Vom andern aus

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Schmerzlich ist es für einen Vater, wenn ihm der Sohn verlorengeht. Davon erzählt das berühmte Gleichnis vom verlorenen Sohn. Alle Eltern können das verstehen und stöhnen: „Warum ist er bloß so ein Hallodri, dieser Sohn?“ Aber könnte es – zumindest hier auf Erden – nicht auch am Vater gelegen haben? Das hat sich der Dichter Joachim Ringelnatz gefragt und dazu eine wehmütige Geschichte erfunden. Sie trägt die Überschrift: Vom andern aus lerne die Welt begreifen. Vater und Sohn sind sich hier herzlich zugetan. Der Vater, ein redlicher Gutsbesitzer, freut sich an seinem herangewachsenen Sohn. Und was magst du nun werden? fragt er ihn. Etwas unsicher antwortet der Sohn: „Ein Seemann.“ „Aber das ist doch nichts für dich!“ meint der Vater, „denk nochmal nach!“ Das tut der Sohn dann auch und als ihn der Vater nach ein paar Wochen wieder fragt, sagt er diesmal: „Ich möchte Flieger werden.“ „Nein, mein Junge, das lass ich nicht zu. Das ist zu gefährlich“, erwidert der Vater, „denk nochmal nach. Aber allzu lange solltest du nicht mehr herumhängen.“ Nun, der Sohn hängt doch noch eine Weile herum, fragt sich, wer wohl glücklicher sei, die Schildkröte im Garten oder die Vögel in den Bäumen. Und dann schleicht er sich eines Tages davon, um es den Vögeln gleichzutun und zu fliegen. Wie es der Vater vorhergesehen hat, stürzt er erstmal ab. Doch da ist auch jemand, der ihn rettet. Und der Sohn versteht: Fliegen will gelernt sein. Er beginnt zu lernen. Hat aber auch Sehnsucht nach dem Vater, kehrt irgendwann zu ihm zurück. Stumm fallen sich die beiden in die Arme. „Man kommt nicht weit, wenn man sich heimlich entfernt.“, sagt der Vater lächelnd und hat sonst nichts zu fragen. Und dann ist eines Tages der Sohn doch wieder weg. Wieder stürzt er erstmal ab und schafft es dann doch: Er wird ein Seemann. Immer noch hat er Sehnsucht nach dem Vater, aber zurück will er erst, wenn er Kapitän ist. Wenn er vor den Vater treten kann und sagen: Ich hab‘s geschafft. Nur, als es so weit ist, lebt der Vater nicht mehr. Im verlassenen Haus findet der Sohn ein Blatt von Vaters Hand. Darauf steht mit zittriger Schrift: „Es sind die harten Freunde, die dich schleifen. Wer nimmer fragt, merkt nicht, was er verlor. Vom andern aus lerne die Welt begreifen.“ So hatte sich dem armen Vater während des langen Wartens das Herz wohl aufgetan für die Träume seines Sohns. Seine Selbstgewissheit hatte sich abgewetzt im Verlangen, ihm nah zu sein. Und es hat ihm gedämmert: Es hat nicht gereicht, dass ich es gut mit ihm meinte. Ich hätte fragen sollen statt immer schon zu wissen. Vom andern aus lerne die Welt begreifen. Ob es wohl immer eine Leidensgeschichte braucht, bis das im eigenen Herzen ankommt?

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Joachim Ringelnatz, Vom andern aus lerne die Welt begreifen, in: Ringelnatz, Gedichte und Prosa, Diogenes, Zürich 1994

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