Am Ostersonntag, 5. April 2026, von 10.05 bis 11.00 Uhr überträgt der Deutschlandfunk live einen evangelischen Gottesdienst aus der Michaeliskirche in Kiel. Die Predigt hält Pastorin Susanne Sengstock. Kirchenmusiker und Popkantor René Schmidt-Jung gestaltet die Musik. Mit zum Team gehören ein Posaunenchor unter der Leitung von Volker Quellmann, die Pastorin Elvira Schlott und die Lektorin Gesche Neubauer.
Ostern feiert den Glauben daran: Christus ist auferstanden. Es gibt ein Leben nach dem Tod. In der Bibel löst das erst einmal Zittern aus, bis Osterfreude sich ausbreitet. Die Hoffnung auf Auferstehung richtet sich nicht nur aufs Jenseits. Sie wirkt bereits hier und jetzt. Pastorin Susanne Sengstock sagt: "An Ostern feiern wir, dass Menschen Auferstehung erleben. Dass da etwas ist, was aufrichtet, neu werden lässt, bewegt, einen Neuanfang möglich macht."
Musikalisch unterstützt wird der Gottesdienst durch den Pop- und Gospelchor "Jump for Joy". Die Musik und Lieder des Gottesdienstes reichen von den Oster-Klassikern "Christ ist erstanden" und "Wir wollen alle fröhlich sein" bis zu moderneren Liedern wie "Der Stein, er war weg" und "Er ist erstanden" aus Tansania.
Predigt:
I
Liebe Hörerinnen und Hörer! Liebe Gemeinde,
In einem Swing-Rhythmus haben wir gerade gesungen. Fröhlich wollen und können wir Ostern, das Fest der Auferstehung feiern. Das Osterevangelium nach Markus, das wir gerade gehört haben, gibt jedoch auch der Furcht ganz viel Raum - dem Entsetzen, dem, was uns Angst macht.
"Die Frauen gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn sie waren außer sich vor Zittern und Entsetzen."
Passt das eigentlich zur Auferstehung?
Zu meinem christlichen Menschenbild gehört genau dies: Wir sind verletzlich und verwundbar – und gerade dadurch werden wir zu liebes- und vertrauensfähigen Menschen. Erst dadurch, dass wir verletzlich sind, haben wir die Fähigkeit, Respekt zu zeigen, Verantwortung zu übernehmen und sensibel zu sein. Ein solches Menschenbild fiel schon immer aus der Zeit und tut es nach wie vor. Denn es ist eher das Maß aller Dinge, unverwundbar und unbesiegbar zu sein.
Was aber, wenn wir erst dann wirklich menschlich sind, wenn wir um unsere eigene Verletzlichkeit wissen und sie vielleicht sogar am eigenen Leib gespürt haben? Zitternd, voller Furcht und Entsetzen? Dann ist es gut, dass das Markusevangelium und die Frauen am Grab nicht sofort beim Jubeln darüber sind, dass Jesus auferstanden ist. Das Osterevangelium lässt Raum und Zeit ist für Furcht und Entsetzen, für die große Angst, dass all das zu Ende ist, was mit Jesus erhofft wurde.
Verwundbar zu sein, gehört zum Leben dazu. Wenn wir dieser Spur folgen, wird deutlich, dass das Sterben Jesu am Kreuz nicht nur Scheitern ist, sondern Menschlichkeit ausdrückt. Damit werden seine Qualen, sein Sterben und Leiden nicht weniger schmerzlich. Menschen leiden mitunter fürchterlich. Aber sie verlieren dadurch nicht das, was sie als Menschen ausmacht. Und dass Jesus ganz Mensch war, das ist dem Markusevangelium von Beginn an wichtig.
Also: Das Osterevangelium vom leeren Grab nimmt Leiden und Tod ernst. Aber es verkündet auch: Der auferstandene Jesus ist auf dem Weg nach Galiläa. Er geht dorthin, wo die Jesus-Bewegung angefangen hat. Dort wird es weitergehen. In Galiläa, bei den kleinen Leuten.
"Nun aber geht hin, sagt den Seinen, auch dem Petrus: Er geht euch nach Galiläa voraus; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat." 8Und die Frauen gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn sie waren außer sich vor Zittern und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich."
Jesus fordert im Markusevangelium Geheilte immer wieder auf, nicht über das zu berichten, was ihnen widerfahren ist. Sie halten sich nicht dran. Die Botschaft, was sie erlebt und erfahren haben, muss raus: "Ich bin geheilt. Jesus hat mir geholfen." Die Frauen werden in der Ostergeschichte aufgefordert zu reden, in Galiläa zu verkünden, aber sie tun es nicht. Sie schweigen. Für mich bedeutet dies: Menschen müssen im Kontakt mit dem Göttlichen nicht blind gehorsam sein, sondern dürfen das tun, was sie tun müssen. Nur weil Jesus sagt: "Schweige", schweigen Menschen nicht. Was raus muss, muss raus und geteilt werden. Genauso gilt: Was noch nicht gesagt werden kann, muss noch nicht gesagt werden. Alles hat seine Zeit. So auch das Zittern, eine natürliche Reaktion auf einen Schock und ein traumatisches Erlebnis.
