Gottesdienst aus der Liebfrauenkirche in Neustadt am Rübenberge

Dreieinigkeitskirche Gräfenberg
Gottesdienst aus der Liebfrauenkirche in Neustadt am Rübenberge
15.03.2015 - 10:05

Pastor Marcus Buchholz

 

„Achtung, noch ein bisschen nach rechts, ja, schauen sie mal freundlich, jetzt lächeln.“ – Bevor ich Pastor wurde, habe ich einige Jahre als Journalist gearbeitet. Und bei einigen Geschichten, die ich recherchiert habe, habe ich meine Interviewpartner auch fotografiert. Denn Gesichter sind auch Nachrichten. Menschen tragen immer eine Geschichte mit sich herum: Davon erzählen die Falten, die Augenbraun, die Mundwinkel, das Zwinkern – so wie bei Andrew Wedman, der mit seinen feinen Gesichtszügen und seinen klaren blauen Augen sagt: Beim Orgelspiel treffe ich Gott.

 

Auf der anderen Seite sind Menschen gut darin, sich vorschnell von anderen ein Bild zu machen. Das geht ganz schnell und ist ganz einfach. Nicht nur mit der Kamera. Da begegnet man einem Menschen, gewinnt einen ersten Eindruck von ihm, bildet sich ein Urteil – ein Vor – urteil. Wie etwa bei dem Obdachlosen, der mich regelmäßig wegen einer Unterstützung besuchte – mit ausgelatschten Stiefeln, einem vergilbten Parker, einen ungepflegtem Bart, ungeschnittenen Haaren und einer Narbe an der rechten Wange. Er spare für eine eigene Wohnung, sagte er einmal. „Das schafft der nie“, so mein Vorurteil. Aber in der Tat: Nach zwei Jahren bezog dieser Mann seine eigenen vier Wände.

 

Wie leicht verfestigt sich die erste Momentaufnahme zu einem vorschnellen Urteil: arrogant, faul, dumm, einfältig, konservativ. Die Eigenschaftswörter stellen sich schnell ein. Fertig. Ein Menschenbild. Abgespeichert. Abgelegt.

 

Das war anders bei Jesus von Nazareth. Für ihn gab es keine festen Bilder oder Schnappschüsse von Menschen. Er hat andere Menschen nicht festgelegt. Er hat ihre Möglichkeiten gesehen. Er ist ohne Vorbehalte auf andere Menschen zugegangen – ob Zöllner, Prostituierte, reiche Kaufleute, oder Arme und Kranke. Du bist nicht nur das oder das. Du kannst auch anders. Besser. „Komm – und folge mir nach. Ein typischer Jesussatz – damals wie heute.

 

Im heutigen Evangelium wird erzählt: Zum Apostel Philippus kommen Pilger aus Griechenland und sagen zu ihm: „Herr, wir möchten Jesus sehen!“ (Johannes 12, 21). Sie haben von Jesus gehört, sie haben ihr Bild von Jesus, aber gesehen haben sie ihn noch nicht. Mit dem, was sie zu Philippus sagen, äußern sie einfach ihren sehnlichsten Wunsch. Einmal Jesus oder Gott sehen. Diesen Wunsch habe ich auch:

 

Vielleicht wäre der Glaube einfacher, wenn ich Gott sehen könnte. Dann wären alle Antworten auf alle Fragen schon da. Aber so einfach ist es nicht. Wie das ist mit dem Erkennen und Erkannt werden von Gott, davon spricht die heutige Lesung aus dem Ersten Korintherbrief. Da heißt es: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie auch ich durch und durch erkannt worden bin“ (1. Korinther 13, 12). Paulus greift das Bild von einem antiken Kupferspiegel auf. Was ich darin von mir sehe, ist nur ein verschwommenes Abbild meiner selbst. Es ist die Sehnsucht des Paulus, klarer sehen zu können. Und die Erkenntnis: Hier in diesem Leben wird uns das nicht gelingen.

 

„Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse.“ Das erste woran ich dabei denke, sind unterbelichtete Fotos. Ein dunkles, undeutliches Bild von einem anderen Menschen bekomme ich, wenn ich mir zu wenig Zeit nehme, dunkle Fotos, wenn die Kamera nicht lange genug hinschaut. Oder wenn ich eine zu kleine Blende wähle; wenn ich mich nicht richtig öffne für den anderen.

 

Jeder Mensch hat ein Recht darauf, richtig gesehen zu werden: scharf, klar, mit Konturen und mit Farben. So, wie Gott ihn ansieht.

Und ebenso ist es mit Gott selbst: auch ihn sehe ich mit ganz unterschiedlichen Gesichtern: Der liebende Gott mit milden Gesichtszügen, der Menschen das Leben schenkt. Der unbarmherzige mit kühlen Blick, der Menschen ins Leiden stürzt. Der gewaltige Gott mit klaren Augen, der Meer, Berge, Tiere und Menschen schafft. Bilder, die mein Glauben von Gott zeichnet. Wirklich erkennen kann ich ihn nicht.

