Lernort Klassenzimmer

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So ganz einfach war der Neueinstieg als Grundschullehrerin für Andrea nicht. Viele Jahre hatte sie als Kindergärtnerin gearbeitet. Schule in der DDR lag ihr nicht, nun aber wollte sie zurück in ihren erlernten Lehrerberuf. Einige Kolleginnen empfingen sie mit offenen Armen, andere verhielten sich distanziert. Es kostete sie Kraft, ihren Platz zu finden. Im Unterricht war es wie früher, erwartungsvolle Kinderaugen, Konzentration bei spannenden Themen, Unruhe, wenn etwas zu lange dauerte oder bei Störungen.

 

Neu für Andrea war, dass drei Kinder von Asylbewerbern in der Klasse saßen, das gab es zu DDR-Zeiten nicht. Andrea war noch nicht lange zurück im Schuldienst, da sprach sie der kleine Moan aus Somalia an und stellte fest: „Du siehst traurig aus! Ich weiß wie es ist, wenn man irgendwo neu hinkommt.“ Soviel Anteilnahme hat sie gerührt.

 

Magamed und Rizwan aus Tschetschenien waren anders gestrickt, hellwach, ganz bei sich, ungeheuer kreativ und lernbegierig. Als Freunde mit gemeinsamer Muttersprache hatten sie es etwas leichter als Moan. Ihre Freizeit verbrachten sie mit den anderen Jungs im Sportclub. So war der Schock groß, als Andrea über das Sekretariat erfuhr, dass Magamed und Rizwan nicht mehr in der Schule erscheinen würden. Mit ihren Familien wurden sie abgeschoben. Die Schulsachen lagen noch auf ihren Plätzen. Obwohl erst in der dritten Klasse war dieser Eingriff für viele Mitschüler verstörend, und Andrea hatte es schwer, einen angemessenen Umgang mit dieser Erfahrung zu finden.

 

Seit 2015 sind es vor allem syrische Kinder, die in den Klassenverband kommen. Andrea erinnert sich an Ali, der weinend aus dem Fenster schaute. Deutsch konnte er noch nicht. Als sie ihn trösten will, sagt er nur „Papa“ und deutet an, dass der umgebracht wurde.

 

Es ist nicht leicht, all diese Biografien zu einer wirklichen Klassengemeinschaft zu verbinden. Auch einige deutsche Kinder kommen aus schwierigen Verhältnissen und brauchen viel Aufmerksamkeit. Zum Glück sind Kinder aus Europa, Afrika und Asien in ihren Grundbedürfnissen aber sehr ähnlich. Sie alle reagieren auf freundliche Ansprache mit Dankbarkeit, und mit Lob und Wertschätzung lässt sich ein Arbeitsbündnis schmieden, das auch den auftretenden Missverständnissen und Konflikten gewachsen ist.

 

Doch Andrea bleibt optimistisch: Wenn die syrischen und deutschen Eltern sie nicht mit Angstgeschichten über die jeweils anderen verunsichern, dann gibt es hier eine gute gemeinsame Zukunft für all ihre Kinder.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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