Wie zieht Jesus heute in unsere Straßen und in unser Herz ein?, fragt Pastor Christian Casdorff in seiner Predigt. Janne, Laura, Michel und Marleen sind Konfirmandinnen und Konfirmanden. Sie tragen ihre Gedanken und Gebete bei.
Musikalisch gestalten den Gottesdienst Kantorin Annette Elisabeth Arnsmeier mit der "Kantorei an Sankt Petri" sowie der "Soester Posaunenchor" unter der Leitung von Jens Fischer. Die Orgel spielt Daniel Tappe. Es werden viele beliebte Adventslieder, darunter "Tochter Zion". In dessen oft vergessener vierten Strophe kommt das für Jesu Einzug so wichtige "Eselein" vor.
Predigt nachlesen:
I
"Tochter Zion, freue dich": Advent ohne dieses Lied wäre wie Weihnachten ohne "O du fröhliche". Und so haben wir gerade wieder von unserem milden König gesungen, der völlig gewaltfrei auf einem trippelnden Esel bei uns hereinreitet. Der Friedefürst! Wirklich: Wir haben das für mich schönste Friedenslied gesungen, das es gibt. Der ursprüngliche Text zu diesem Lied war völlig anders. Er hat das Gegenteil besungen. Die Musik stammt aus einem Oratorium von Georg Friedrich Händel - und der hatte es "Sieges-Oratorium" genannt. Da wird ein erfolgreicher Feldherr gefeiert, der auf hohem Ross einreitet. Triumphaler Empfang! Dieses Werk widmet Händel dem Duke of Cumberland, der mit dem englischen Heer in schrecklich blutiger Schlacht die Schotten vernichtend geschlagen hat. "See the conqu’ring hero comes", "Sieh, der erobernde Held kommt" - so die ursprünglichen Worte unseres Lieds. Siebzig Jahre später, so um 1820, ersetzt das in Deutschland ein junger Theologiestudent durch neue Strophen: Friedensverse über den Anti-Helden Jesus! Der junge Mann heißt Friedrich Heinrich Ranke. Und er ist in ziemlich bedrückter Lage, als er so dichtet. Alle Freiheitspläne von ihm und anderen jungen Leuten werden von den Herrschenden mit aller Gewalt gedeckelt. Die Universitäten werden überwacht, die Presse streng zensiert. Rankes Liedtext ist auch ein Protestsong dagegen."Hosianna": was die Menschen dem einreitenden Jesus zurufen: Ranke nimmt diesen Ruf immer wieder in seinen Strophen auf. "Hosianna" ist ein Sehnsuchtsruf. Er bedeutet übersetzt: "Hilf doch, Herr!" Aber wie hilft dieser Herr, der da in die Stadt einzieht?
"Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer." So fängt die alte Ankündigung beim Propheten Sacharja an. Sie geht so weiter: "Der König kommt arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin." Wie passt das zusammen? Wie hilft dieser ganz andere König? Ich kann es nur so sagen, auch wenn es verrückt klingt: Jesus hilft durch seine Hilflosigkeit. Ganz ärmlich reitet er am Palmsonntag in Jerusalem ein - und ein paar Tage später landet er in der absoluten Hilflosigkeit des Kreuzes, wird hingerichtet von den Mächtigen seiner Zeit. Warum uns gerade das hilft? Weil an Ostern klar wird: Gott selbst hat in diesem Menschen Jesus alle Hilflosigkeiten eines Menschenlebens in sich aufgenommen. Allen Druck, alles Ausgrenzen, alle Gewalt, die Menschen einander zufügen können: Gott erlebt es selbst durch seinen Sohn. Erlebt Angst und Schmerz. Und das fängt schon an mit dem ersten Schrei des neugeborenen Jesus im Stall von Bethlehem. Unvergleichlich schön hat das für mich Hanns Dieter Hüsch in Worte gefasst: "Ich fand Gott nach langem Suchen: / sehr arm,/ nicht mächtig,/nicht prächtig,/ sehr bescheiden, alltäglich,/ als Kind in der Krippe,/ nackt, frierend, hilflos,/ mit einem Lächeln durch die Zeiten;/ das erreichte mich in meinen Dunkelheiten./ Gott fing ganz klein an – auch bei mir."
