Vielen Dank!?

Pastor Christian Rommert

Pünktlich zum Erntedankfest, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, pünktlich zum Erntedankfest fragen sich viele: Wofür nur sollen wir uns bedanken? Für viele geht ein desaströses Jahr zu Ende. Miese Ernten und schlechte Erträge beim Getreideanbau. Aber nicht nur Landwirte haben Sorgen, auch Dieselfahrer, die fragen sich: dankbar sein wofür? Dass ich umrüsten muss? Einen Haufen Ärger habe? Und im Osten zum Tag der deutschen Einheit: Soll man da dankbar sein? Noch immer gibt es ein unfaires Gefälle bei den Löhnen, bei den Renten, auf dem Arbeitsmarkt. Deutschland driftet auseinander. In Arm und Reich. Alles pünktlich zu Erntedank. Immer fühlt sich jemand als Verlierer. Abgehängt. Ich lebe im Ruhrgebiet und ich stamme aus dem Osten. Ich kann dieses Gefühl verstehen. Also: Wofür sollen wir dankbar sein?

 

Die Winzer, die wissen es: Sie erwarten einen großartigen Jahrgang. Auch Obstbauern und Gärtner: Äpfel und Pflaumen gibt es reichlich. Die Schwimmbäder sind dankbar für den Jahrhundertsommer. Die Hotels an Nord- und Ostsee auch. Was macht man also, wenn es der einen gut und dem anderen schlecht geht?

 

In vielen Kirchen steht morgen ein reich gedeckter Erntedanktisch. Menschen bringen das, was sie geerntet haben, zum Altar. Immer noch. Seit Jahrhunderten. Eine Ahnung, dass wir abhängig sind von der Natur, auch wenn wir noch so viel Maschinen und Dünger einsetzen. Und ein Dank an Gott, weil wir wissen, dass wir in unserem Leben vieles auch ohne Zutun geschenkt bekommen. In meiner Kirche gibt es außerdem noch die Tradition, dass sich hinterher jede und jeder am Erntedanktisch bedienen kann. Wir teilen die Möhren, Äpfel und Kohlrabis.

 

Dieses gemeinsame Teilen am Erntedanktisch - ein winzig kleines Zeichen, na klar. Eine Utopie. Ist es deshalb falsch? Wenn wir zusammenlegen, haben alle etwas davon und können sich freuen. Ich habe die ersten Christen als Vorbild: Was mich an ihnen begeistert, ist die Tatsache, dass sie Pechvögel und Erfolgstypen, Arme und Reiche ganz anders betrachteten als wir. Von den ersten Christen in Jerusalem heißt es: „Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.“ In dieser Gemeinschaft waren Arme mehr als Almosenempfänger. Sie waren Mitchristen, Mit-Menschen. Und Reiche waren nicht nur Glückpilze, die aufgefordert werden mussten, etwas abzugeben. Auch sie waren Mit-Menschen. Und der eigentliche Gewinn war das Mit-Einander, die Gemeinschaft.

 

Ist dieser Traum zu groß? Begegnung. Beziehung. Gemeinsam Essen. Gemeinsam genießen. Arm und Reich. Alt und Jung. Ost und West. Das ist nicht einfach. Einfacher wäre: Jeder bringt seine Früchte zum Altar und packt sie hinterher wieder ein. War ja schließlich meine Arbeit! Das ist eigentlich unsere Tendenz. Jeder für sich. Warum also Teilen? Damit alles nicht noch mehr auseinander driftet. Und auch weil im nächsten Jahr schon alles anders sein kann. Auch für mich! Erntedank nicht als Akt der Großzügigkeit. Sondern als Zeichen für Begegnung, Mitmenschlichkeit. Jeder und jede hat etwas einzubringen. Wir sind Menschen mit Würde und Wert. Ich glaube, wir schulden einander nicht Almosen. Ich glaube, wir schulden einander Mitmenschlichkeit und Begegnung. Ja, in diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes Erntedankfest und einen gesegneten Sonntag.

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