St. Jacobskirche: Madjid Asghari/Pfarrer Rüdiger Kohl: EKHN/Bongard
Evangelischer Radiogottesdienst aus der St. Jakobskirche in Frankfurt a. M. am Dritten Advent, Sonntag, 14. Dezember 2025, 10.05 bis 11.00 Uhr, live übertragen im Deutschlandfunk.
Was sollen wir tun?
Aufbrechen im Advent
14.12.2025 10:05
Evangelischer Radiogottesdienst aus der St. Jakobskirche in Frankfurt a. M. am Dritten Advent, Sonntag, 14. Dezember 2025, 10.05 bis 11.00 Uhr, live übertragen im Deutschlandfunk.

Gottesdienst aus der St. Jakobskirche in Frankfurt a. M. von 10.05 bis 11.00 Uhr.

Die dritte Kerze auf dem Adventskranz brennt. Weihnachten naht. Menschen bereiten sich vor aufs Fest - mit Vorfreude und großen Erwartungen. "Bereitet dem Herrn den Weg!" heißt es in den biblischen Texten an diesem Sonntag. Aber wie gelingt das?

In der Predigt geht Pfarrer Rüdiger Kohl diesem Ruf nach. Er sucht Wege, um sich auf Gottes Kommen vorzubereiten, aufzubrechen und hoffnungsvoll zu leben. Im Mittelpunkt steht Johannes der Täufer. Ihn haben die Menschen gefragt: "Was sollen wir tun?" Seine Antwort: Kleine Schritte gehen.

Im Gottesdienst berichten Menschen, wie ihnen das heute konkret gelingt. Eine Finanzexpertin setzt sich für Gerechtigkeit ein. Eine Mutter wagt den Schritt ins gemeinschaftliche Wohnen. Ein junger Soldat ringt damit, was es heißt, als Christ Verantwortung für Frieden zu übernehmen.

Die Kantorei St. Jakob gestaltet den Gottesdienst musikalisch mit. Es werden beliebte Adventslieder gesungen wie "Maria durch ein Dornwald ging" und "Tochter Zion, freue dich". Zu hören ist außerdem eine Arie aus Händels "Messias", interpretiert von Donát Havár (Tenor) und Marie Dindorf (Violine). Am Saxophon spielt Andreas Lehmann, an der Orgel Kantorin Katharina Götz, die die musikalische Konzeption verantwortet.

Nach dem Gottesdienst können Hörerinnen und Hörer von 11 bis 13 Uhr anrufen und mit Pfarrer Rüdiger Kohl und Telefonseelsorger*innen sprechen. Die Nummer ist 0 69/58 09 84 68.

Mehr Informationen, die Predigt zum Lesen und das Audio zum Hören nach dem Gottesdienst finden Interessierte auf www.rundfunk.evangelisch.de

Predigt nachlesen:
I
Liebe Gemeinde,
Johannes der Täufer in der Bibel. Ich sehe ihn vor mir: Ziemlich wild sieht er aus. Langes Haar. Zotteliger Bart. Asketisch. Viel braucht er nicht zum Leben. Nur das, was er in der Wüste findet. Er trägt ein Kamelfell. Läuft barfuß. Zum Mittagessen gibt es Honig und Heuschrecken. 

Auf den ersten Blick ist Johannes so ganz anders als wir. Ein Freak am Rande der Wüste. Am Rande der Gesellschaft. Am Fluss Jordan. Vor 2000 Jahren. Und wir: Menschen, die sich im Jahr 2025 auf Weihnachten vorbereiten. Wir beleuchten unsere Städte. Schmücken unsere Wohnungen. Zünden Lichter an. Öffnen Türchen am Adventskalender. Kinder schreiben Wunschzettel. Erwachsene überlegen, was es zu essen geben soll. Alles für das Fest, an dem Christinnen und Christen feiern: Gott kommt in die Welt. Advent: Die Zeit der großen Erwartungen.

Und genau deshalb fühle ich mich mit Johannes verbunden. Johannes ist auch voller Erwartung. Denn er spürt: Gott ist schon ganz nahe. Johannes ist ein Mensch im Advent. Wie wir.

Und da steht er, der einsame Rufer in der Wüste. Sein Auftrag: Jesus den Weg bereiten. Johannes ist überzeugt: Jesus kommt – und mit ihm Gottes Liebe. Jesus, der Kranke heilt, Armen hilft, Menschen ein besseres Leben schenkt. Ihm sollen sie den Weg bereiten. 

