Am Sonntag, den 8. Februar 2026, von 10.05 bis 11.00 Uhr überträgt der Deutschlandfunk einen Radio-Gottesdienst aus der Loschwitzer Kirche in Dresden. Predigen wird der Theologe, Dichter und Autor Christian Lehnert.
Was verhärtet Menschen und Gesellschaften? Was macht weich, damit Schwingungen aufgenommen werden können und neu Resonanz entsteht? Darum geht es in der Predigt. Christian Lehnert verbindet Aktuelles und Biblisches in poetischer Sprache. Musikalisch gestaltet wird der Gottesdienst von der Kantorei Dresden-Loschwitz. Kantor Tobias Braun spielt die Orgel.
Die Loschwitzer Kirche liegt malerisch im Osten von Dresden. Ihr Architekt George Bähr hat auch die Dresdner Frauenkirche erbaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Loschwitzer Kirche zerstört und blieb lange Ruine.
Nach der Friedlichen Revolution setzten sich Bürgerinnen und Bürger dafür ein, dass sie wiederaufgebaut wurde. Die Loschwitzer Kirche ist seither wieder ein geistlicher und kultureller Ort.
Predigt:
I
Eine Kerze flackert, und ich sehe, wie sich die Flamme bewegt, sich beruhigt und erneut tanzt in einem Luftzug und sich wieder klärt zu einem hellen Kegel, und die Flamme streckt sich dabei in die Höhe, als suche sie etwas. Wie ein Lebewesen sieht sie aus, denke ich. Zwei Suchende, zwei Lebende sind wir. Ich sitze an der Stelle in meinem Zimmer, wo ich abends bete. Ich versuche jetzt, an nichts mehr zu denken, werde ruhig und schwer und beginne, bewusst zu atmen, ein und aus, und noch sind keine Worte vorhanden, denn ich will zunächst nur da sein, offen für Gott. Doch gerade, als ich beginnen will, die vertrauten, überlieferten Silben meines Abendgebetes zu formen, packt mich plötzlich, wie ein Griff ins Genick, der Gedanke: Was tust du hier? Was ist das?
Bohrender Zweifel überfällt mich, nicht zu verdrängen. Alles wirkt plötzlich falsch. Das Wort "Gott" zerfällt mir wie ein wehendes Rußpartikel. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken: Bilde ich mir das nicht alles nur ein? In einer jahrelang eingeübten Technik, mich selbst zu überlisten? Was ist das – Gebet? Ein raffinierter Trick des Bewusstseins, um sich zu trösten über Fragen, auf die es keine Antwort gibt? Von einem Moment zum anderer ist etwas zerbrochen, ein Vertrauen. Ich weiß nicht warum, und ich kann nicht dagegen tun.
Solche Momente erlebe ich immer wieder. Vermutlich gehören sie zum Gebet wie der Schatten zum Licht – aber wenn diese Leere da ist, dann weiß ich nicht weiter. Ich bin wie verstellt. Kein Gedanke hilft. Denn wie sollte auch ein Gedanke helfen? Gott lässt sich nicht denken und nicht beweisen, und wo er nicht da ist, helfen keine Argumente. Er lässt sich nicht ableiten aus der Wirklichkeit. Viele Menschen in meiner Umgebung leben völlig zufrieden ohne Gott. Und wenn mir das als ein Mangel erscheint, dann ist das meine Sicht.
Die Kerze flackert, und ich bin leer, und ich weiß nicht: Reicht denn "Gott", wie er in der Kirche bekannt wird, noch plausibel hinein in mein Leben in dieser heutigen, fraglichen Welt? Trägt das Wort "Gott" noch etwas aus? Und ich sitze da an meiner Gebetstelle und muss konstatieren: Da ist jetzt kein Gott. Nur der Schatten eines fernen Gedankens, wie es viele Gedanken gibt. Wie kommt das nur?
Und ich zucke zusammen: Was, wenn "Gott" nicht wiederkehrt? Was, wenn ich gar nicht mehr glauben kann? Ob die Vorstellung "Gott" vielleicht kulturell altern und kraftlos werden, gar absterben kann? Sich einfach verlieren? Ich bin hilflos. Vielleicht sind das auch nur irgendwelche verborgenen Stoffwechselvorgänge, die meine Stimmung im Augenblick veränderten? Oder ist es "Gott" selbst, der sich entzieht, denn ich hocke in einem "Haus des Widerspruchs"?
II
Hesekiel hört Gott sprechen: Die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: "So spricht Gott der HERR." Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.
Hesekiel, berufen zum Propheten, erhält einen Auftrag. Doch vor ihm liegt kein Weg. Vor ihm steht eine Wand. Er soll sprechen und nicht gehört werden. Gegen eine Wand soll er reden. Keinen Erfolgspfad hat er vor sich, weder Zustimmung noch Resonanz, keine wachsende Gemeinde, kein Gehör. Ein erschütternder Auftrag. Was geschieht hier?
Harte Köpfe und verstockte Herzen. Verstockung – dieses Wort macht mir Angst. Es durchzieht die Bibel als ein wandernder Schatten. Dem Pharao wurden die Augen verschlossen, als er das Volk Israel nicht aus der Sklaverei frei geben wollte. Er sah nicht und er verstand nicht und ließ seine Truppen ins Meer laufen, in die tödliche, göttliche Falle. Immer wieder heißt es in der Bibel: Sie sehen und sehen nicht. Sie hören und hören nicht. Und wir? Ist es denkbar, dass Menschen schicksalhaft verschlossen sind? Dass sie ins Verderben ziehen? Rettungslos? Denn sie können nicht verstehen?
