Sich auf den Weg machen – innerlich und äußerlich. Das ist die Bedeutung des Pilgerns. Und dabei vielleicht dem auf die Spur zu kommen, was im Leben wirklich zählt.
Sendetext:
Im letzten Jahr wurde zum ersten Mal die halbe Million geknackt - Rekord! 530.987 Menschen pilgerten allein nach Santiago de Compostela, auf einem den vielen Jakobswege in Europa. In diesem Jahr werden es nicht viel weniger sein.
Nathen, ein Freund aus Kanada, hatte das auch vor. Voller Hoffnung brach er auf. Fünf Jahre hatte er die Reise geplant. Seinen Jakobsweg musste er auf halber Strecke abbrechen. Die Blasen an seinen Füßen hatten sich entzündet und die Schmerzen wurden unerträglich. "Ich bin so enttäuscht," schrieb er mir in einer Mail.
Immer wieder sieht man am Rande von Pilgerwegen Zeugen zerbrochener Hoffnungen. Da liegt ein verbogenes Paar Wanderstöcke am Wegrand. Ein Wanderschuh pendelt an einer Wegmarke; mit Panzerband wurde die Sohle noch geklebt, aber - gebrochen ist gebrochen. Nicht ohne Grund wünschen sich viele Pilgerinnen und Pilger einen Segen am Beginn ihrer Reise.
Im klassischen Segensformular heißt es: Lass sie deine Gegenwart erfahren, mehre ihren Glauben, stärke ihre Hoffnung und erneuere ihre Liebe. Schütze sie vor allen Gefahren und bewahre sie vor jedem Unfall. Führe sie glücklich ans Ziel ihrer Fahrt und lass sie das ewige Heil erlangen. Einen Pilgersegen gibt es, weil er notwendig ist.
Die Hoffnung, die am Anfang des Wegs steht, haben Pilgernde nicht aus sich selbst, sie wird ihnen zugesprochen, so wie der Segen. Und sie wird auf dem Weg immer wieder neu bekräftigt.
Die Hüter der Hoffnung sind die Herbergsgebenden: sie öffnen ihre Türen und nehmen Wildfremde auf. Sie zeigen, wo Bett und Dusche sind und laden ein: "Erzähl, wo kommst heute du her…?" Sie hören zu, sie machen Mut, verbinden Wunden. Sie sind da. Darum können Kraftlose am nächsten Tag weitergehen, Verzweifelte ihre Sorgen teilen. Einsame Gastfreundschaft genießen. Gastfreundschaft schenkt Hoffnung. In der langen Geschichte des Pilgerns war es die Hoffnung auf ewiges Heil, das die Menschen motivierte sich auf den Weg zu machen.
Es war die Hoffnung, dass am Ziel des Weges die quälenden Fragen ein Ende haben, dass Gott den Menschen aufnehmen wird. Es war für viele die Hoffnung auf Vergebung von krummen Wegen, die Heilung seelischer und körperlicher Gebrechen. Man kann etwas von dieser Hoffnung spüren, wenn man die Freude erlebt, mit der die Reisenden am Ort ihrer Sehnsucht ankommen und einander in die Arme fallen. Nicht zuletzt sind die Pilgernden selbst Zeichen der Hoffnung!
Als ich, lange vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, in einer Herberge beim Pilgermenü saß, sah ich mich um. Da saßen Leute aus der ganzen Welt, auch aus Russland und aus der Ukraine. Darunter zwei junge Wehrpflichtige aus Sankt Petersburg und eine Krankenpflegerin aus Kiew.
Eben noch hatten wir die Stockbetten in der Herberge bezogen, gemeinsam an den Waschbecken unsere verschwitzten Wanderklamotten gewaschen. Wir hatten beim Taizégebet miteinander gesungen. Es war Frieden. Weil wir nichts anderes waren als Pilgernde auf einem Weg, unterwegs zum selben Ziel. Unser Ziel war nicht der Ort Santiago, sondern die Hoffnung, vom Ende der Welt zurückzukehren mit einer Botschaft: Es gibt Frieden auf Erden. Fürchtet euch nicht.
Mein Freund Nathen hat sich in diesem Jahr noch einmal auf den Weg gemacht. Und er hat es geschafft. Die Welt braucht Pilger der Hoffnung.
Es gilt das gesprochene Wort.
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