Unterbrich dich

Wort zum Tage
Unterbrich dich
15.07.2021 - 06:20
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In einer kurzatmigen, beinahe atemlosen Gesellschaft ist Nichtstun keine Option. ‚Aktive Erholung‘ ist angesagt, neudeutsch: Workout, um die Fitness zu steigern. Lange waren die Fitnesscenter und Gesundheitsclubs im Lockdown geschlossen, jetzt öffnen sie wieder. Das englische Wort Workout meint jedoch nicht, dass ich eine Pause von der Arbeit habe, sondern: Die Arbeit selbst hat vorübergehend eine Auszeit.

Wenn die Zeit der Erholung nur dazu da ist, damit man später in der Arbeit wieder besser funktioniert, dann ökonomisiert der Mensch selber pfeilgrad sein Seelenleben durch. Dann betrachtet er das eigene Selbst wie ein Unternehmen, das ständig auf Verbesserung aus und dem Diktat der Selbstoptimierung verpflichtet ist. So haben viele den alten Ablasshandel gegen einen neuen für die Götter ‚Ich-Aktie‘ und ‚optimiertes Selbst‘ eingetauscht. Niemand kommt sich dabei besonders religiös vor, ist es aber, denke ich.

Dass sich Menschen allzeit kreativ, flexibel und eigenverantwortlich verhalten müssen, ist gut und richtig. Doch die Religion der Selbstoptimierung fordert in der Corona-Pandemie größere Opferbereitschaft: Alles, was ich gelernt habe und gut kann, steht zur Disposition. Gar nichts ist sicher.

Der Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling hat diesen Stress sehr treffend in seinem Buch ‚Das unternehmerische Selbst‘ beschrieben. Der Zwang zur Selbstoptimierung ist ein andauernder Prozess, in dem jede Niederlage zur neuen Chance umgedeutet werden muss. Da habe der Mensch gar keine andere Wahl, er muss das Optimum wählen müssen.

Deshalb sieht der Soziologe wenig Chancen, wie sich der Mensch gegen das Regime der unternehmerischen Anrufung wehren könne. Aber er plädiert dafür, jede dieser Chancen zu nutzen. Denn der Mensch brauche nutzlose, zweckfreie und spielerische Unterbrechungen, um sich dem unternehmerischen Kraftfeld entziehen zu können.

Für mich sind die zweckfreien Tätigkeiten, mit denen ich mich selber unterbreche, zum Beispiel die Auszeit am Morgen, das bewusste Ein- und Ausatmen, das Singen und Atempausen machen, die Anrufung Gottes, auf dem Rücken im Meer, im Wasser liegen, das Feiern eines Gottesdienstes.

Unterbrich dich selbst – so könnte das Gebot der Stunde lauten. Ausschnaufen, Atem holen – es gibt viele Worte für jene besondere Zeit, die keinen anderen Zweck hat als den, zweckfrei zu sein. Eine heilige Pause, in der ich zu mir selber finde. In der womöglich Gottes Geist mich findet. In der ich Mensch sein darf. Unterbrich dich selbst. Lass dich unterbrechen von Gott.

Zitate: Ulrich Bröckling. Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Suhrkamp-Verlag (2007) 5. Aufl. 2013, Seite 292f., 287). 

Es gilt das gesprochene Wort.