Gemeinfrei via Fundus/ Birgit Arndt
Wald und Kirchenbank
Wo finde ich Gott?
13.06.2026 06:20

"So etwas wie Glaube an Gott – Ja. Aber Kirche brauche ich dafür nicht." Es gibt einige, die das für sich so beschreiben. Unsere Autorin braucht beides: ihren persönlichen Glauben und die Gemeinschaft in der Kirche.

Sendetext:

Der Philosoph Karl Jaspers hat in einem Radiobeitrag einmal gesagt: "Kirchen sind für alle, Philosophie für Einzelne."[i]

Damit hat er vermutlich gemeint: Kirche, das ist eine soziologisch fassbare Größe, eine Institution, in der Menschen zusammenkommen. Sie steht für eine Gemeinschaft von Menschen, die miteinander glauben, feiern, hören. Philosophie ist dagegen eine individuelle Denkbewegung, etwas, das ich allein tue: Philosophieren. Der Weg der Einzelgängerin. Ein Mensch stellt Fragen, sucht Antworten, ringt mit sich selbst und mit der Welt.

So verstehe ich Jaspers. Ich stimme ihm nur teilweise zu. Denn: Wer über die Kirche spricht, spricht über Theologie, über christliches Nachdenken. Das handelt vom Glauben an Jesus Christus, von Gott. Und auch für dieses Nachdenken gilt: Ich kann es ganz alleine tun. Schon oft haben mir Menschen im Gespräch gesagt: "Ich glaube schon an so was wie Gott. Aber ich brauche keine Kirche. Ich finde Gott eher im Wald beim Spazierengehen."

Der Wald wird zum Glaubensort. Er ist beruhigend, vielleicht auch meditativ. Jedenfalls ein Ort, an dem sich Gedanken ordnen und vielleicht auch ein stilles Gespräch mit Gott entsteht. Ein Gebet. Auch ich kenne und liebe solche Wege durch den Wald. Oft klärt sich etwas, was mich schon länger beschäftigt hat.

Und doch gibt es einen anderen Ort, der danebensteht. die Kirchenbank. Das gemeinsame Sitzen, Hören, Singen. Das Wissen: Mein Glaube ist eingebettet in einen größeren Zusammenhang. Da sind andere, die hoffen, zweifeln, glauben.

Hier stimme ich Jaspers zu: Kirche ist für alle, für Gemeinschaft. Für den christlichen Glauben ist diese Dimension grundlegend. Im Neuen Testament wird die Kirche als "Leib Christi" beschrieben – viele Menschen, verbunden zu einer lebendigen Einheit. Glaube ist nie nur Einzelsache. Er ist Beziehung. Mit anderen und mit Gott.

Jesus bewegt sich immer wieder zwischen dem Alleinsein und der Begegnung mit anderen. Er zieht sich zurück, will für sich sein und sucht die Stille, um zu beten. Er kehrt von dort zurück zu den Menschen, zurück in Gespräche, an gemeinsame Tische, auf gemeinsame Wege.

Ich votiere deshalb für ein Sowohl-als-auch: Wald und Kirchenbank. Sie ergänzen sich wunderbar. Der Wald, in dem ich allein gehe und denke und vielleicht auch mit Gott spreche. Und die Kirchenbank, auf der ich erfahre: Glaube endet nicht bei mir, sondern verbindet mich mit anderen.

Glaube lebt nicht im Entweder-oder. Er ist Bewegung zwischen Stille und gemeinsamem Unterwegs-Sein. Darum freue ich mich schon auf den nächsten Gottesdienst.

Es gilt das gesprochene Wort.

Literatur zur Sendung:

[i] K. Jaspers, Einführung in die Philosophie, Zürich 1950, 127.

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