Es gibt heute erhebliche Zweifel an der Freiheitsfähigkeit des Menschen. Wissenschaftler können nachweisen, wie Neuronen Entscheidungen treffen, noch bevor wir sie als unsere Willensakte erfahren. Auch erleben wir täglich, wie leicht wir manipulierbar sind. Ständig werden wir beeinflusst durch gesteuerte Informationsflüsse. Geschichtlich sensibel, wissen wir auch, dass unsere Vorstellungen von uns selbst immer auch Produkte einer bestimmten Zeit sind. Verstockung – es scheint mir, als würde die Bibel eine verstörende menschliche Grunderfahrung in diesem Wort bündeln: Wir Menschen sind nicht selbstbestimmt. Wir sind Kinder von Umständen, die uns manches erkennen lassen und anderes verbergen. Das zeigt sich übrigens vor allem dann, wenn wir meinen, "uns selbst" zu verwirklichen. Dann sind meist fremde Dinge im Spiel, und wir folgen Mustern und Moden. Und wer weiß ich denn auch, was die tiefsten seelischen Kräfte sind, die uns unbewusst bestimmen?
Hesekiel soll sagen: "So spricht Gott, der HERR." Merkwürdig unbestimmt bleibt das. Was spricht denn Gott? Es scheint zunächst nur um eine ganz einfache Geste zu gehen: Etwas öffnet sich. Gott spricht – und ein Riss geht durch die Wand, vor der Hesekiel steht. Davon soll der Prophet zeugen: von den wachsenden Rissen im "Haus des Widerspruchs".
Verstockung, das dunkle Wort: Ja, Menschen sind verstockt. Sie sind verschlossen in dem, was sie für die Wahrheit halten. Verschlossen auch in dem, was sie für "Gott" halten und warum sie an ihn glauben oder nicht glauben. Sie rennen und laufen, und wissen nicht wohin. Wir sind blind, Fremde noch in uns selbst. Hier, in der Berufungsgeschichte des Hesekiel, wird die dunkle Frage, warum das so ist, in ihrer Dunkelheit belassen. Statt uns wieder einzuschließen in Gedanken, geschieht etwas anderes: Gott – die Öffnung. Etwas bricht auf, und das Unvorstellbare, Undenkbare scheint auf: "So spricht Gott der HERR!"
III
Ich schaue ins Kerzenlicht und denke: Bin ich blind? Bin ich wach? Ich frage mich mit dem alten biblischen Wort: Bin ich verstockt? Einer, der das Entscheidende nicht wahrnimmt? Und läuft und läuft in die Irre? Wie aber soll ich das erkennen, wenn ich verstockt bin? Was zeigt sich denn meinen Augen und meinem Gefühl – und was nicht?
Die Kerze flackert, und ich sehe, wie die Flamme in die Höhe züngelt, wie ein Lebewesen, als suche sie etwas, und ich denke: Ja, als würde sie etwas vermissen, wie ich. Sie fragt, wie ich, und hat keine Antwort, wie ich: Warum ist Gott immer wieder so weit weg, und ich bin allein in mir selbst, verloren in meinen Vorstellungen, mir fremd?
Da sehe ich etwas, was mir bisher noch gar nicht aufgefallen ist: Dort, wohin die Kerzenflamme schlägt, an ihrer heißesten, höchsten Spitze, dort ist nichts zu sehen. Dort löst sie sich auf. Das Flackern endet im Unsichtbaren, in strömenden Gasen, und dort genau hat die Flamme ihr Ziel. Dorthin sucht sie? Dorthin, wo sie endet?
In mir hallt das Wort nach: "So spricht Gott…", und ich denke: Da sitze ich hier und versuche zu beten, und alles ist plötzlich schal geworden, wie nur gemacht, und ich weiß nicht warum. Aber was erwarte ich eigentlich? Vielleicht muss das so sein, denn ich bewege mich wie das Kerzenflämmchen ins Offene, und was ich für "Gott" halte, muss zerfallen, muss verschwinden, damit ich den Riss sehen kann in der Wand? Vielleicht ist ja gerade der Verlust des Glaubens, der Zerfall meiner religiösen Sicherheit ein Schritt hinein ins Offene, ins Geheimnis Gottes?
Die Kerze bewegt sich leicht in einem Luftzug, richtet sich wieder auf, wird ruhig, und ich denke: Wo Gott nicht da ist, da ist er vielleicht umso mehr da. Das klingt unsinnig, aber vielleicht ist das so: Er ist da, wo er nicht da ist. Er geschieht, wo meine Vorstellungen von ihm enden. Und dort, wo ich Gott zu verlieren meine, wo ich nicht mehr beten kann und alles fraglich wird, da ist er vielleicht deutlicher gegenwärtig als dann, wenn ich mir seiner gewiss bin. Denn wichtiger als alle Überzeugung ist der Riss? Ist die Offenheit, zu lauschen ins Unhörbare, noch Unerschlossene: "So spricht Gott…"?
Und ich atme, ein und aus, und ich sehe die Kerze flackern und tanzen. Ich warte und schweige. Ich kann nicht beten, aber ich kann warten. Das Schweigen schmeckt wie Honig. Es ist ein Schweigen so groß wie eine Schriftrolle, wie die lange Erwartung von etwas, das ich noch nicht sagen kann: "So spricht Gott, der HERR!" Ich warte auf das Wort. Ich, der Verstockte, und es ist vielleicht schon da … Sicher, das Wort ist immer schon da …
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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Mira Körlin
Rundfunkarbeit der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
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