Gottesdienst aus der Bartholomäuskirche in Halle (Saale)

Bartholomäuskirche in Halle (Saale)
Gottesdienst aus der Bartholomäuskirche in Halle (Saale)
Predigt von Pfarrer Ralf Döbbeling
04.01.2015 - 10:05

Kind: Warum habt ihr mich gesucht?

Mutter: „Jesus, das fragst du?! Weil du dich nicht abgemeldet hast. Du bist einfach in Jerusalem geblieben. Dein Vater und deine Mutter sind schon eine Tagesreise auf dem Weg nach Hause gewesen. Wir haben uns Sorgen gemacht. Und du sitzt hier im Tempel. Und tust so, als wenn das völlig normal wäre. Nicht deine Eltern, sondern Du musst dich erklären.“
 

Nun kann man sich fragen, ob Maria und Josef allzu sorglos mit ihrer Aufsichtspflicht umgegangen sind. Sie sind einen Tag mit der Reisegruppe der Galiläer unterwegs gewesen, ohne sich einmal nach ihm umzusehen. Sie vermuteten ihn unter den Gefährten. Oder bei den Verwandten. Eine Kontrolle wäre besser gewesen als blindes Vertrauen. Erst am ersten Etappenziel steigt ihn ihnen die Ahnung und mit der Ahnung die Angst auf. Der Knabe ist nicht dabei. Wo sollen sie ihn suchen? Er ist nicht mehr klein. Er ist auf dieser Reise religiös mündig geworden. Er ist jetzt ein Bar Mizwah – ein Sohn des Gesetzes. Das ist wie bei uns die Konfirmation. Doch das bedeutet nicht, dass ein Heranwachsender kein dummes Zeug mehr macht. Ganz im Gegenteil, möchte man sagen. Sie (müssen morgen) mussten in aller Frühe die Tagesreise nach Jerusalem zurückgehen.

 

Kind: Wusstet ihr nicht, dass ich in dem meines Vaters sein muss?

Mutter: „Nein, Jesus das wussten wir nicht. Woher sollten wir das auch wissen. Seit wann ist Dir das denn so klar? Dein Elternhaus steht doch eigentlich in Nazareth.

In dem deines Vaters. Meinst Du damit den Tempel, wenn Du sagst: in dem meines Vaters?“      
 

Jesus hatte offensichtlich nicht zufällig den Anschluss verloren. Er war nicht mal eben noch Pipi machen, als die Reisenden schon aufbrachen. Er war absichtlich im Tempel geblieben. Er hatte eine eigene Entscheidung getroffen. Als Zwölfjähriger ist er drei Tage unter erwachsenen, gelehrten Männern. Er fragt sie aus. Und hört ihnen zu. Er antwortet, als sie beginnen, rückzufragen. Er versetzt sie in Staunen.

Kinder und Jugendliche sind im Tempel erwünscht. Auch Babies. Täglich werden Kinder von ihren Eltern gebracht, damit sie gesegnet werden. Sie freuen sich über die Geburt ihres Kindes und danken Gott. Sie opfern Gott wie es Brauch ist. Und beten für ihre Kinder. Die Kinder begleiten ihre Eltern gewöhnlich auf die jährlichen Wallfahrten. Und die Fragen der Kinder werden gehört und beantwortet. Das war damals dort genauso selbstverständlich wie heute hier.

Die Kindersegnung ist ein Teil unseres Gottesdienstes. In jedem Gottesdienst bringen Eltern ihre Kinder nach vorne. Solange sie noch nicht laufen können, werden sie getragen. Später kommen sie selbstständig zum Altar gelaufen und werden gesegnet. Das tun die Eltern in dem Gefühl, ihre Kinder Gott anvertrauen zu dürfen. Sie bitten Gott um Segen für das Kind. Lange schauen die Kinder ihren Eltern zu, ahmen sie nach und lernen so zu beten, wie die Eltern beten. Das Tun der Großen ist ebenso geheimnisvoll wie faszinierend. Doch es kommt die Zeit, wenn auch der Glaube eigene Füße bekommen muss. Dann kommen Kinder auf eigenen Antrieb, sie hinterfragen und beginnen einen eigenen persönlichen Glauben.

Kinder haben ein Recht auf eine religiöse Erziehung. Doch egal, wer hier segnet. Selbst wenn ein Vater sein eignes Kind segnet, gibt er dem Kind nicht, was er selber hat. Es ist von dem, was des Vaters ist. Es ist Gottes Segen.

