Mit Skiern durch die Stadt

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Mit Skiern durch die Stadt
22.05.2021 - 10:00
 

 

Die Stadt brach zusammen

„Manchmal habe ich eine diebische Freude daran, wenn der liebe Gott uns in unserer perfektionierten Welt einen Knüppel zwischen die Beine wirft.“

„Entschuldigung?“ Was mein Freund Simon mir erzählen wollte, war mir gerade zu kompliziert. „Du kannst dich doch nicht freuen, wenn etwas schief läuft!“

„Manchmal schon. - Erinnerst du dich an den letzten Winter? 25 Grad minus und 40 cm Schnee in einer Nacht. Das war ein Fest.“

„Hast du jetzt deine Begeisterung für den Wintersport entdeckt?“

„Nein, das nicht. Aber an dem Tag brach in unserer Stadt alles zusammen. Sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel fielen aus. Die Autos kamen nicht mehr in die Innenstadt. In manchen Stadtvierteln fielen Strom und Heizung aus.“

„Das kannst du doch nicht gut finden! Viele Menschen kamen nicht zur Arbeit. Schulen blieben geschlossen. Hunderte mussten evakuiert werden, bis die Infrastruktur wieder funktionierte. Das war eine Katastrophe! Tausende Menschen waren verzweifelt.“

„Ich finde das wichtig, weil es uns unsere Grenzen zeigt. Wir können uns nicht gegen jedes Unglück absichern. Wir sind nicht allmächtig.“

 

Chaos macht kreativ

Manchmal treibt Simons Weltanschauung seltsame Blüten. Er ist viele Jahre Entwicklungshelfer in Asien und Afrika gewesen. Er hat viele junge Leute zu guten Automechanikern ausgebildet. Aber die äußeren Umstände seiner Arbeit haben ihn zu einem Menschen gemacht, der die Improvisationsfähigkeit als wesentliche Voraussetzung für das Überleben ansieht.

„Erinnere dich doch, auf einen Schlag war das ganze Leben total entschleunigt. Die Leute konnten nicht mehr zur Arbeit eilen. Manche sind erst mal wieder zurück nach Hause. Das Auto war keine Hilfe mehr. Zu Fuß kamen sie besser voran. Erst als sie angekommen waren, begann die Arbeit. Manche sind sogar kreativ geworden. Mit Skiern zogen sie im Langlaufschritt durch die städtische Schneelandschaft. Tagelang schob sich der Verkehr langsam durch die Straßenschluchten zwischen den Schneebergen – ganz ohne Geschwindigkeitsvorschriften. Selbst diejenigen, die eine kalte Bude hatten, fanden irgendwie Hilfe. Zuerst hat man öffentliche Gebäude umfunktioniert. Dann haben vielleicht Familienmitglieder geholfen oder Freunde. Plötzlich waren ganz andere Sachen wichtig. Das Leben lief langsamer, vielleicht sogar rücksichtsvoller. Für ein paar Tage waren die Menschen aufeinander angewiesen. Manche haben an dem unverhofften Wintersport sogar ihre Freude gehabt, trotz des Chaos.“

„Aber die Arbeit in den Betrieben, die öffentliche Verwaltung, Schulen und die Universität, alles stand zwangsweise still. Es gab Unfälle. Züge sind stecken geblieben. Hat dir das gefallen?“

„Sieh es doch einmal so: Unsere Arbeitswelt ist auf Perfektion und Effizienz getrimmt. Von dem Stress werden manche Menschen sogar krank. Aber plötzlich waren Kreativität und Gelassenheit gefragt. Gott hat uns damit gezeigt, wo es hakt. Das hat mir gefallen. Mich erinnert das an den Turmbau zu Babel.“

„Wie kommst du denn jetzt da drauf?“ „Schau mal, damals wollten die Menschen sich ein Denkmal setzen, indem sie einen Turm bis in den Himmel bauten. Gott bestrafte sie, heißt es, indem er ihnen die gemeinsame Sprache nahm. Sie konnten sich nicht mehr miteinander verständigen. Heute hat sich da nicht viel geändert. Höher, größer, weiter, schneller - damit geben wir immer noch gerne an. Am Ende setzen wir uns gegenseitig unter Druck. Manchmal wirft Gott dann Sand in‘s Getriebe, damit wir Zeit finden, über diese Dinge nachzudenken. ‚Vergiss nicht, was dir gut tut. Vermeide was dir schadet.’ scheint er uns erinnern zu wollen.“

„Und die Corona-Einschränkungen, die uns nun schon ein Jahr begleiten, sind die für dich auch so ein Sand im Getriebe?“

„Mach doch selbst den Test: Hat der weltweite Lockdown solche grundsätzlichen Fragen ausgelöst oder nicht?“