Wächter gesucht

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Es gibt einen Preis für Journalisten in unserem Land, der seit 1969 jährlich von der Stiftung „Freiheit der Presse“ vergeben wird. Ausgezeichnet wird eine kritische, investigative Berichterstattung über Korruption und Vetternwirtschaft, über Missstände und Missbrauch. Dieser Preis trägt den bezeichnenden Namen „Wächterpreis“. Unsere Welt braucht Wächter und Wächterinnen. Sie sind unverzichtbar, von jeher. Schon in der Bibel heißt es, dass Gott Wächter über Jerusalem bestellt hat. (Jesaja 62,6) „Wächter“ waren im alten Israel die Propheten, die dem Volk schonungslos Gottes Wort und Wahrheit zu sagen hatten wie zum Beispiel Jesaja oder Jeremia!

 

Wie weit das Bild vom Wächter reicht und wie persönlich es gemeint ist und alle Menschen umschließt, macht der Psalmbeter deutlich, wenn er erklärt: „Herr, stelle eine Wache vor meinen Mund, eine Wehr vor das Tor meiner Lippen.“ (Psalm 141,3) Wohl dem, der einen solchen Wächter hat! Wer hat es nicht schon manchmal gedacht: Ach, könnte ich die unbedachten Worte doch noch einmal zurückholen, die ungewollt einen Brand ausgelöst und zwischenmenschlichen Flurschaden angerichtet haben. Aber zu spät! Da war keine Wache vor meinem Mund. Oder der Wächter vor dem Tor meiner Lippen hat geschlafen. Wächter sind nötig und durch nichts zu ersetzen. Ganz besonders in unserer so geschwätzigen, von Twitter und Facebook dominierten Zeit.

 

Kennzeichen des Wächters ist (in biblischer Sicht) die Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist mehr als Wachsein. Wer aufmerkt, läuft nicht mit gesenktem Kopf durch die Welt, wo er nur noch sich selbst sieht, aber andere Menschen aus den Augen verloren hat. Wer aufmerkt, lebt in Augenhöhe mit anderen Menschen, wo immer auf dieser Erde. Aufmerksamkeit ist ein Kraftfeld, in dem das Ich kleiner wird und das Du immer größer.

 

Im Aufmerken steckt eine Bewegung nach oben – hin zu Gott. Sie kennzeichnet den Wächter und macht, dass er die Menschen dieser Erde mit Gottes Augen sieht und versteht. Aufmerksamkeit öffnet uns die Augen für den Reichtum anderer Religionen und erschließt uns den Weg, jeden Menschen, welcher Glaubensweise er auch angehört, als Bruder und Schwester wahrzunehmen, ihm also mit Respekt und Achtung zu begegnen und ihn in seiner Andersheit anzunehmen. Aufmerken ist der wesentliche Gehalt der Gottesliebe und Nächstenliebe.

Ein aufmerksamer Blick ist wie ein Gebet. Aufmerken ist Leben in einer Ich-Du-Beziehung – vom großen Du Gottes her und hin zum zwischenmenschlichen Du. Was wir brauchen, ist eine Kultur der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit. Jeder Mensch ist zum Wächter bestellt, wo immer auf dieser Erde und welcher Religion er auch angehört.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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