Nach Hause kommen

Wort zum Tage
Nach Hause kommen
16.02.2019 06:20
03.01.2019
Evamaria Bohle
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Alte Heimat, Kinderland? Wer wissen will, wo ich ursprünglich herkomme – wonach fragt der eigentlich? Milchweißverhangener Himmel, Wolkenfetzen in Blassblau. Flaches Land: Wiesen, einzelne Gehöfte, schmale Straßen, Wäldchen. In der Ferne das Geläut von Kirchenglocken. Und über allem der taumelnde Flug der Kiebitze. Nur etwa zehn Minuten zu Fuß vom Elternhaus beginnt immer noch das Bruch. Auch das Haus gibt es noch. Aber es beherbergt fremde Menschen. Schon lange habe ich keine Schlüssel mehr. „Der Wagen, der rollt“, singt die Stimme der Mutter.

Großvater glaubte seine Heimat im Himmel. Im Kaiserreich geboren, zwei Kriege überlebt, starb er in der Bundesrepublik, lange bevor ich geboren wurde. Mit leichter Zunge konnte er von Gott und Jesus Christus, von Sünde und Gnade und dem himmlischen Jerusalem sprechen. Noch als er sterbenskrank war, tat er das.

Sein Sohn konnte das nicht. Vater war Misstrauen und Frage, und er konnte singen. 1945, als er 18 Jahre alt war, lag die Welt in Trümmern. Glaube, Liebe, Hoffnung inklusive. Aus dem, was gerettet wurde, zimmerte er sich etwas Neues: Gott bekam eine Hütte und Johann Sebastian Bach den Himmel. Vollkommene Musik war Heimat genug. Vollkommenheit musste sein, damit Vater Frieden hatte. Frieden hatte er selten. Dafür dieses unscharfe Heimweh nach etwas, das verloren war. So kam es mir vor. Das Leben eine Winterreise: „Fremd bin ich eingezogen, fremd ziehe ich wieder aus.“

Wer dich fragt, wo du ursprünglich herkommst, was will der eigentlich wissen?

Wo ich auch lebe, irgendwann suche ich nach einer Kirchentür, die sich öffnen lässt, nach einer Kirche, in der ich sitzen kann. Ich hülle mich in die Stille und berge mich in Gott. Die Kirchenräume öffnen etwas. Es ist wie nach Hause kommen.

Es tut gut, für jemanden eine Kerze anzuzünden an einem Ort, in dem es auf diese besondere Art still ist und in dem es seltsam riecht: nach Gebet, nach verklungenen Liedern, nach Gottessehnsucht, nach Andacht und nach dem Sonnenlicht, das schräg durch Kirchenfenster tanzt. Blau, rot, grün, gelb, violett.

Ich fühle mich wohl in alten leeren Kirchen. Sie erfrischen mich. Ich mag die harten Bänke, die Kälte, die Grüße aus anderen Jahrhunderten. Manchmal wünsche ich mir eine Schaukel in den Altarraum. Festverankert im Gewölbe würde ich hin und her schwingen unter den freundlichen Augen der Heiligen. Das Kreuz ist leer. Niemand leidet. Er ist ja auferstanden, und die Kirchentür offen für Zukunft und andere Gäste.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

03.01.2019
Evamaria Bohle