Nähe braucht keine Gleichheit

Feiertagsansprache
Nähe braucht keine Gleichheit
Feiertagsansprache: Pfingsten
15.05.2016 - 12:00

Von einem kleinen Pfingstwunder erzählt Angelika Obert und wie es kommt, dass Fremde sich manchmal unversehens nah kommen, aber Nächste sich auch fremd werden können.

 

Drei kommen sich nah

Lustlos mache ich mich auf den Weg. Das Rathaus Wilmersdorf, in dem jetzt mehr als 500 Flüchtlinge hausen, ist doch eine sehr fremde Welt. Ziemlich trostlos auch, dieses riesige alte Bürogebäude. Im vierten Stock werde ich mich in einem schmalen Raum einfinden, dem man den Mief von Jahrzehnten noch anriecht. Ein paar ausrangierte Schulmöbel , eine schmierige Tafel. Wär's nicht viel besser, den Abend gemütlich zu Hause auf dem Sofa zu verbringen? Ich weiß ja auch gar nicht, wie man das richtig macht, Deutsch für Ausländer. Ich bin ja nur eine Ehrenamtliche und unsere Kurse sind nicht gut organisiert. Man weiß nie, wer kommt.

Heute Abend kommen zwei, eine blutjunge Iranerin und ein Pakistani, beide zum ersten Mal. So kämpfen wir uns gemeinsam durch die Anfänge: Ich bin. Du bist. Wir sind. Ich lerne, du lernst, wir lernen. Wir freuen uns über unsere Erfolge, lachen miteinander und kommen uns in dieser einen Stunde herzlich nah.

Innerlich belebt und bester Laune kehre ich aus der fremden Welt zurück, voller Verwunderung: Wie kann es sein, dass drei so verschiedene Menschen so schnell miteinander vertraut werden, obwohl sie doch gar keine gemeinsame Sprache haben? Was wir gemeinsam hatten, war nichts als die Bereitschaft, aufeinander zu hören und miteinander zu lernen. Und wie von selbst stellte sich dann dieses Dritte auch ein: Nähe.

 

Was die Pfingstgeschichte erzählt

Wenn ich denke, wie mulmig mir vorher war, dann kommt mir das doch wie ein kleines Pfingstwunder vor, obwohl uns die Verständigung ja nicht vom Himmel fiel.

Aber auch in der biblischen Pfingstgeschichte ist davon ja gar nicht die Rede, dass plötzlich alle dieselbe Sprache gesprochen hätten, als der Geist Gottes die Jünger Jesu ergriff. Erzählt wird vielmehr, dass es die Jünger nicht mehr im Haus hielt, als der Geistbraus sich erhob. Sie wollten nicht mehr für sich sein, getrennt von den vielen Andern, die sich in diesen Tagen in Jerusalem aufhielten – Menschen aller Herren Länder, nicht weniger als fünfzehn zählt die Apostelgeschichte auf.

Weggefegt hatte der heilige Wind die Ängstlichkeit aus den Herzen der Jünger, so dass es ihnen sonnenklar aufging: Gottes Nähe, die wir erlebt haben, Gottes Ja zu uns, das bleibt bestehen. Und es gilt auch allen andern, wo immer sie herkommen. So trieb es sie auf die Straße und das Wunder geschah: In vielen verschiedenen Sprachen wurden sie verstanden.

 

Frieden unter den Verschiedenen

Nicht dass sie plötzlich alle eins waren, bewirkte der Heilige Geist, sondern dass sie sich in ihren verschiedenen Sprachen einander nah kamen. Das Anderssein der Andern war keine Bedrohung mehr. Alle Fremdsprachen dieser Welt flossen ja doch zusammen in der einen unerhörten Sprache Gottes.

So wird in der Bibel vom Pfingstwunder erzählt als einer Hoffnungsgeschichte, die uns die Richtung weist: Gottes Geist will Frieden wirken unter den Verschiedenen. Nähe braucht keine Gleichheit.

 

Aufeinander hören, miteinander lernen

Viele Ehrenamtliche haben diese Erfahrung in der Begegnung mit den Flüchtlingen gemacht. Aber das Gegenteil erleben wir auch nicht selten – dass sich plötzlich riesige Entfernungen auftun sogar im engsten Familienkreis. Gerade da, wo man dieselbe Sprache spricht, fehlt sie ja oft: die Bereitschaft, aufeinander zu hören und miteinander zu lernen. Etwa wenn der Vater am Abendbrottisch mit grollender Stimme zur Tochter sagt: „Ich verstehe dich nicht!“ – und damit meint: Du fällst aus dem Rahmen, den ich setze. So können sich die Nächsten zu Fernsten werden. Und werden sich erst wieder nahe kommen, wenn sie Ja sagen können zu ihrem Verschiedensein. Wenn sie Lust haben, aufeinander zu hören und miteinander zu lernen.