Solche kleinen Lichtmomente in unseren Dunkelheiten, wo erleben wir sie? Ich finde, gerade hat es einen Lichtmoment gegeben. Einfach unser Singen von "Tochter Zion". Dass da ein melancholischer Student ein Kriegslied zu einem Friedenslied umschmiedet, ein kleines Licht-Wunder! Für die Dauer unseres Gesangs hat unser Herzkönig gerade "die Streitwagen, Schlachtrosse und alle Waffen" beseitigt. Ach schade, dass das Lied nur drei Strophen im Gesangbuch hat. Doch halt! Ranke hat noch eine vierte Strophe gedichtet, die holen wir jetzt aus der Vergessenheit hervor. Sie ist für mich die schönste, weil der kleine Esel drin vorkommt. Und die vielen kleinen flotten Töne in der Melodie klingen plötzlich wie das Getrippel des Grautiers. Mit dieser Anti-Schlachtross-Strophe singen wir den Friedefürst herein: "Tochter Zion freue dich! Hol ihn jubelnd zu dir ein. / Sieh! er kommt demüthiglich: Reitet auf dem Eselein..."
II
Hier in der Nähe, in Bad Sassendorf, gleich neben Soest gelegen, gibt es sechs Rehakliniken. In meinen ersten Dienstjahren habe ich dort als Seelsorger gearbeitet. Eine davon: die Kinder- und Jugendfachklinik. Und da gibt es neben zwei Pferden auch zwei Esel. Die jungen Patientinnen und Patienten haben oft eine verletzte Seele und kämpfen mit vielen Ängsten. Die Tiere tun ihnen gut. Einmal haben wir dort die Palmsonntagsgeschichte gefeiert - und die Esel waren dabei! Die jungen Leute haben dabei etwas entdeckt: Wenn man von oben auf den Rücken eines Esels schaut, dann sieht man ein dunkelbraunes Kreuz im hellgrauen Fell. Die jungen Leute damals haben gesagt: "Das ist ein lebendiges Kreuz! Jesus ist am Kreuz gestorben und an Ostern war klar: der Gekreuzigte lebt. Darum ist für Jesus der Esel sein heiliges Reittier." Und dann hat ein Mädchen am Ende noch etwas gesagt, das weiß ich noch wortwörtlich: "Jesus hatte keine Angst vorm Leben und vorm Tod, weil er auch keine Angst davor hatte, Angst zu haben. Er ist der Erlöser und Beschützer von allen. Deswegen brauche ich auch keine Angst haben vorm Leben, vorm Tod und auch keine Angst vor meiner Angst." Bei den Worten des Mädchens ist für mich der Herzkönig Jesus ganz nah an mir vorbeigeritten. Und nun habe ich vor ein paar Wochen meine Konfirmandinnen und Konfirmanden gefragt, wo das heute erlebt werden kann, dass Jesus auf kleinem Esel vorbeireitet - und plötzlich wird da etwas hell mitten in der Dunkelheit. Hier vier Antworten. Wir hören Janne, Lara, Michel und Marleen.
Es war einmal ein Kind, das hat in der Schule einige schlechte Noten geschrieben. Es fühlte sich sowieso schon oft niedergeschlagen. Da haben ihm die Eltern ein Kuscheltier geschenkt, einen kleinen Esel. Sie wollten ihm zeigen: Halte durch! Trotz schlechter Noten wirst du geliebt. Und das Kind konnte dem Kuschelesel alles erzählen, wirklich alles. Es schien, als nähme der Esel alle Sorgen auf. Der Esel war die beste Idee der Eltern seit langem.
Jesus, der Herzkönig reitet vorbei, wenn dir eine eng vertraute Person auf die Schulter klopft und sagt: Ich bin stolz auf dich. Aber auch, wenn eine Person, die du überhaupt nicht kennst, auf einmal anfängt, mit dir zu reden. Auch wenn es nur ein Satz oder ein Wort ist. Oder nur ein Blick.
Zum Beispiel, wenn du gerade über die Straße läufst und bist nicht so gut gelaunt - und dann kommt plötzlich ein Mädchen und sie lächelt dich an und du lächelst zurück, du denkst: "Sie ist sympathisch und das denkt sie über mich vielleicht auch." Das gibt dir plötzlich ein gutes Gefühl, das dich aufbaut.
