Björn Mensing
Die Weiße Rose
Zum 83. Hinrichtungstag von Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst
22.02.2026 10:05

Am Sonntag, 22. Februar 2026, von 10.05 bis 11.00 Uhr überträgt der Deutschlandfunk einen evangelischen Gottesdienst aus der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der Gottesdienst erinnert an die Hinrichtung von Sophie Scholl (21), Hans Scholl (24) und Christoph Probst (23) am 22. Februar vor 83 Jahren im Gefängnis München-Stadelheim. Die drei jungen Erwachsenen gehörten zur "Weißen Rose", einem studentischen Widerstandskreis gegen das NS-Regime.

Die aus dem Bayerischen Rundfunk bekannte Sprecherin Julia Cortis liest aus den Briefen von Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst. Die junge Sängerin Helena Huber trägt Lieder vor, die für Sophie Scholl von besonderer Bedeutung waren, begleitet von Franz Wich.

Die Predigt hält Oberkirchenrat Thomas Prieto Peral, Regionalbischof im Kirchenkreis Schwaben-Altbayern der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Die liturgische Leitung liegt bei Kirchenrat Björn Mensing von der Versöhnungskirche. Katharina Versluis-Probst, Enkeltochter von Christoph Probst, reist aus den Niederlanden an und spricht über sein Vermächtnis für die Familie. Marlene Anwender (18), Schülerin des Münchner Sophie-Scholl-Gymnasiums, sagt, was die Namensgeberin ihrer Schule heute für sie bedeutet.

Der Gottesdienst kann später auch nachgehört werden: https://www.deutschlandfunk.de/gottesdienst-100.html

Predigt:

I.
Wir sind heute an einem Ort, der nicht schweigt.
Das ehemalige Konzentrationslager Dachau.
Der Boden hier ist schwer von all den Erinnerungen gepeinigter Menschen.

Hier hören wir das Evangelium vom ersten Sonntag in der Passionszeit:
Jesus wird in die Wüste geführt.
Vierzig Tage.
Nur Sand, Steine, Hunger.
Und diese eine Frage, die in der Wüste lauter wird als überall sonst:
Woran hältst du dich, wenn dir alles entzogen wird?

Wüste – das ist nicht nur ein Ort.
Wüste ist auch ein Zustand.
Im Kopf.
Im Herzen.
In einer Gesellschaft.
Wenn Worte kalt werden.
Wenn Mitgefühl austrocknet.
Wenn Menschen zu Nummern werden.
Hier in Dachau wissen wir, wie das aussieht.
Ein System, das Menschen entwürdigt und Verwüstung organisiert.

Im Evangelium tritt der Teufel zu Jesus. Der Diabolos, der Durcheinanderwerfer, der die Wahrheit in Lüge verkehrt.
Er lockt Jesus dreimal zu einfachen Lösungen.
Zaubere schnell ein bisschen, dann bewundere ich dich!, sagt der Teufel.
Das ist die Versuchung: Mach es dir leicht, es soll dich nichts kosten!
Mach es schnell.
Mach es ohne Liebe.

Und doch führt mich das nur in einen Zwiespalt.
Denn die bequeme Lösung ändert nichts.
Sie gibt nur das flüchtige Gefühl, 
ein bisschen was für eine bessere Welt getan zu haben.
Sophie Scholl hat den Zwiespalt früh gespürt.
Am 22. Juni 1940 schreibt Sophie Scholl an ihren Freund Fritz Hartnagel:

Der Mensch soll ja nicht, weil alle Dinge zwiespältig sind, deshalb auch zwiespältig sein. Diese Meinung trifft man aber immer und überall, weil wir hineingestellt sind in diese zwiespältige Welt, deshalb müssen wir ihr gehorchen. Und seltsamerweise findet man diese ganz und gar unchristliche Anschauung gerade bei den sogenannten Christen. Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, daß es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.

Zwiespalt ist verführerisch.
Man kann sich darin gemütlich einrichten.
Halb Wahrheit, halb Schweigen.
Halb Empörung, halb Wegsehen.
Halbherzig hier und da.
Das führt nicht aus der Wüste.