II
Rose Ausländer schrieb das Gedicht "Noch bist du da"…im Jahr 1977. Da hatte sie beschlossen, ihr Zimmer im Altersheim in Düsseldorf nicht mehr zu verlassen. Mehr als erstaunlich war das, denn wirklich krank war sie da nicht. In dieser Zeit sind viele ihrer Gedichte entstanden. Gedichte, in denen sie auch ihre Zeit im Ghetto und ihre Todesangst verarbeitete. Besonders ab 1941 fürchtete sie um ihr Leben in ihrer Heimatstadt Czernowitz. Denn nach Bombenangriffen und einem Pogrom wurden immer wieder jüdische Menschen erschossen und deportiert. Im selben Jahr wurde ein Ghetto errichtet. Dorthin sperrten die Nazis auch Rose Ausländer. Was sie im Ghetto erlebt hat, ihre Todesangst, drückt sie in Gedichten aus. Die damaligen Gedichte sind verloren gegangen. Die meisten Gedichte zu dieser Zeit entstehen viele, viele Jahre später. Es brauchte wohl Zeit, das Grauen zu verarbeiten und das Trauma zu bearbeiten. Und Rose Ausländer brauchte auch Zeit, bevor sie wieder in Deutsch dichten konnte. Etliche Jahre schrieb sie nur in Englisch. Nicht aber in der Täterspräche. Abstand, so glaube ich, war und ist auch Schutz.
"Die Frauen gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn sie waren außer sich vor Zittern und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich."
Die damaligen Leser:innen und wir heute wissen: Die Frauen in der Ostergeschichte schwiegen nicht für immer.
"Noch bist du da
Wirf deine Angst in die Luft
Sei was du bist
Gib was du hast"
So dichtete Rose Ausländer.
III
"Noch bist du da
Wirf deine Angst in die Luft
Sei was du bist
Gib was du hast"
So dichtete Rose Ausländer.
Und ich stelle mir vor: Die Frauen, von denen das Markusevangelium erzählt, und alle, die davon hörten und lasen, haben genau das getan. Die Angst in die Luft werfen - bei sich ankommen - geben, was sie zu geben haben. Zuerst in Galiläa, wo alles begann.
So ist es schlüssig, dass wir am Ende des Evangeliums am leeren Grab daran erinnert werden, wie alles angefangen hat. Und wer das ernst nimmt, das Markusevangelium aufschlägt und erneut zu lesen beginnt und dann genau hinschaut, entdeckt: Die Auferstehung von den Toten geschieht nicht erst nach der Kreuzigung und dem Tod Jesu. Auferstehung geschieht schon vorher. In den Heilungsgeschichten. Bei der Schwiegermutter des Simons, bei der Heilung des Gelähmten, bei der Heilung eines besessenen Jungens, bei der Auferweckung der Tochter des Jairus, des Bartimäus und vielen mehr.
Mit dem gleichen Wort wie bei Jesu Auferstehung wird dort vom Aufstehen berichtet. Menschen können aufstehen. Sie überwinden Schmerz, Krankheit, ja sogar den Tod. Das ganze Markusevangelium atmet die Erfahrung der Auferstehung. Auferstehung mitten im Alltag. Das tägliche Leben war damals, als das Evangelium entstand, extrem gewalttätig. Die Menschen, die dieses Evangelium zuerst lasen, lebten in einem zerstörten, kriegsgebeutelten, vom römischen Großreich besetzen Land. Viele waren kriegstraumatisiert.
Und sie wurden ermutigt: Trotz allem – trotz all der Wunden, Narben und Risse: Das Leben ist schön und lebenswert. Die heilige Kraft Jesu ist da. Sie wirkt – auch in und durch uns Menschen. Genau das ist die Erfahrung von Auferstehung mitten im Leben.
Für mich ist das Demokratieprojekt Hassee, hier bei uns im Ort, so ein Bespiel dafür. Hier sind Menschen, die Angst haben, dass rechtsradikale Kräfte unsere Demokratie schaden, ja gar abschaffen könnten. Sie haben Angst, dass immer mehr Menschen sich von Hassbotschaften manipulieren lassen. Diese Angst lähmt sie aber nicht, sondern bringt sie dazu, sich im Stadtteil für Demokratie zu engagieren. Im Plenum, in sieben Arbeitsgruppen und bei Veranstaltungen ist es möglich, solche Angst aus- und anzusprechen, sich mit anderen auszutauschen. Manchmal können auch neue Kontakte geknüpft werden. Menschen fühlen sich verbunden mit anderen. Statt einer diffusen, lähmenden Angst vor einer ungewissen Zukunft kommen Menschen ins Tun. Das ist wie ein Aufstehen.
Nicht alle, die sich in diesem Projekt engagieren, sind Christ*innen. Gut möglich, dass sogar die Mehrheit nicht zur evangelischen Kirche gehört.
Aber ich als Christin erlebe dort die Kraft der Auferstehung.
Heute, zu Ostern feiern wir, dass Menschen Auferstehung erleben. Nicht nur zwischen heiligen Buchdeckeln in biblischen Geschichten, sondern bis heute real und echt. Dass die schöpferische Kraft, die Jesus hatte, weiterwirkt. Dass da etwas ist, was aufrichtet, neu werden lässt, bewegt, einen Neuanfang möglich macht. Etwa wenn Angst und Furcht weichen – wenn wir nicht verzweifelt und hoffnungslos bleiben, sondern wenn Mut zurückkommt.
Halleluja.
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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Claudia Aue, Radiopastorin
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