Der Herzkönig kann nicht nur durch einen Menschen, sondern auch durch ein Tier zu einem kommen. Zum Beispiel: Ich bin traurig, weil ich mich mit meinem Bruder gestritten habe. Und dann laufe ich durch den Park. Setze mich auf die nächste Parkbank und bin einfach nur still. Dann kommt ein Eichhörnchen vorbei, mit einer Nuss in den Pfoten. Ich bin ganz still. Der Aufruhr in mir ist weg, ich bin nur auf das Tier fokussiert. Das Eichhörnchen hält inne und bleibt nah bei der Parkbank stehen und beobachtet mich. Es kommt ein wenig näher, wackelt mit seinem Kopf und dann... dann hüpft es auf die Bank, auf der ich sitze...
Jesus kann zu einem sterbenden Menschen im Krankenhaus reiten. Er nimmt dessen Freunde und Familie mit, gibt ihnen Mut zu kommen. Und er gibt dem Sterbenden einfach gute Gedanken: Wie den Gedanken an den Himmel und daran, dass man alle, die einem wichtig gewesen sind und verstorben sind, wiedersehen wird. Oder den Gedanken: Gott wird immer bei mir sein, auch wenn ich nicht mehr auf der Erde bin. Ich bin nie allein. Und es gibt Menschen, die dich weiterlieben, auch wenn du stirbst. Du kannst gar nicht allein sein.
III
Die Kantorei hat gerade zu Jesus, dem Herzkönig hingesungen: "Zieh in mein Herz hinein vom Stall und von der Krippen, so werden Herz und Lippen dir allzeit dankbar sein." Er kommt zu uns, nicht wir zu ihm. Er selbst bereitet uns vor auf das Fest. Er trägt uns die Krippe vor die Nase. Was mache ich mir für einen Stress auf Weihnachten zu! Wie wäre das: Einfach mal zulassen, dass dieser König selbst das größte Geschenk ist, dann ist die Hektik raus aus der Adventszeit. Dann braucht es auch nicht diese Materialschlacht, ich sage das bewusst, diese Materialschlacht, was die Geschenkekauferei angeht. Diese Frage "Was wünscht du dir?", diese Angst, da was falsch zu machen. Hanns Dieter Hüsch hat mal überlegt, was passiert, wenn ein Mann seiner nicht locker lassenden Frau antwortet: "Einfach so was Kleines. Was ich dann für unterwegs mitnehmen kann. Ja so ein kleines Schuhschwämmchen für die Reiserei. Das kann ich doch jeden Tag kaufen, sagt meine Frau, so´n Schuhschwämmchen. Das ist doch keine Überraschung. Ich sag, so´n kleines Schuhschwämmchen, das ist die Überraschung schlechthin, weil da an Weihnachten kein Mensch dran denkt. Ja, alle schenken sie sich Schmuck und feine Sachen und so weiter, aber so ein kleines Schuhschwämmchen, da kommt keiner drauf." Die Frau ist dann ziemlich beleidigt. Vielleicht weil der Mann nicht sagt, dass er mit dem geschenkten Schuhschwämmchen auf Reisen immer so Zeichen seiner Frau dabei hätte, so ein Zeichen der Zuneigung. Ich jedenfalls habe sowas in meinem Portemonnaie. Hat meine Frau mir mal geschenkt: ein kleiner hellgrüner Stern, der leuchtet, wenn er angestrahlt wird. Und den man sich an seine dunkle Jacke friemeln kann, für wenn es Nacht ist. Ich habe kein Auto, ich fahre immer nur auf einem Drahtesel. Da wäre sowas Leuchtendes nützlich. Ich hab ihn aber ins Portemonnaie gelegt, ins dunkle Münzfach. Das kann man ruhig für Quatsch halten. Ist mir egal. Ich habe den Stern immer bei mir. Und wenn ich in das Münzfach gucke, dann sehe ich den Stern und denke den Gedanken, der am Ende der letzten Konfi-Geschichte vorkam. Ich denke: "Ich bin nie allein, ich kann gar nicht allein sein." Und ich denke diesen Gedanken auf sehr persönliche Weise. Er hat mit meiner Frau zu tun, natürlich. Und zugleich mit dem Herzkönig. Immer. Mit ihm, dem größten Geschenk. Es ist nämlich wirklich so, wie wir gleich zusammen singen:
"Ihr dürft euch nicht bemühen
noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen
mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen,
ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen,
die ihm an euch bewusst."
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen
Es gilt das gesprochene Wort.
Feedback zur Sendung? Hier geht's zur Umfrage!
Hörertelefon von 11 bis 13 Uhr: 02921 13000
Pressekontakt:
Rundfunkbeauftragter Pfr. Dr. Titus Reinmuth
E-Mail: reinmuth@rundfunkreferat-nrw.de
Mobil: 0151 65176246