In dieser Halbherzigkeit sind wir sprachlos,
wenn Demokratie müde wird.
Wenn die Menschlichkeit verroht.
Wenn antisemitischer Hass wieder in der Luft liegt.
Wenn die einen gegen andere ausgespielt werden.
Das ist die Verwüstung, die uns immer mehr umgibt.

Und dann ist da die andere Verwüstung.
Die leise.
Die innere Ödnis.
Ich kenne sie zum Beispiel so.
Ich sitze am Küchentisch.
Alles ist da.
Und doch ist es innen drin wie Stein.
Ich scrolle Nachrichten.
Ich fühle mich machtlos.
Ich werde zynisch, ohne es zu wollen.
Auch das ist Wüste. 

Die schlimmste Ödnis aber schafft der Krieg. 
Sophie Scholl schreibt ihrem Freund Fritz Hartnagel: "Gegen die Dürre und Ödnis des Herzens hilft nur das Gebet, und sei es noch so arm und klein."

Brief vom 18. November 1942 an Fritz, ein Berufsoffizier der Wehrmacht:

Ich freue mich, daß Du die Öde, die ja doch in Dir eintreten mußte, in Deiner Arbeit : schon fünf Jahre, oder noch länger, lebst Du in dieser Wüste, zu überwinden entschlossen bist, und wenn ich könnte, so würde ich Dich immer mehr aufhetzen gegen die Gleichgültigkeit, die über Dich kommen könnte, und ich wünschte, der Gedanke an mich wäre ein steter Stachel gegen sie. 
Ja könntest Du dort einmal in eine Kirche und am Abendmahl teilnehmen. Welche Trost- und Kraftquelle könnte Dir das sein.
Denn gegen die Dürre des Herzens hilft nur das Gebet, und sei es noch so arm und klein… 
Ich bin Gott noch so ferne, daß ich ihn nicht einmal beim Gebet spüre. Ja manchmal, wenn ich den Namen Gott ausspreche, will ich in ein Nichts versinken. Das ist nicht etwa schrecklich oder schwindelerregend, es ist gar nicht – und das ist noch viel entsetzlicher. Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat ...

Und sei das Gebet noch so arm und klein.
Das finde ich tröstlich.
Weil es den Druck rausnimmt.
Du musst nicht groß glauben.
Vertrau auf Gott, und wenn es sich noch so arm und klein anfühlt.
Beten gibt dir wirklich Kraft,
auch wenn in dir "noch so viele Teufel rasen", wie Sophie Scholl schreibt.

Deshalb zeigt Jesus dem Teufel die Rote Karte,
nicht mit der Macht der Welt, sondern mit der Macht des Gebets: 
"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,
sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht."

Und vielleicht ist das die Verbindung zwischen Jesus und der Weißen Rose.
Beide stehen in einer Wüste.
Jesus in der Wüste der Versuchung.
Die jungen Leute der Weißen Rose in der Wüste eines Staates, 
der das Böse normal gemacht hat.
Und beide sagen: Ich lasse mich nicht spalten.
Ich gebe mein Herz nicht in Raten her.
Man kann Verwüstung nicht mit großen Parolen heilen.
Sie kann nur mit Wahrheit geheilt werden.
Mit Menschlichkeit.
Mit Gebet.
Mit dem Mut, nicht mitzuschwimmen, wenn alle schwimmen.
Und mit einer Quelle, die tiefer liegt als unsere Stimmungen.

Die Passionszeit ist eine Zeit des Durchatmens.
Und des Einübens.
Wen bete ich an?
Was dient mir?
Und wem diene ich?
Hier in Dachau, zwischen Erinnerung und Gegenwart, bitte ich Gott:
Mach mein Herz weich.
Mach meine Worte wahrhaftig.  
Und lass mich nicht zwiespältig sein.
Sondern ganz für deine Menschenliebe eintreten, guter Gott.

II
In der Wüste werden drei Versuchungen laut.
Und jede erscheint verführerisch einfach.
Auch heute.