 

 

Pastor Christoph Bruns

 

Viele schöne Gesichter sind in der Ausstellung in unserer Kirche zu sehen. Ihn ihnen spiegeln sich die Lebensgeschichten der Menschen. Das besondere an diesen Portraits ist für mich: hier kann ich den Menschen lange ins Gesicht schauen und kann über sie nachdenken, ich erfahre etwas über ihre Geschichte, über ihren Glauben. Eun Sil Song, zum Beispiel, sie ist in Korea geboren und lebt heute in Göttingen. Eine Frau mit einem gewinnenden und offenen Lächeln. Auf dem Foto ist sie im Gebet versunken, ein Kreuz hält sie in ihren Händen. Es ist ihr wichtig, denn das Kreuz verbindet ihre Beziehung zu Gott mit der Beziehung zu anderen Menschen, der senkrechte und der waagerechte Balken. Erst beide zusammen bilden das Kreuz. So sieht sie alle ihre Mitmenschen. „Es sind Gotteskinder“, sagt sie sich, „auch wenn ich sie nicht kenne. Unsere Herzen können einander erreichen.“ Dieser Glaube trägt sie durch ihr Leben.

 

Und dann denke ich an mein eigenes Gesicht – manchmal wenn ich vor dem Spiegel stehe und mir selbst lange ins Gesicht schaue – das bin ich mit meinen jetzt schon 57 Jahren. Mit meinen Lebenserfahrungen, den schönen wie auch den traurigen, der Freude und auch den eigenen Ängsten. Im Gesicht spiegeln sich meine Geschichte und auch mein Glaube. Wie gut ist es immer wieder die Zusage Gottes zu hören, wie wir sie eben von dem Jugendchor gehört haben: Du bist wert geliebt zu werden, ich halte dich und gebe dir Schutz in den Stürmen des Lebens. Dir möchte ich sagen, wer du für mich bist. Auch ich brauche diese Zusage immer wieder. Sie hält mein Leben.

 

Viele Menschen kommen in diese Kirche, jetzt in die Ausstellung, sonntags zum Gottesdienst oder einfach in der Woche um einen Moment inne zu halten und zu beten, oder um sich unsere Kirche einfach anzuschauen mit ihrer Kunst aus den unterschiedlichen Jahrhunderten. Menschen kommen in diese Kirche wie auch in ungezählte andere Kirchen auch, jede und jeder mit seinem Gesicht, mit seiner Geschichte, seinen Fragen und Zweifeln.

 

Ein Gesicht ist hier immer zu sehen, auch wenn die Foto-Ausstellung wieder an einen anderen Ort gezogen ist. Es ist Jesus am Kreuz. Sein Gesicht schaut weiter auf die Besucher, auch wenn die Portraits wieder abgehängt sind. Unser Altarbild ist moderne Kunst. Magnus Zeller aus Berlin hat es geschaffen. Christus am Kreuz. Aber es zeigt nicht nur den Leidenden. Christus wendet sich mit einem liebevollen Blick den Frauen unter dem Kreuz zu, den Menschen, die um ihn trauern. Ein Blick, in dem schon etwas von der Überwindung des Todes liegt. Etwas von den Worten, die Jesus nach der Überlieferung des Johannes-Evangeliums ganz am Schluss am Kreuz sagt: Es ist vollbracht. Der Tod konnte ihn nicht festhalten. Ostern, die Auferstehung, das Leben scheint durch die Darstellung des Leidenden hindurch.

 

Und genauso schaut Christus auch die Besucher vor dem Altar an. Ein Gesicht, das Barmherzigkeit und Zuwendung ausdrückt. Es sieht mehr als nur das Äußere auf unserem Gesicht. Mehr als nur die Falten und Furchen, mehr als das fröhliche Lachen oder ein Strahlen der Augen. Es sieht den ganzen Menschen dahinter mit seiner Geschichte.

 

Da wo wir Menschen uns oft die Frage stellen: Wer bin ich denn wirklich? Da sieht Jesus mein ganzes Leben. Paulus schreibt in dem Abschnitt aus dem Korintherbrief, dass wir jetzt noch wie in einen dunklen Spiegel sehen, dann aber werden wir erkennen, wie wir erkannt sind.

 

Jetzt noch haben wir unsere Fragen an das Leben. Jetzt noch bestimmen uns die Sorgen um unsere Welt. Die Fragen nach dem Sinn im eigenen Leben, wie auch die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit für die Menschen.

 

Einmal, so die Hoffnung des Paulus, werden diese Fragen an ihr Ende kommen. Jetzt noch bleibt vieles für uns im Dunkel. Aber dann werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Dann werde ich die Welt so sehen können, wir Jesus mich heute ansieht. Mit der Gewissheit des neuen Lebens auf seinem Gesicht, mit der Freude von Ostern her, der Gewissheit des neuen Lebens.

 

So möchte ich Jesus sehen lernen – und so verstehe ich die Pilger aus Griechenland, die im Evangeliumstext für diesen Sonntag zum Apostel Philippus sagen: „Herr, wir möchten Jesus sehen!“ Ich möchte erkennen, wie er mich sieht und eben auch den Menschen neben mir. Das Kreuz mit seinem senkrechten und waagerechten Balken schafft die Verbindung zu Gott und zum Mitmenschen. In dieses Bild gehöre ich hinein, so wie ich bin. Mit meinem Gesicht, mit meiner Geschichte.

So kann ich Jesus nachfolgen, so wie es damals die Pilger aus Griechenland wollten und seither Menschen immer wieder tun. Seine Botschaft von der Liebe in diese Welt zu tragen, zu den Menschen mit ihren Gesichtern und Geschichten.

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.