Leben mit Krankheit und Behinderung

Leben mit Krankheit und Behinderung
Pfarrerin Andrea Schneider
31.07.2010 - 21:10

Dieser Rollstuhl hier – das ist meiner. Ich brauche ihn nicht immer, aber doch immer öfter. Denn seit einigen Jahren habe ich MS, Multiple Sklerose. Und durch diese unheilbare Erkrankung des zentralen Nervensystems hat sich bei mir eine starke Gehbehinderung eingeschlichen.

Viele von Ihnen können das nachvollziehen: Mit einer chronischen Erkrankung, mit einer Behinderung leben – das ist nicht leicht.
Die Rollstuhlperspektive ist gewöhnungsbedürftig: Die andern Leute werden groß, ich klein und das Straßenpflaster zum holperigen Hindernis.

Krankheit als alltägliche Begleiterin, vom Aufwachen bis zum Schlafen Gehen, bei allen Plänen und Entscheidungen. Immer diese zusätzliche Energie aufbringen: Was geht trotzdem? Und wie kann es dann gehen?
Da wird man richtig sauer, wenn ein schicker Sportwagen ohne blauen Parkausweis auf dem einzigen Behindertenparkplatz weit und breit steht!

Manchmal packt einen der Neid auf die vielen, die anscheinend so unbeschwert durchs Leben stapfen.
Und immer wieder diese Angst: Welche Zukunft habe ich?
Und manchmal sind auch Kranke und Behinderte nicht nett und leidend und tapfer, sondern einfach nur genervt – ich auch. Denn die Fragen, die sich stellen, sind oft nicht zum Aushalten.

Als Christin und Theologin geht's mir da nicht anders:
Warum gibt es Krankheit? Warum müssen Menschen schwer beschädigt leben? Hat Gott der Schöpfer da einen schlechten Tag gehabt? Hat Gott der Beschützer im entscheidenden Moment nicht aufgepasst?

Schnelle Antworten auf solche Fragen mag ich nicht: Vielleicht hast du ja selbst Schuld. Oder deine Eltern. Vielleicht hat Gott dir die Krankheit geschickt, um dich zu prüfen oder zu strafen?

Nein.

Von einem bin ich überzeugt: Gott ist kein Sadist. Das Leiden seiner Geschöpfe ist nicht sein Plan. Und doch gehört das Leiden dazu zu unserer Welt, zu unserm Leben.

Menschen und Tiere, Pflanzen und Meere leiden. Die ganze Kreatur leidet unter der Vergänglichkeit und sehnt sich nach Erlösung. So hat das schon der Apostel Paulus in seinem Brief an die Christen in Rom geschrieben. Er war – so deutet er's jedenfalls an – auch von einer Art Behinderung betroffen und ringt mit seinem Gott um diese Fragen.

"Was sollen wir dazu sagen?", schreibt er. "Ist Gott für uns, wer kann dann gegen uns sein? Ich bin ganz sicher, dass nichts uns von seiner Liebe trennen kann. Weder Tod noch Leben. Weder Gegenwart noch Zukunft. Weder Himmel noch Hölle. Nichts."

Starke Worte. Für mich oft ein Trost – wenn die Traurigkeit kommt oder die Angst. Eine Art Schub im positiven Sinne: Die Krankheit ist nicht stärker als die Liebe. Und jeder Mensch ist viel mehr als vielleicht behindert.

Gottes Liebe trägt. Auch wenn die Kraft – nicht nur in den Beinen – versagt. Liebe bringt in Bewegung. Auch im Rollstuhl. Und manchmal kommt man damit ganz schön weit....

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