Wusstet Ihr nicht, dass auch Eltern in dem sein müssen, was des Vaters ist, um ihren Kindern Segen weitergeben zu können?

 

Kind: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem meines Vaters sein muss?            
 

Die Eltern müssen ihr Kind suchen. Sie sind einen Tag ahnungslos ohne Jesus unterwegs und noch einen in der Ungewissheit, ob sie ihn wiederfinden werden. Erst am dritten finden sie ihr Kind.

Wie oft suchen wir Jesus? Er ist uns verloren gegangen. Einen Tag ist er noch unbemerkt verschwunden. Vielleicht ist er sogar schon länger nicht mehr da. Er hinterlässt keine Spuren mehr. Die Kirche ist zwar noch im Dorf. Doch Worte formen sich nicht mehr zum Gebet. Die Gewissheit, dass Gott mitgeht, ist verloren.

Ich glaube, dass viele Menschen solche Erfahrungen in ihrem Leben kennen. Auch so genannte Glaubensvorbilder. Die von denen man sagt, ihr Glaube sei tief und gegründet. Nur sie selbst wissen, wie oft ihnen Jesus verloren gegangen ist. Vielleicht sind es gerade diese Zeiten. Jesus hat im Leben von Mutter Theresa, von Martin Luther King, von Rosa Parks und Jochen Klepper gerade in den dürren Zeiten an Alter, Weisheit und Erkenntnis zugenommen. Während die Brunnen/Quellen des Lebens nicht sprudelten, sondern der Lebensmut nur tropfte. Während wir Jesus scheinbar nur suchen, wird der Raum, den er in unserem Herzen hat, größer.

Das ist so bei den Kindern und auch bei den Altgläubigen. Glaube, wenn es Glaube ist, ist nicht starr, sondern immer frisch.

 

 

 

Kind: Warum habt ihr mich gesucht?

Mutter: „Jesus, Du kannst wirklich komische Fragen stellen. Du bist unser Kind.“           
 

Die Schriftgelehrten waren erstaunt über die klugen Antworten des Knaben. Das war kein Neunmalkluger. Der hatte etwas drauf, was man durch Konfirmandenunterricht allein nicht lernen kann. Die Kundigen und im Tempel Heimischen erlebten, was auch im Tempel nicht alltäglich ist. Äußerlich sind sie täglich im Tempel, sie gelten als fromm, aber sie treibt die Sehnsucht zu erfahren, ob es Gott gibt und wie er denn so ist.

Auch Maria und Josef stellen Jesus Fragen. Sie stellen diese Fragen nicht nur als seine Eltern. Sie sind erstaunt über die Gelehrtheit ihres Sohnes. Er spricht von Gott, als wenn er ihn direkt hören könnte.

Die Religionssoziologen behaupten: es gäbe solche, die vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Sie kennen die Kirche noch als den Tempel des Ortes. Doch die Sehnsucht nach einem Gott, die sich darin manifestiert, bewege sie nicht. Sie fänden es normal nicht gesegnet zu werden.

Es ist schon sehr viel darüber nachgedacht und geschrieben worden. Vieles bleibt Spekulation. Vielleicht reicht einfach die Erwartung von Findefreude? Ist die Lage der Eltern Jesu, der Gelehrten und der religiös Unmusikalischen wirklich so unterschiedlich? Jedem schwindet von Zeit zu Zeit die Gewissheit, dass Gott zu finden ist. Maria und Josef haben den halbwüchsigen Jesus nicht verstanden. Aber sie haben sich gefreut, und waren erleichtert, dass er da ist. Sie haben ihn gefunden und aufgepasst, dass er mit nach Hause kommt. Er wollte ja auch nicht weglaufen. Er musste in dem seines Vaters sein. Ein Mehr als das Elternhaus. Ein Mehr als ein Tempel. Wofür wir bisher noch keinen Namen hatten. Das hört sich ja auch ein bisschen so an: wie dieses Ding oder Nichtding. Dieses Dingsda. Das meines Vaters. Aber man kann in dem des Vaters drin sein, ohne es besser benennen zu können. Aber es hilft, wenn man dazu Jesus sucht.

Wenn die Christen von ihrem Glauben sprechen und sagen, nach Jesus musst du schauen. Dann hört sich das manchmal so an wie der Hinweis auf ein Dingsda. Doch sie reden so fröhlich, als hätten sie ein Kind gefunden.

Und das ist gewiss. Mit diesem Jesus hat Gott nicht nur seine Eltern überrascht, sondern uns alle gesegnet.

 

Amen.