Wir Migrantenkinder

Wort zum Tage
Wir Migrantenkinder
13.02.2019 06:20
03.01.2019
Evamaria Bohle
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Migrantenkinder sind wir alle. Man muss nur weit genug zurückgehen, bis man in der eigenen Familie auf Ausländer stößt. Ausland ist relativ. Hannover lag für Sachsen früher auch im Ausland. Geschichte fängt ja nicht erst bei den Urgroßeltern an.

Ich bin in einer westdeutschen Kleinstadt aufgewachsen. Im vergangenen Jahrhundert. Wir waren zugezogen. Niemand kannte die Eltern meiner Eltern oder ihre Großeltern. Wir waren Fremde. Kultur, Mentalität, Werte – es gab Reibungen. Die Gebräuche, die das Jahr strukturierten, die Gesetze der Vorgartenpflege, die Art zu feiern blieben meinen Eltern fern. Sie waren freundlich, aber hielten Distanz. Sie brachten sich ein, und hielten sich zurück. Ihr Deutsch war perfekt, aber klang ein wenig anders als das von den Nachbarn. Mit 18 verließ ich mein Städtchen. Auch die alten Eltern kehrten in ihre alte Heimat zurück. Integration gescheitert.

Auch heute bin ich nicht von hier. Nur zugezogen, wieder weggezogen und zurückgekehrt. Jobnomadin. Durch die Stadt, in der ich heute lebe und die früher in einem anderen Land lag, weben sich Erinnerungen. Eigene, geteilte und gelernte: Meine Geschichten, eingebettet in deutsche, in europäische Geschichte, ergeben einen ganz persönlichen Stadtplan: Küsse und Krisen. Stolpersteine und Mauerreste. Lieblingsrestaurants, Spazierwege, Ausblicke. Die befreundete Nachbarschaft und die geliebte Anonymität. Die fremden Menschen und Lebensstile. Das Ruppige, Herzliche, Unvorhersehbare. Die Stille in meiner Straße. In dieser Fremde fühle ich ein Zuhause.

Wo ich ursprünglich herkomme? Für wen ist das wichtig? Wir sind Migrantenkinder, alle, und noch ist niemand auf die Idee gekommen, uns den Pass zu verweigern, den wir quasi zum Geburtstag bekamen. Zusammen mit Grundgesetz, Sozialstaat, Schulpflicht, Schluckimpfung und anderen Leckereien.

Der Himmel weiß, wo ich, du, er, sie, es… ursprünglich herkommen. Das war doch so: Erst musste Gott das Licht schaffen, dichten die Alten. Himmel und Erde, Tiere, Pflanzen und so weiter. Dann kam der Mensch. Mord und Totschlag, Weltuntergang und die Geschichte: Aborigines, Römisches Reich, die sieben Samurai, Schießpulver, James Cook, Thüringer Klöße, Sindbad, die Seefahrerin, Jesus von Nazareth, Otto-Motor, Menschenrechte, meine Eltern, deine Eltern, wir.

So war das nämlich: Wir wurden ausgesetzt auf unserm Planeten. Ursprünglich. Und wenn es gut geht, suchen wir Frieden und teilen Brot, Wasser und Hoffnung.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

03.01.2019
Evamaria Bohle