Liturgie – der Klang der Welt

Wort zum Tage
Liturgie – der Klang der Welt
09.07.2016 - 06:23

Mit dem Besuch bei Freunden hat einmal ein Theologe die Liturgie eines christlichen Gottesdienstes verglichen. Man begrüßt sich an der Tür, tritt ein, legt an der Garderobe den Mantel ab und was einen gerade noch beschäftigt hat, und dann tritt man ins Wohnzimmer: der Tisch ist gedeckt, im Gespräch teilt man sich mit und hört zu. Man isst und trinkt, vergisst die Zeit und beim Abschied sagt man danke für die schönen Stunden, wünscht einander Glück und Segen und geht wieder seiner Wege. Mir gefällt dieser Vergleich. Liturgie ist eine Feier der Begegnung. Nicht alltäglich, und doch so, dass das Leben verdichtet, poetisch zur Sprache kommt.

 

Ich verstehe sie mittlerweile wie eine Zusammenfassung all dessen, was auf diesem Planeten in jedem Augenblick und gleichzeitig passiert. Die Liturgie bringt es in eine Reihenfolge, in einen zeitlichen Ablauf, aber sie ist nichts anderes als der Klang der Welt. Beim Kyrie ist es die Klage, wie der Schrei des kleinen Kindes nach einer warmen Brust, an der es sich ausweinen kann. Es ist der Schrei der Seele, die in Ängsten ist. Wie oft ist sie das innerhalb eines Tages? Beim Gloria sehen wir hinter die Dinge, danken für das Geschenk des Lebens. Es kommt nicht von uns selbst. Raum für Jubel und Hochgefühl. So ist das Leben, und so ist Gott. Voller Wunder. Und dann die Stille, das Gebet, bevor die Geschichten des Lebens an unser Ohr dringen. Die Geschichten der heiligen Schrift schreiben wir fort in unserem Leben. Doch lassen uns die alten Geschichten der Bibel oft erst unsere eigenen verstehen oder auch danach fragen: was hat es auf sich mit diesem Kosmos? Wo geht die Reise hin? Wie können wir leben? Erzählend m Geheimnis Gottes nahe kommen, es geschieht in so vielen Gesprächen. Es ist ein Gemurmel, ein Erzählfaden ohne Ende. Die Liturgie nimmt ihn auf und bringt ihn zu Gehör. Dann der Kreis um den Altar, den Tisch des Herrn. Die demokratische Urversammlung. Mutter aller runden Tische. Man ist unter Gleichen, so wie man es im alltäglichen Leben nicht ganz sein kann. Hier ist nicht Frau noch Mann, nicht Jude oder Grieche, wie Paulus sagt. Hier sind alle eins und kosten von Brot und Wein. Es müsste jedes Mal der beste ausgeschenkt werden, damit die Zunge ekstatisch, genussvoll schmecken kann, wie köstlich und freundlich Gott ist. Und wie kostbar und bewahrenswert, was wir täglich essen und trinken und woraus wir es gewinnen.

 

In der Fürbitte an die denken, die kraftlos sind und oft keine Worte mehr haben. Und mit dem Segen auseinander gehen. Ja, Liturgie ist Leben, ist der Klang der Welt und eine Kraftquelle für die Seele.