Erste Versuchung: "Mach aus Steinen Brot."
Das klingt harmlos.
Sorge für dich. Still deinen Hunger.
Aber der Preis ist hoch: Jesus soll Gott nutzen wie einen Trickser.
Glaube als Werkzeug. Gott als Automat.
Ich drücke Gebet – und unten fällt die Lösung raus.
Das nennt sich "Machbarkeit".
Alles muss sofort gehen.
Und wenn es nicht geht, wird eben nachgeschärft, werden Abläufe optimiert und Kosten gesenkt.
Menschen werden verschlissen.
Die Erde wird verschlissen.
Am Ende sind wir zwar satt – aber trotzdem leer.

Zweite Versuchung: "Stürz dich vom Tempel, Gott wird dich schon auffangen."
Das ist der Kick. Das Spektakel.
Beweis dich. Mach dich unverwundbar. Das ist die Religion der Selbstdarstellung.
Heute läuft sie über Bildschirme.
Über Likes.
Über Algorithmen.
Über politische Show statt Verantwortung.
Und über Desinformation, Unwahrheit, die sich als Wahrheit verkleidet.
Man springt von der Tempelzinne –
aber unten ist kein Engel, allenfalls Beifallklatscher, die dein Riesen-Ego bejubeln.

Und dann die dritte Versuchung.
Die große. Die gefährliche.
"Ich gebe dir alle Reiche der Welt."
Alles. Macht. Glanz. Kontrolle.
Du musst nur niederfallen und anbeten.
Das heißt: Du musst dich dem Gott der Stärke unterwerfen.

Dem Gott/Götzen der "Überlegenheit".
Dem Gott/Götzen, der sagt: Nimm keine Rücksicht auf die Schwachen.
Hier, in Dachau, wissen wir, wohin so ein Gott/Götze führt.
Aus Sprache wird Gewalt.
Und aus Gewalt Routine, effizient – menschenverachtend.
Darum ist das Evangelium von den teuflischen Versuchungen so politisch.
Nicht parteipolitisch.
Aber zutiefst politisch, weil es um Herrschaft geht.
Und um die Frage: Wer darf über wen verfügen?

Jesus sagt dreimal Nein.
Weil er frei ist. Und weil er für uns alle Freiheit will.
Er dient keinem Teufel.
In einer Zeit, in der die Versuchungen des Teufels ganz real spürbar waren, schreibt Hans Scholl am 12. August 1941 an seine -Freundin Rose Nägele:

Entnimmst Du meinen Briefen nur Unruhe, so muß dies durch die Art des Schreibens bedingt sein ... Zerstört und zerstreut bin ich im Grunde sicher nicht, im Gegenteil: Inmitten einer Welt der brutalen Negation erkenne ich die positiven Werte. ...
Die Schatten sind um des Lichtes willen da. Aber das erste ist das Licht.

Und an den Freund Alfred Reichle, 21. Dezember 1941:

Je dunkler die Schatten über eine Epoche hereinfallen, desto grösser wird die Sehnsucht einzelner Menschen nach dem Lichte, denen die Schattenhaftigkeit und der Frevel ihrer Gegenwart den bürgerlichen Gleichmut genommen hat. Sehnsucht nach dem Lichte und nach der Erleuchtung haben uns zu der einzig hellen Stelle geführt, die uns geblieben ist: Christus. Und die uns bleiben wird. Unser ganzer Hintergrund und unser Wegweiser und Ziel ist Er.

"Die Sehnsucht nach dem Lichte hat mich zu Christus geführt – unseren Wegweiser, unser Ziel."
Was sind die Versuchungen unserer Gegenwart?
Ich sehe sie ganz nüchtern.
Die Versuchung des Größenwahns. 
Wenn sich Staaten über Recht stellen. 
Wenn Grenzen mit Gewalt verschoben werden.
Wenn Drohungen normal werden.
Und wir darüber immer mehr abstumpfen.

Die Versuchung der Entmenschlichung.
Im langsamen Töten durch Gleichgültigkeit.
Wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken und das als Randnotiz läuft.
Wenn Kinder in Kriegsruinen aufwachsen und wir uns daran gewöhnen.
Gewöhnung ist die freundlichste Maske des Bösen.
Sie kommt daher als Rassismus, als Antisemitismus,
als Hass auf Minderheiten und auf alles,
das angeblich nicht "normal ist".

