Nichts bereuen, alles hinter sich lassen, als wäre es nicht gewesen. Unsere Autorin kann das nicht. Sie braucht die Reue, um mit ihren Fehlern umgehen zu können.
Sendetext:
Ein abgewetzter Sticker klebt in einem Café direkt neben dem Waschbecken. Darauf steht: "I regret nothing", "Ich bereue nichts." Ich habe diesen Aufkleber über die Jahre schon an vielen Orten gesehen.
Nichts bereuen.
Dabei gibt es einiges, das ich bereue. Manches versetzt mir bis heute einen Stich, wenn ich daran zurückdenke. Letztes Jahr habe ich mich auf einer Italienreise wegen einer unnötigen Kleinigkeit gestritten. Stundenlang habe ich danach geschwiegen, war beleidigt, voller Wut im Bauch. Ich hätte einfach sagen können: "Schwamm drüber." Stattdessen ist ein ganzer Nachmittag einfach vergangen. Verlorene Zeit. Ja, das bereue ich.
Und ich bereue Entscheidungen. Worte, die ich nicht zurücknehmen kann. Ich habe auch Gelegenheiten vorbeiziehen lassen. Da kann ich nicht einfach sagen: "Es hat eben so kommen müssen." Als wäre das Leben eine saubere Kette aus Ursache und Wirkung. Als wäre alles notwendig gewesen, damit ich heute genau hier stehe.
Nein. Ich glaube, vieles hätte auch anders ausgehen können. Gerade deshalb schmerzt es im Rückblick. Vielleicht wünschen sich Menschen darum ein Leben ohne Reue. Weil Reue weh tut. Weil sie unsere Fehler berührt.
Für mich gehört Reue zum Menschsein dazu. In der christlichen Tradition hat sie einen hohen Stellenwert. Martin Luther beginnt seine 95 Thesen ausgerechnet so: "Das ganze Leben der Gläubigen sei Buße." Und der erste Schritt der Buße ist: Ich schaue an, was ich getan habe. Reue ist für Luther keine einzelne Handlung. Sie ist eine Haltung fürs ganze Leben. Nicht, damit Menschen sich kleinmachen. Sondern damit sie frei werden von dem, was sie belastet und blockiert.
Im christlichen Glauben bekommt diese Befreiung ein Gesicht: Jesus Christus. Gott zeigt seine Liebe in ihm ganz konkret. Ich vertraue darauf: Gottes Liebe ist größer als meine Fehler. Sie trägt mein Leben weiter.
Wenn ich in diesem Vertrauen lebe, kann ich ehrlich auf mein Leben und auf meine Entscheidungen schauen. Ich muss meine Fehler nicht verstecken oder schönreden. Ich schaue sie an und vertraue darauf: Gott hält mich fest. Vergebung beginnt nicht erst, nachdem ich genug bereut habe. Sie ist längst da.
Vielleicht verändert sich so der Blick auf das eigene Leben. Nicht alles wird gut oder heil, was geschehen ist. Es wird auch weiterhin Brüche geben. Aber vieles verliert seine Schwere, weil es mich nicht mehr festlegt.
So kann ich weitergehen – mit dem, was war, und mit dem, was kommt.
Es gilt das gesprochene Wort.
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