Eine Frage des Anstandes

Pastoralreferentin Lissy Eichert
Pastoralreferentin Lizzy Eichert

Foto: rbb/Walter Wetzler

Pastoralreferentin Lizzy Eichert

Guten Abend!

Nächste Woche reist Papst Franziskus nach Ägypten.

Ägypten… Ich denke an Pyramiden und Pharaonen, an unsere berühmte Nofretete in Berlin, an die Erzählungen der Bibel von Mose und seinem Zug durchs Rote Meer. Oder, in der jüngeren Geschichte, an den „arabischen Frühling“, die Moslembruderschaft, an die Herrschaft des Militärs.

Und nun die Bombenanschläge auf koptische Christen. Die Botschaft hinter dem Grauen: Das uralte koptische Christentum soll aus Ägypten verschwinden. In den Augen der Islamisten sind Kopten „Ungläubige“, „Kreuzritter“.

Dennoch  kommen Christen und ihre muslimischen Nachbarn in Ägypten einigermaßen friedlich miteinander aus. Eine Pogromstimmung herrscht nicht, Gott sei Dank! Wohl auch, weil Kopten, wie auch andere Christen und Juden, eine vom Koran geschützte Minderheit sind.

Trotzdem werden sie seit Generationen benachteiligt und diskriminiert. Dabei bestätigt sich: Weltweit sind Christen die am meisten bedrohte Religionsgemeinschaft. Nicht nur in Ägypten, sondern auch in Syrien, im Irak oder in der Türkei und anderswo.

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Mich treibt es um, dass sich diese Christinnen und Christen von ihren Glaubensgeschwistern, also auch von mir, im Stich gelassen fühlen. In Berlin leben viele von ihnen jetzt als Flüchtlinge. Wir treffen immer wieder mal zusammen, zum Gebet, bei Mahnwachen oder bei geselligen Anlässen. Manche haben die Hoffnung auf friedliche Lösungen aufgegeben.

Mir ist ihr Schicksal nicht egal.

Durch die Anschläge auf ägyptische Christen wurde mir einmal mehr bewusst, wie komfortabel wir hier bei uns den Glauben leben: Wir können in die Kirche gehen, ohne Todesangst haben zu müssen. Können Gottesdienst feiern und Schulen gründen. Oder auch mal in der Öffentlichkeit „Großer Gott, wir loben Dich“ singen.  

Doch wenn jemand bedroht wird, frage ich nicht nach seiner Religion. Solidarisch zu sein, ist eine Frage der Haltung, des Anstands, des Charakters. 

Wo mir das Leid des Nächsten gleichgültig ist, da wird die Welt - kalt.

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Mich beeindruckt, dass Papst Franziskus gerade jetzt nach Ägypten reist – trotz  der Anschläge. Er besucht Christen, und er trifft sich mit Muslimen. So will er das Gespräch zwischen ihnen wieder in Gang bringen. Er versucht es zumindest.

Papst Franziskus trägt den Titel Pontifex – Brückenbauer. Menschliche Brücken bauen zwischen Kulturen und Religionen. Das heißt hingehen und bezeugen: Ich stehe an eurer Seite. Es ist mir nicht egal, was euch passiert.

Ich bewundere Leute, die ein Klima schaffen, in dem - trotz aller Konflikte  - miteinander geredet werden kann.

Brückenbauer. Ein Titel, der ein Auftrag ist. Für den Papst - wie für mich. Das wird nicht immer gelingen. Aber zumindest versuchen können wir es.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

 

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