Jesus antwortet darauf:
"Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten, und ihm allein dienen."
Genau da liegt der Auftrag, auch für uns.
Christlicher Glaube ist der Weg der Freiheit und der Menschlichkeit.Der Glaube an Jesus Christus ist der Weg, uneingeschränkt Ja zu sagen:
Zur Würde jedes Menschen.
Zur Wahrheit.
Zum Frieden.
Jesus Christus ist Gottes Ja zu uns allen.

Am Ende des Evangeliums treten Engel herzu und dienen Jesus.
Vielleicht ist das Gottes Art zu sagen:
Du musst nicht alles alleine tragen.
Aber du musst dich entscheiden, wem du dienst.

III

Am Ende bleibt die Frage: Was wächst aus all dem?
Aus Wüste. Aus Verwüstung. Aus Widerstand.
Christoph Probst, Mitglied der Weißen Rose, schreibt in der Zeit seines Widerstands:

"Ich freue mich, dass Christus geboren wurde, denn ohne ihn wäre alles unaushaltbar."

Und er schreibt an seine Mutter kurz vor seiner Hinrichtung:

"Wenn ich mein Leben überblicke, ist es ein einziger Weg zu Gott."

Aus dem Brief, den Christoph Probst am 19. Dezember 1942 an seine Schwester Angelika geschrieben hat:

Diesmal ist Weihnachten mehr ein innerliches Fest, ich freue mich, dass Christus geboren wurde, denn ohne ihn wäre alles unaushaltbar. Mag sein Wort sich wieder einnisten in den Herzen der Menschen, sein Liebesbeispiel leuchten!

Und am 22. Februar 1943, am Tag der Hinrichtung, schreibt er aus dem Gefängnis München-Stadelheim an seine Mutter:

Ich danke Dir, daß Du mir das Leben gegeben hast, wenn ich es recht überblicke so war es ein einziger Weg zu Gott. Da ich ihn aber nicht weit gehen konnte, springe ich über das letzte Stück hinweg. Mein einziger Kummer ist, daß ich Euch Schmerz bereiten muß. Trauert nicht zu sehr um mich, das würde mir in der Ewigkeit Schmerz bereiten. ...

Ich denke an meine herrlichen Kinderjahre, an meine herrlichen Ehejahre. Durch alles mir schimmert Dein liebes Angesicht. ... Laß Dir Deine Lebensfreude nicht nehmen. Werde nicht krank. Wandere Deinen Weg zu Gott weiter.

Ein erstaunlicher Auftrag: "Lasst euch eure Lebensfreude nicht nehmen. Werdet nicht krank. Wandert euren Weg zu Gott weiter."

Mitten im Dunkel spricht Christoph Probst vom Weitergehen.
Ohne Verbitterung.
Ohne Zynismus.
Sondern klar.

Widerstand ist oft klein.
Ein Blatt Papier.
Ein Satz Wahrheit.
Ein Nein, wenn alle Ja sagen.
Ein Schutz für den, der bedroht wird.
Ein Brief.
Ein Gebet, "arm und klein".

Wenn du denkst: Was kann ich schon tun?
Dann fang genau da an, wo du bist.
Widersprich, wenn Menschen verächtlich über andere reden.
Hilf, wenn jemand ausgegrenzt wird. 
Besuche Menschen, die kaum Unterstützung haben.
Stell dich neben die, die angegriffen werden.

Die Weiße Rose war keine Armee.
Sie war wie ein Samenkorn, das man in die Erde legt.
"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, kann es nicht Frucht bringen. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht", sagt Jesus Christus im Johannesevangelium.
Am Anfang sieht man es kaum.
Aber die Saat geht auf, es wächst etwas Lebendiges daraus und verändert die Erde.

Mit Jesus Christus kann es sogar in der Wüste blühen.

Amen.

 

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Kontakt zur Sendung

Kirchenrätin Melitta Müller-Hansen
Beauftragte der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
für Hörfunk und Fernsehen beim Bayerischen Rundfunk
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Mobil:0163/5582445
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