Gemeinfrei via Fundus/ Christoph Matern
Auf dem Weg sein
Was Kirche und Pilgern verbindet
27.08.2026 06:35

Beim Pilgern ist viel Platz für Begegnungen mit Gott und der Welt. Was kann die Kirche davon lernen? 

Sendetext:

Wir sind uns gerade erst begegnet. Aber es dauert keine fünf Minuten, bis der Mann mir gegenüber von seinem Kirchenaustritt erzählt: "Ich bin mit dem Thema durch," sagt er. "Ich bin aus der Kirche ausgetreten, obwohl ich aus einer ziemlich frommen Familie komme. Aber ich kann mit dem Verein nichts mehr anfangen." Er ist nicht der einzige. Viele Umfragen der letzten Jahre belegen einen rapiden Rückgang der Religiosität in der gesamten Bevölkerung. Gottesdienstbesuche und Mitgliederzahlen sinken.

Ein scheinbar gegenläufiger Trend ist die stetige Zunahme an Pilgern. Auf den Jakobswegen sind immer mehr Menschen unterwegs. Über eine halbe Million im letzten und auch im aktuellen Jahr. Und viele mehr auf anderen Wegen. Mittlerweile ist das Phänomen Pilgern auch in der Wissenschaft als Thema angekommen. In der Sozialwissenschaft, in der Sport- und Tourismuswissenschaft, in der Psychologie, in Religionswissenschaft und Theologie. Man entdeckt, In allen Religionen und Kulturen wird bis heute gepilgert.

Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ist dem Phänomen nachgegangen und hat sich selbst auf den Jakobsweg gemacht. Als gläubiger Muslim hatte er schon mehrfach die Pilgerfahrt nach Mekka unternommen. Jetzt wollte er die Praxis christlichen Pilgerns kennenlernen. Anfangs sah er sich noch in der Rolle des Beobachters. Er vergleicht die unterschiedlichen Traditionen und stellt fest, wie viel auf dem Jakobsweg anders ist als beim Pilgern nach Mekka.

Religion scheint für viele auf dem christlichen Pilgerweg keine Rolle zu spielen. "Sie pilgern, obwohl Sie nicht an Gott glauben?" fragt er einen Italiener schon am ersten Tag. Dass der Mann extra aus Italien herkommt, um zu pilgern, obwohl er kein Christ ist – das versteht Mouhanad Khorchide nicht. Was hat er auf dem Jakobsweg verloren? Aber aus dem distanzierten Wissenschaftler wird zusehends ein teilnehmender Beobachter, ein Weggefährte, der mit anderen auf dem Weg spricht. Denn die Gesprächspartner stellen auch ihm Fragen, die er zum Anlass nimmt, über sich selbst, über seinen eigenen Glauben nachzudenken.

Aus jedem Gespräch nimmt er etwas mit, worüber er sich auf dem weiteren Weg Gedanken macht. Über den eigenen Beruf, die eigene Familie und ihre Geschichte, über - Gott und die Welt. Am Ende zieht Khorchide ein Fazit, das wiederum mir als christlichem Pilger zu denken gibt: Er sagt: "Auf dem Jakobsweg bin ich mir selbst nähergekommen, in Mekka Gott.

Beim Pilgern – egal auf welchem Weg – kommt es zu einem offenen Austausch, welche Bedeutung Glaubenserfahrung und Selbsterfahrung heute noch haben. Ob Gott noch Bedeutung hat, im eigenen Leben und in der Gesellschaft. An Pilgerwegen stehen immer wieder Kirchen und Gebetsräume.

Sie laden zum Ausruhen ein und halten ein erfrischendes Getränk bereit. Genauso wie Herbergen, in denen es ein Bett für die Nacht und Essen zur Stärkung gibt. Oder einen Verband für schmerzende Glieder und offene Wunden. Diese Orte sind sichtbare Zeichen dafür, dass man dort Kraft finden kann und Menschen begegnet, die auch auf dem Weg sind, so wie man selbst. Sie glauben vielleicht anders an Gott. Vielleicht glauben sie auch an gar keinen Gott. Aber sie öffnen sich im Gespräch, hören zu und erzählen selbst. Ohne Furcht, ohne Erwartung und in Frieden.

Die Kirchen hierzulande hadern mit dem Verlust an Relevanz und Bedeutung. Aber sie sind auch in Zukunft Orte, wo Menschen Kraft finden und friedlich ins Gespräch kommen, über die Welt und über Gott. Wer wissen will, ob Gott und Glauben heute noch wichtig sind, sollte nicht nur Umfragen zur Kenntnis nehmen. Es ist gut, auf dem Weg zu sein. Mit den Menschen. Bei den Menschen. Mit Gott.

Es gilt das gesprochene Wort.

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