Politisch predigen

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Direkt nach dem Besuch des Heilig-Abend-Gottesdienstes machte sich der Chefredakteur der Welt, Ulf Poschardt, auf Twitter Luft. Ob man sich im Gottesdienst zu Weihnachten unbedingt wie in einer Veranstaltung der Jusos oder der Grünen Jugend fühlen müsse? fragte er. In der Predigt, die er gehört hatte, seien sehr viele aktuelle politische Themen angesprochen worden. Ihm sei aber das Theologische dabei zu kurz gekommen, sagte Poschardt später in einem Interview.

Mittlerweile haben sich die Wogen schon wieder etwas geglättet, aber die grundsätzliche Frage, die Poschardt mit diesem Tweet aufgeworfen hat, ist deswegen noch lange nicht beantwortet. Wie politisch darf eine Predigt sein, wie politisch muss sie möglicherweise sogar sein? Als Predigerin stehe ich immer wieder vor dieser Herausforderung. Und manchmal merke ich beim Verabschieden an der Kirchentür, dass sich Menschen auch über meine Predigten geärgert haben.

 

Ich bin überzeugt, dass Predigen nicht unpolitisch sein kann. Denn in der Predigt wird von Gott geredet und von der Welt und den Menschen, wie sie nach Gottes Willen sein sollen. Zu unserer Wirklichkeit steht das oft in scharfem Gegensatz. Das kann ich in der Predigt nicht verschweigen, wenn ich nicht völlig weltfremd von Gott reden will. Mit Parteipolitik hat das nichts zu tun. Gott selbst ist parteiisch. In der Bibel lese ich im Alten wie im Neuen Testament von der Hoffnung auf das Leben gegen den Tod, auf Freiheit statt Unterdrückung, auf Frieden statt Gewalt, auf Gerechtigkeit statt Anhäufung von Besitz. Damit diese biblisch Hoffnung auch zu meiner Hoffnung und zur Hoffnung der Predigthörerinnen und Hörer werden kann, muss ich sie mit den Herausforderungen meiner Gegenwart in ein Verhältnis setzen.

 

Und natürlich möchte ich, dass meine Predigt auch draußen vor der Kirchentür noch weiterwirkt. Mir geht es darum, meinen Hörerinnen und Hörern eine Orientierung und Hilfe zum eigenen Nachdenken zu geben. Ich möchte eine Haltung erzeugen und ihnen helfen, für sich selbst die Frage zu beantworten: Was soll ich als Christ, als Christin zu dieser oder jener politischen Frage sagen, wie soll ich mich verhalten? Welche Orientierung gibt mir dabei Gottes Wort? Diese schwierige Arbeit kann und will ich als Predigerin niemandem abnehmen. Aber ehrlich gesagt, ist es mir lieber, jemand ärgert sich mal kräftig über meine Predigt, als wenn am Ausgang nur Lächeln und Händeschütteln stattfinden – ohne eine weitere Reaktion.

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