"Was für ein Fest"

Gottesdienst
"Was für ein Fest"
Gottesdienst aus der Evangelisch-methodistischen Friedenskirche in Tübingen
14.06.2015 - 10:05

Predigt von Pastorin Dorothea Lorenz


Liebe Gemeinde,

 

als Kind war das immer ein spannender Moment für mich: eine Klassenkameradin öffnet langsam ihren Schulranzen und zieht viele bunte Briefumschläge heraus: Die Einladungskarten zum Kindergeburtstag.

Während sie die Umschläge verteilt, bange ich und warte: Ist ein Umschlag mit meinem Namen dabei? Bin ich auch eingeladen?

Wenn ich einen Umschlag bekomme, ist meine Freude groß. Ich freue mich auf das Fest. Ich male mir aus, was wir da wohl alles erleben. Und es ist noch mehr als das: Ich freue mich, dass alle sehen können: Ich gehöre dazu. Ich bin bei den Eingeladenen.

Es ist schön, eingeladen zu sein. Und um nichts auf der Welt würde ich das Fest verpassen wollen.

Heute passiert es mir immer wieder, dass ich ein Fest versäume. Ich muss absagen, obwohl ich eigentlich gerne hin gehen würde: mal ist das Fest zu weit weg, oder der Termin ist bereits belegt. Jesus erzählt im Lukasevangelium von Leuten, denen es genauso geht.

 

 

Die Geschichte, die Jesus erzählt, hat viele Liederdichter inspiriert. So auch den methodistischen Komponisten Charles Wesley.

Sie hören nun die erste Strophe seines Lieds: Kommt alle, kommt zu Gottes Fest

Falls sie die Geschichte in ihrer Bibel nachschlagen möchten: Sie steht im Lukasevangelium in Kapitel 14.

 

Kommt alle, kommt zu Gottes Fest

1. Kommt alle, kommt zu Gottes Fest, / zu dem er euch jetzt laden lässt. /
    Kein Mensch soll nun noch draußen stehn, / zum Mahl des Herrn kann jeder gehn.

 

 

Jesus ist eines Sabbats mit wichtigen Leuten zusammen. Es sind Pharisäer und Schriftgelehrte, alles fleißige und gebildete Leute, die ihren Glauben ernst nehmen.

Ein Gast sagt zu Jesus: „Was für ein Glück ist es doch, wenn man zu Gottes Festmahl in seinem Reich eingeladen ist.“ Darauf antwortet Jesus ihm mit folgender Geschichte: Ein Mann hat ein großes Festessen geplant und viele Gäste eingeladen.

Als es nun soweit ist und das Fest beginnen kann, schickt er seinen Knecht los, um den Gästen zu sagen: „Ihr könnt jetzt kommen, es ist alles vorbereitet!“

Doch der erste Gast hat keine Zeit. Gerade erst hat er eine große Investition hinter sich gebracht. Er hat einen Acker gekauft. Jetzt zieht es ihn dorthin, denn er möchte seine Anschaffung in Ruhe betrachten. Da hat er keinen Kopf mehr für ein Fest, und sei es noch so schön.

    „Was für ein Fest?“ Ein Fest-Besuch ist momentan nicht drin.

 

Auch der zweite Gast nennt berufliche Gründe, warum er die Einladung nun auf keinen Fall annehmen kann. Er kann definitiv nicht kommen, selbst wenn er zunächst zugesagt hat.

Fünf Gespanne Ochsen hat er gekauft. Das ist weit über dem, was ein Landwirt üblicherweise zur Verfügung hat. Keine Frage: Erst einmal muss er die Tiere begutachten. Und dann schauen, wie sie am effizientesten zum Einsatz kommen.

Nach dieser bedeutenden Expansion bedarf es einer Anpassung sämtlicher Arbeitsabläufe. Dienstpläne müssen neu geschrieben werden und Neueinstellungen getätigt werden, schließlich braucht es genug Personal, um die Ochsengespanne zu führen.

„Was für ein Fest?“ Ein Fest ist in dieser Phase einfach nicht drin.

 

Der dritte Gast antwortet dem Knecht: „Ich habe gerade geheiratet.“

Eine Heirat wirft manche Pläne um. Die persönlichen Routinen funktionieren so nicht mehr. Es braucht Zeit, sich auf die Partnerin einzustellen. Auch die Wohngemeinschaft mit Eltern und Frau unter einem Dach muss sich erst zusammenfinden.

„Was für ein Fest?“ Das Fest, das schon längst im Kalender stand, passt nun einfach nicht mehr hinein.

 

Warum schlagen alle diese Leute die Einladung aus? Drei Gründe werden erzählt und alle drei klingen durchaus plausibel.

Die ersten beiden Herren bitten den Knecht wenigstens noch, sie beim Gastgeber zu entschuldigen. Beim dritten reicht es nicht einmal mehr dazu.

Für den Gastgeber aber sind die Entschuldigungen und Begründungen inakzeptabel.

Er ist enttäuscht.

Er ändert seinen Plan: Spontan werden andere Gäste eingeladen, die bislang nicht auf der Gästeliste standen:

Die Armen, sowie Menschen mit Behinderungen, die Obdachlosen, die Kranken.