Viele hatten es damals schwer. Sie spürten die römische Fremdherrschaft deutlich. Die Kluft zwischen Armen und Reichen wurde immer größer, Militär war allgegenwärtig. Die Menschen mussten hohe Steuern zahlen – an den vielen Zollstationen wurden sie dabei regelmäßig übers Ohr gehauen.
Johannes sagt: Gott wird die Welt anders machen. Besser. Gerechter. Friedlicher. Bereitet euch vor. Innerlich und äußerlich. Wenn Gott auf dem Weg ist, sagt er, dann tut das, was ihr sonst auch tut: Wenn Besuch kommt, putzt ihr vorher durch. Also: Räumt auf in eurem Leben und in der Welt. Rückt gerade, was schief liegt. 

"Kommt her ans Wasser, in den Jordan!", ruft Johannes. "Lasst euch taufen. Lasst euch reinigen. Und zeigt damit: Ihr seid bereit, neu aufzubrechen." 
Dabei gibt sich Johannes keine Mühe, seinem Publikum zu gefallen. "Otterngezücht" nennt er die Leute. Das war auch damals keine Liebkosung. Er kündigt ein gnadenloses Strafgericht Gottes an. Mit Bildern, die damals alle verstanden haben: "Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen." Also: Die Zeit läuft ab! Wer sich nicht bessert, ist weg – so droht Johannes. Und fordert: Ändert euch! 

Wenn er so spricht, ist mir Johannes unheimlich. Aber: Gleichzeitig fasziniert er mich.  Für mich ist Johannes nicht die grimmige Gestalt, die den Menschen Angst machen will. Sondern ein Hoffnungsträger. Johannes tritt mutig auf – unbequem, klar, voller Dringlichkeit. 

So hat er die Menschen damals bewegt. Voller Sehnsucht sind sie. Voller Hoffnung auf eine bessere Welt. Und deshalb machen sie sich auf den Weg. Verlassen ihre Dörfer und Städte. Strömen zu Johannes ins Jordantal. Sie wollen das Wasser auf der Haut spüren und seine Worte hören: "Gott ist nahe! Brecht neu auf!"

Ich frage mich: Was sollen wir tun, wenn Gott kommt? So richtig konkret ist nicht, was du sagst, lieber Johannes.
 
II
"Bereitet dem Herrn den Weg", ruft Johannes. Und alle, die sich auf den Weg zu ihm gemacht haben, fragen sich: Wie denn? Was sollen wir tun? 

Was sollen wir tun? Heute, mitten in unserer Welt. Eine Krise folgt auf die nächste. 

Johannes sagt: Die Axt liegt längst an der Wurzel – die Zeit läuft ab. Und wir sehen es heute:

Die Axt liegt an der Wurzel unserer Zukunft angesichts der Klimakrise.
An der Wurzel des Anstands und der Menschlichkeit – in den sozialen Medien und im echten Leben.

An der Wurzel unserer gerechten Ordnungen: Mächtige nehmen, was sie wollen, und stürzen Völker in Kriege.

Ich habe oft das Gefühl, ohnmächtig zu sein. Das geht vielen so. Und ich ertappe mich dabei, wie ich mich ins Private zurückziehe. Will keine schlechten Nachrichten mehr hören. Was kann ich schon ausrichten? 

Und oft höre ich: "Die da oben sind schuld an unserer Misere." Die Politik, die es nicht hinbekommt. 

Ich stelle mir vor: Den Menschen bei Johannes in der Wüste ging es ähnlich. Und trotzdem stellen sie die einfache Frage: Was sollen wir tun? 

Und Johannes antwortet. Endlich mal jemand, der nicht ausweicht. Der nicht sagt: "Dafür bin ich nicht zuständig!" Oder: "Das kann man so allgemein nicht sagen." Sondern: So geht´s.

Er sagt: "Teilt! Ihr müsst nicht das letzte Hemd geben. Aber gebt etwas von eurem Überfluss - für die, die weniger haben. Was ihr zum Leben zu viel habt, ist zum Abgeben da, nicht zum Horten."

Das ist keine Revolution. Aber die Blickrichtung wechselt. Anstatt auf das zu schauen, was ich habe, schaue ich auf das, was die andere braucht. Und das ändert etwas in mir: Ich merke plötzlich, was ich abgeben kann, was vielleicht sogar zu viel ist. Ich finde das befreiend.

Es kommen auch Soldaten zu Johannes und fragen: "Was sollen wir tun?" Zu ihnen sagt er: "Achtet die Würde jedes Menschen! Macht nicht mit, wenn Dörfer geplündert werden. Missbraucht nicht eure Macht." Johannes verlangt nicht, dass sie das ganze Militär umkrempeln. Aber er sagt: "Du kannst entscheiden, dass du dich anständig verhältst - auch in Krieg und Krisen." 

Auch Zöllner kommen zu Johannes. Die treiben im Auftrag der Römer Steuern ein. Oft landet dabei etwas in der eigenen Tasche. Auch die Zöllner fragen "Was sollen wir tun?" Johannes antwortet: "Fordert nicht mehr, als vorgeschrieben ist." Auch hier: kein großer Systemwechsel. Sondern: Ehrlich sein. Mit den anderen und mit sich selbst. Und dann vielleicht auch nachts wieder gut schlafen können. Wie befreiend das wirkt. Weil ich frei bin für andere.

