meister gleichzutun, und der am Ende verzweifelt auf die Katastrophe blickt, die er angerichtet hat.

 

Lulu und Nana sind ersten Untersuchungen zufolge gesunde Zwillinge. Ob die Tatsache, dass sie nun gegen Aids resistent sind, für sie von Belang sein wird, das ist ungewiss. Auf jeden Fall aber wird die Meldung über das gelungene Experiment den Drang und die Hybris weiterer Forscher beflügeln, noch ganz andere Ideen zu entwickeln, wie das Erbgut der Menschheit zu verbessern sei.

 

Der Mensch stellt sich an die Seite des Schöpfers, vielleicht sogar mit der guten Absicht, Mängel des Lebens zu beseitigen. Und das mit einigen Erfolgen. Es könnte aber sein, dass er irgendwann in den Spiegel schaut und in die verzerrten Züge eines Unmenschen blickt.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

07.09.2018
Jörg Machel