Der Knecht weiß, wo sie anzutreffen sind.

Er kennt ihre Aufenthaltsorte in der Stadt und er weiß, nach wem er sucht:

Es sind diejenigen, von denen sich die Reichen lieber fern halten.

Es sind auch Menschen dabei, die bereits mehrmals mit den Vorschriften in Konflikt geraten sind;

Leute, die keine geschliffenen Umgangsformen haben,

solche, die sich für ein Fest nicht in Schale werfen können.

Die sonst Ausgeladenen sind nun die Eingeladenen.

 

Sie sagen alle spontan zu, denn sie haben keine anderweitigen Verpflichtungen.

„Was für ein Fest!“ freuen sie sich.

 

Und obwohl sie viele sind, ist der große Festsaal noch längst nicht gefüllt. So erweitert der Gastgeber den Radius. Er schickt seinen Knecht noch einmal los.

Jetzt geht der Knecht hinaus aus der Stadt ins Umland. Nun sind nicht mehr nur die Einheimischen, sondern auch Fremde eingeladen, mitzufeiern. Vielleicht sind auch solche dabei, die einen anderen Glauben haben.

Der Gastgeber heißt sie herzlich willkommen.

 

Soweit das Gleichnis, das Jesus damals seinen Tischgenossen erzählt hat. Aber was hat das nun mit mir zu tun? Wer ist dieser Gastgeber, und wo ist mein Platz in dieser Geschichte? Gehöre ich zu den Eingeladenen?

Sie hören nun die 2. Strophe des Liedes: Kommt alle, kommt zu Gottes Fest

 

Lied: Kommt alle, kommt zu Gottes Fest

2. Kommt, nehmt an Gottes Festmahl teil, / erfahrt in Christus euer Heil /
    und schmeckt die Güte unsres Herrn: / Esst Brot, trinkt Wein; er gibt es gern.

 

Liebe Gemeinde,

Was ist nun dieses große Fest, von dem Jesus erzählt? Es ist ein Bild für das Leben mit Gott.

 

Gott ist ein mächtiger und großzügiger Gastgeber, der Menschen in seine Gemeinschaft einlädt. Und zwar bis auf den heutigen Tag. Die Einladung zieht immer größere Kreise, bis hin zu uns, nach Deutschland ins Jahr 2015.

Der Knecht ist da und spricht uns an. Die Einladung gilt.

Wir sind geladene Gäste.

 

Das Fest ist ein Bild dafür, dass Menschen mit Gott zusammen sind. Diese Gemeinschaft mit ihm gibt es im Leben nach dem Tod. Doch nicht erst da: Auch jetzt schon lässt sich Gottes Gegenwart erleben. Und das hat durchaus etwas von einem Fest.

 

Feste haben etwas Unbeschwertes. Der Alltag kann getrost für ein paar Stunden vergessen werden. Auf Festen erleben wir Gemeinschaft und Fülle. Für alle Sinne ist etwas dabei: Leckeres Essen und Gerüche für Gaumen und Nase, gute Musik für die Ohren. Für die Augen eine Farbenpracht. Feste haben etwas Stärkendes.

 

So erlebe ich auch die Verbindung mit Gott. Gott ist da und stärkt mich.

 

Letzten Sonntag ist es mir so ergangen. Ich war an dem Morgen recht niedergeschlagen. Während meiner eigenen Predigt habe ich gemerkt, dass Gott mir gerade selbst predigt. Meine zuvor formulierten Worte haben mich plötzlich selbst ergriffen. Und an den Gesprächen hinterher habe ich gemerkt: Anderen ist es auch so ergangen.

Ich erlebe die Verbindung zu Gott nicht nur für mich allein, sondern auch inmitten anderer. Da ist dann eine Gemeinschaft, die niemand erzeugen kann. Einander Fremde – vielleicht sogar aus unterschiedlichen Ländern – sind sich ganz nah.

Eine Dame hat neulich erzählt, wie sie die Kraft der Gebete gespürt hat, die die Gemeinde für sie gesprochen hat, so lange sie im Krankenhaus war. Auch da ist etwas von Gottes Fest spürbar.

 

Jesus wirbt für das Fest. Er wirbt um die Menschen, die Nähe Gottes zu suchen. Doch damals, als Jesus das Gleichnis beim Mittagessen in einem vornehmen Haus erzählt hat, haben seine Zuhörer nicht erkannt, dass er selbst der Knecht ist, den der Gastgeber ausgesandt hat.

Da saß er mit lauter religiös gebildeten Männern zusammen. Doch sie verstanden nicht. Jesus hat genau dasselbe erlebt, wie der Knecht im Gleichnis. Dabei hätten sie ihn eigentlich verstehen können. Denn so, wie in der Geschichte, gab es auch für die Frommen seiner Zeit bereits eine Vorankündigung.