Johannes empfiehlt kleine Schritte. Die kann ich auch gehen. Und plötzlich merke ich: Es ist möglich, hoffnungsvoll zu leben. Ich höre die Worte von Johannes so: Wenn du die Welt etwas besser machen willst: Dann schau auf andere. Auf die, die schwächer sind, die weniger haben, die sich nicht wehren können.

Dafür ist der Advent eine gute Zeit. Eine Zeit der Hoffnung. Diese Hoffnung ist nicht passiv. Sie sitzt nicht still in der Ecke und wartet darauf, dass etwas geschieht. Nein, christliche Hoffnung packt an und bricht auf. Hinaus in die Welt, sie bereitet den Weg.
 

III
Johannes der Täufer ist ein Bild für uns alle. Er steht für das, was wir tun können – im Alltag, politisch, gesellschaftlich, ganz praktisch. Unsere Aufgabe ist es, wie Johannes Gott den Weg zu bereiten. Damit Gottes Liebe in unserer Welt aufscheint.

Es gibt viele, die solche Wege gehen. Etwa Eve Seiltgens, die sich für gerechtere Bankgeschäfte einsetzt. Wegen ihr sehe ich auf mein Geld so, dass es mir und anderen nützt. Ich kann es nachhaltig anlegen und damit Verantwortung übernehmen.

Sie und ihre Mitstreiter machen auch Spaziergänge durch die Stadt und informieren dabei über Gerechtigkeit. Einmal war ich dabei. Da ging es um Schokolade. Ich muss gestehen: Gerade jetzt in der Adventszeit komme ich daran nicht vorbei… An verschiedenen Stationen haben wir uns informiert: beim Palmengarten, einem botanischen Garten. Da ging es um die Frage: Wo werden Kakaobohnen angepflanzt? Vor einem Supermarkt: Wer verdient daran, wenn Schokolade bei uns immer teurer wird? Die letzte Station: der Weltladen. Da haben wir fair gehandelte Schokolade probiert. Als Experte kann ich sagen: Hat sehr gut geschmeckt. Wenn ich die kaufe, weiß ich: In der Kakaoernte arbeiten keine Kinder, die Pestizide einatmen und krank werden. Ein kleiner Schritt für mehr Gerechtigkeit.

Oder: Gut wohnen – für viele ein Luxus. So kann es nicht weitergehen. Aber wir können neue Wege suchen fürs Zusammenleben, so wie Sissel Preuß-Zimmerling. Es braucht nicht gleich die Wohngemeinschaft. Aber mal fragen: Wie viel Raum habe ich und haben andere? Können wir vielleicht einen Teil zusammen nutzen? Oder erst mal: Kenne ich meine Nachbarinnen und Nachbarn? In dem Mietshaus, in dem ich wohne, hat mal ein älterer Mieter gesagt: "Früher kannten sich alle. Ich habe Angst, dass es hier total anonym zugeht, jeder nur für sich." Einige Leute haben dann ein Fest im Hof organisiert. Da habe ich mich mit einigen Nachbarn zum ersten Mal unterhalten. Ein Kaffeetrinken im Advent wäre auch eine schöne Idee…

Auch was Jannick Schaefers erzählt, hat mich berührt. Er hat sich für die Bundeswehr entschieden und sich darüber viel mit seinem Vater auseinandergesetzt. Das wäre was, wie wir miteinander umgehen könnten: Wenn wir uns auch bei unterschiedlichen Standpunkten respektvoll austauschen. Und dann zum eigenen neuen Weg stehen.

Teilen, für mehr Gemeinschaft sorgen, respektvoll streiten. Das kann ich tun, um Gott den Weg zu bereiten.

Werde ich damit die Welt retten? Sicher nicht. Das liegt letztlich in Gottes Hand. Aber ich kann versuchen, in meinem Leben kleine Schritte zu gehen: Liebe üben, ein Licht für andere sein – und so an Gottes Hoffnungsgeschichte für diese Welt mitschreiben.

Ja, wir schmücken unsere Wohnungen. Hängen Sterne an die Fenster. Wir zünden Kerzen auf dem Adventskranz an und öffnen die Türchen am Kalender. Kinder schreiben Wunschzettel, Erwachsene überlegen das Weihnachtsessen. All das gehört dazu.

Und all das weist über sich hinaus. Es sind Zeichen für unsere Sehnsucht danach, hoffnungsvoll zu leben. Menschlich und mitmenschlich zu sein. Für unsere Sehnsucht nach einer geheilten Welt. Zeichen für unsere Sehnsucht nach Gott in der Welt.

Bereiten wir ihm den Weg – mit der einfachen Frage: "Was sollen wir tun?"

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort

 

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