Der Christopher Street Day ist mehr als nur eine bunte Parade. Er ist ein Zeichen für viele Menschen, sich so zeigen zu dürfen, wie sie wirklich sind.
Sendetext:
Auch an diesem Wochenende sind sie wieder unterwegs: die fröhlichen, bunt kostümierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Umzügen zum Christopher Street Day. In Zwickau und Fulda, Brühl und Kulmbach. Begleitet werden die Veranstaltungen wieder von erheblichen Sicherheitsmaßnahmen.
Denn nicht erst seit dem Terroranschlag vor einem Monat in Berlin oder dem Mord an Malte C., einem Transmann in Münster vor vier Jahren ist klar: Der Hass auf Schwule und Lesben, auf Transpersonen und Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen lassen, ist real und äußert sich auch als Gewalt.
Die Umzüge zu den Christopher Street Days sind auch als Pride Parade bekannt, als stolze Demonstrationen. Viele von den Menschen, die ihr Gesicht dabei öffentlich zeigen, haben hart darum gekämpft. Sie wollen sich nicht länger verstecken müssen. Das war überhaupt der Ausgangspunkt der CSD-Bewegung.
Im Sommer 1969 haben sich in New York Lesben, Schwule und Drag Queens gegen Polizei-Razzien zur Wehr gesetzt. Zum ersten Mal. Die erste Demo in Deutschland fand 1972 statt, ausgerechnet in Münster, Bischofssitz und Universitätsstadt. Über 100 Mitglieder der Homosexuellen Studentengruppe gingen voller Stolz mit Schildern und Transparenten auf die Straße zwischen Dom und Schloss, zwischen Kirche und Uni. Sie hatten die Aktion bei den Behörden angemeldet.
Die Polizei in Münster, anders als in anderen Städten, ließ sich überzeugen, dass von der Aktion keine sittliche Gefährdung ausgehen würde. Die bunte Aktivistentruppe war zwar laut, aber friedlich. Und von den Bürgern Münsters war auch nicht mit Gewalt zu rechnen. Alles verlief wie geplant. Auf den Schildern standen Sprüche wie "Homos raus aus den Löchern". Am Abend traf man sich im Volkeningheim, einem Studentenwohnheim der evangelischen Kirche. Mit Stolz. Und feierte.
Sich nicht mehr verstecken müssen, sondern sich zeigen: das öffentliche Coming-out ist mehr als eine einmalige Demonstration. Sich als lesbisch oder schwul, nonbinär oder trans zu outen, ist immer noch ein komplexer Prozess. Was Privat zu sein scheint, wird öffentlich. Manche gehen diesen Prozess selbstbewusst und selbstbestimmt. Andere werden eher zum Outing genötigt, manchmal gegen ihren Willen.
Queere Menschen müssen ständig Auskünfte machen, darüber, wie sie lieben oder über ihre Geschlechts-Identität. Beim Sportverein und in der Schule. Bei jeder Einweisung ins Krankenhaus, bei jedem Behördengang, muss man sagen, wen man liebt und wer man ist. Weil man sonst falsch zugeordnet und unter Umständen falsch behandelt wird. Bei jedem Wechsel des Arbeitsplatzes oder der Bewerbung um eine Mietwohnung müssen sie sich erklären.
Coming-out ist ein lebenslanger Prozess. Jedes Mal verlangt es einen Akt des Mutes, sich unfreundlichen Blicken auszusetzen und Ablehnung zu riskieren. Für viele ist die schwierigste Hürde, sich gegenüber den Eltern zu outen, Abweisung und Tränen zu riskieren und auf Akzeptanz zu hoffen.
Der französische Soziologe Michel Foucault bezeichnete das als Geständniszwang: "Man gesteht – oder man wird zum Geständnis gezwungen" sagt er. Er wehrte sich gegen ein öffentliches Coming out. Aber er prägte auch einen anderen Begriff: Parrhesia, die Kraft, mit Freimut die Wahrheit sagen. Parrhesia, der Mut, die eigene Lebensweise als eine Kunst der Wahrhaftigkeit üben. Sich nicht verbiegen und sich nicht verbergen. Wahrhaftig sein. Selbstbewusst zeigen: so hat mich Gott geschaffen. Und sich damit ein Stück Freiheit und Selbstwert erkämpfen. In Zwickau und Fulda, Brühl und Kulmbach werden auch Christinnen und Christen durch die Straßen ziehen, bunt wie ein Regenbogen. Ein freimütiger Akt der Wahrheit und des Glaubens.
So hat mich Gott geschaffen. So bin ich von Gott geliebt.
Es gilt das gesprochene Wort.
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