Sie hätten es merken können, weil bereits die Propheten im Alten Testament von der Einladung Gottes zum Festmahl reden. Zum Beispiel der Prophet Jesaja, wenn er sagt: „Hier auf dem Berg Zion wird der Herr, der allmächtige Gott, alle Völker zu einem Festmahl mit köstlichen Speisen und herrlichem Wein einladen, einem Festmahl mit bestem Fleisch und gut gelagertem Wein“.

Doch sie haben es nicht verstanden. So werden andere eingeladen, bis hin zu uns. Wir sind geladene Gäste und alle, die die Einladung hören, dürfen dabei sein. Und trotzdem schaffen wir es oft nicht, dieser Einladung zu folgen. Woran liegt das eigentlich? Feiern wir am Ende gar nicht gern?

 

Lied: Kommt alle, kommt zu Gottes Fest

3. Komm auch mit deiner Sünde Last. / Du bist willkommen, du bist Gast /
    an seinem Tisch, wer du auch bist, / weil er dich liebt und nicht vergisst.

 

Ich weiß nicht, welche Gedanken bei ihnen auftauchen, wenn sie an ein Fest denken. Vielleicht ist dieses Wort bei ihnen gar nicht so positiv belegt wie hier und sie denken an ein Fest mit missglückter Planung, mit zu wenig oder zu vielem Essen, schlechtem Wetter, zu lauter Musik und Tischpartnern, die so stumm sind, dass man ihnen jedes Wort aus der Nase ziehen muss.

 

Gottes Fest ist ein gelungenes Fest. Nichts trübt die Stimmung. Auch nicht die Verschiedenheit der Gäste. In Gottes Gegenwart passen sie zueinander. Es herrscht Freude pur.

Ich weiß auch nicht, ob Ihnen, wenn sie an Gott denken, als erstes ein Fest in den Sinn kommt. Viele denken bei Gott eher an Begriffe wie Langeweile, Gebote halten, spenden...

In Gottes Gegenwart geht es uns gut. Wir sind Beschenkte, denn Gott ist ein unübertroffener Gastgeber. Er kennt die Wünsche seiner Gäste, bevor ihnen diese überhaupt selbst bewusst sind. Er segnet ihre Gemeinschaft.

 

Wir sind geladene Gäste. Und ich weiß von vielen, die für das Fest bereits zugesagt haben. Doch leider passiert uns leicht das, was den Männern aus Jesu Gleichnis passiert ist: Anderes drängt in den Vordergrund, sodass für Gott und sein Fest keine Zeit bleibt.

Die Anforderungen im Beruf, mit Dienstreisen und Überstunden, lassen keine Zeit, um einen festen Abend in der Kirchengemeinde zu besuchen. Unterm Tage kommt man eher auf die Idee, seine Mails zu checken, als an Gott und seine Einladung zu denken.

 

Auch Besitz kann uns von Gott ablenken. Plötzlich bestimmen Fragen rund um das Eigentum unser Leben und lenken von Gott ab. Dann sind da nur noch „meine Errungenschaften und ich“ und die fröhliche Festgemeinschaft gerät in Vergessenheit. Wer schon alles hat, was er braucht, meint, kein Fest zu brauchen.

Selbst die eigene Liebesbeziehung, die ja eigentlich etwas Gutes und Gottgewolltes ist, kann die Teilnahme am Fest gefährden. Und zwar dann, wenn ich von meinem Partner alles erwarte: Wenn ich eine solch enge Einheit mit ihm bilde, dass für andere und für Gott kein Platz mehr ist.

Beziehungen im weiteren Sinne können den Besuch des Festes auch noch auf ganz andere Weise erschweren oder verhindern. Und zwar dann, wenn niemand aus dem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis den Drang hat, zum Fest zu gehen.

Es ist dann ungleich schwerer, einen Gottesdienst aufzusuchen, wenn der Ehepartner oder die Freunde damit so gar nichts anfangen können.

Besitz, Arbeit, Liebe: All das kann von Gott ablenken.

 

Liebe Gemeinde, da hilft nur eines: Prioritäten setzen.

Um zu schauen, was im Leben Vorrang hat, braucht es einen realistischen Blick auf mein Leben. Er hilft dabei, wenn ich mich frage: „Habe ich die Einladung noch im Blick, oder ist sie unter vielem anderen verschüttet?

 

Haben Gott und sein Fest Vorrang in meinem Leben oder sind es andere Dinge? Ich möchte ja zu Gottes Fest kommen und es hat schon längst begonnen:

 

Überall da, wo Gottes Gegenwart gefeiert wird.

Überall da, wo unterschiedliche Menschen zusammenkommen und wirkliche Gemeinschaft entsteht.

Überall da, wo Menschen sich gegenseitig unterstützen.

 

Das kann im eigenen Wohnzimmer, in einer Seniorenbegegnungsstätte oder bei einem Flüchtlingscafé sein. Überall da bekommen wir einen Vorgeschmack auf das große Fest. Auf dieses Fest, bei dem Gott selbst der Gastgeber ist.

 

Gott möchte Sie und mich um sich haben. Versperren wir uns nicht selbst die Tür. Sondern hören wir Gottes Einladung. Dann werden wir eines Tages staunend vor ihm stehen und sagen: „Was für ein Fest!“

 

Amen