Am Sonntag Rogate, dem 10. Mai 2026, überträgt der Deutschlandfunk von 10.05 bis 11.00 Uhr live einen Gottesdienst aus der Evangelisch-methodistischen Erlöserkirche in Marbach am Neckar. Predigen wird Pastorin Ellen Widmer. Liturg ist Benjamin Elsner. Musikalisch wird der Gottesdienst vom Posaunenchor sowie dem Musikteam unter der Leitung von Deborah Laun und Elli Buck gestaltet.
"Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen", sagt Jesus im Johannesevangelium. In diesem Gottesdienst erzählen Menschen davon, wie sie bei Gott Wohnung finden: einen "Raum bei Gott – für dich und für mich". Das ist der Titel dieses Gottesdienstes und zugleich das Motto der Marbacher Gemeinde.
Die Gemeinde der Erlöserkirche in Marbach am Neckar (https://emk-marbach.de/) gehört zur Evangelisch-methodistischen Kirche
(EmK; www.emk.de). "Methodistisch" war ursprünglich eine spöttische Bezeichnung für eine Gruppe von Studenten um John und Charles Wesley in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Brüder Wesley und ihre Freunde praktizierten einen konsequenten Lebens- und Glaubensstil. Intensives Bibelstudium, gemeinsames Beten und vor allem der praktische Dienst an Armen, Kranken, Arbeitslosen und Gefangenen waren ihnen wichtig. Dieses "methodische" Vorgehen führte zum Spottnamen und zugleich zu einer weltweiten Kirche.
Predigt:
I
Vor unserer Haustüre steht ein Schild mit einem Willkommensgruß. Ein erster, herzlicher Empfang für unsere Gäste. Wir zeigen damit: Hier bist du willkommen. Schön, dass du da bist. Tritt ein.
Für uns heißt das: Wir öffnen unsere Lebensräume für andere Menschen. Wir lassen sie ein, lassen sie teilhaben an unserer Privatsphäre. Und für unsere Gäste bedeutet das zugleich, sich auf Räume einzulassen, die sie nicht mitgestaltet haben. Im besten Fall entsteht in unserem Zuhause eine entspannte Atmosphäre. Dann wird unsere Wohnung zu einem geschützten Raum, in dem wir miteinander und füreinander da sein können. In dem wir das Leben feiern und Spaß haben. Aber auch Raum ist, um einander Sorgen und Nöte anzuvertrauen.
Unser Leben findet immer in Räumen statt. Selbst, wenn wir draußen unterwegs sind. Manche durchschreiten wir einfach, manche gestalten wir mit. Mal sind sie ganz nüchtern und sachlich wie z.B. Büroräume. Dann wieder sind sie sehr persönlich, wie in unserem Zuhause. Räume können zudem die verschiedensten Gefühle in uns wecken. Manche machen uns vielleicht Angst oder engen uns ein. Andere wiederum laden ein, kreativ zu werden, oder lassen uns innerlich entspannen. Räume können uns einerseits Schutz gewähren, aber andererseits auch zu einem Ort der Gefangenschaft werden.
Leben geschieht nie außerhalb von solchen Räumen.
In dem Psalm, den wir gebetet haben, steht: "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn." Bei Gott gibt es Wohnungen und der Psalmbeter sehnt sich nach diesem besonderen Raum. Nach diesen Wohnungen, die ganz nah bei Gott sind. Er ahnt und weiß aus bisherigen Erfahrungen: Dieses Nahesein bei Gott wird ihm guttun und neue Kraft geben. Da ist er sicher.
Raum bei Gott. Das sind Räume, die mir guttun. In denen ich gerne bin. In denen ich mich entfalten und zu Kräften kommen kann. Diese Gedanken gefallen mir und wecken eine neue Sehnsucht nach diesen Räumen.
Im Johannesevangelium, im Neuen Testament der Bibel, lesen wir, dass Jesus zu seinen Jünger:innen sagt: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe dorthin, um für euch einen Platz vorzubereiten? (Johannes 14,2-3)
Wohnungen bei Gott. Das ist also mehr als ein Versprechen, mehr als eine schöne Vorstellung. Jesus ist vorausgegangen, um sie für uns vorzubereiten. Ich stelle mir das so ähnlich vor wie mit dem Willkommensgruß an unserer Haustür. Ich werde in den Wohnungen bei Gott willkommen sein. Und sogar mehr noch: Meine Wohnung wird vorbereitet sein. Jesus weiß, was ich brauche, um mich wohl zu fühlen. Er weiß, was mir gefällt, was mir guttut, was mich ausruhen lässt. Ich werde nicht nur Gast sein, sondern meine Wohnung bei Gott haben. Eine, die zu mir passt.
Jesu Worte klingen nach Zukunftsmusik. Er spricht vom Ende meines Seins. Gott selbst, der liebende Vater, die liebende Mutter, wird dann ganz nah sein. Spürbar und erlebbar, ohne Einschränkungen. Das ist positive Zukunftsmusik in meinen Ohren. Das erzeugt eine wohltuende Resonanz in meinem Herzen. Und dennoch drängen sich da Fragen in mir auf: Muss ich dafür erst bis zum Ende meiner Tage warten? Kann ich das nicht auch schon heute so erleben und in meinem Alltag finden? Eine Wohnung? Ein Raum, der zu mir passt. "Raum bei Gott: Für dich und für mich?" Wir als Kirchengemeinde hier in Marbach haben es uns zur Aufgabe gemacht, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich schon heute zuhause fühlen und Gottes Nähe spüren können.
II
"In deiner Gegenwart bin ich zuhaus", haben wir gerade gesungen. Und im Johannesevangelium versichert Jesus seinen Nachfolger:innen: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe dorthin, um für euch einen Platz vorzubereiten? Es gibt ein passendes Raumangebot ganz nah bei Gott. Für dich und für mich. Diese Worte schenken mir Hoffnung. Sie lassen mich über mein Hier und Jetzt hinausblicken. Sie lassen in mir ein Bild entstehen von einem Haus, das lebt. Das bunt und einladend ist. In dem Gott wirklich für alle Raum schafft. In dem Vielfalt erwünscht ist, und jeder und jede sein kann, wie er oder sie ist. In dem es viel Raum für Begegnungen gibt oder für Rückzug - je nachdem, was ich brauche.
Diese Zukunftsräume sind davon geprägt, dass die Bruchstücke meines Lebens heil werden können. Dass Gott vollenden wird, was er in mir begonnen hat, (wie es im Neuen Testament in einem Brief an die Philipper heißt.) (Phil.1,6). Liebe und Vergebung spielen dabei eine große Rolle. So werden die Räume zu guten Lebensräume.
Als Kind Gottes glaube ich daran, dass diese Zukunftsmusik heute schon erklingen kann. Immer dann, wenn Räume entstehen, in denen Menschen sich geborgen fühlen, sich ausprobieren können, sich angenommen fühlen und mit all ihren Bedürfnissen kommen können.
Was braucht es für ein herzliches "Willkommen"? Was zum sich Wohlfühlen? Und welche Hindernisse gibt es zu überwinden?
Mir hilft es, auf Jesus zu schauen. Mir bewusst zu machen, was ihm im Umgang mit den Menschen wichtig war. Was er getan hat, wenn er bei anderen zu Gast war. Wie hat er Räume geschaffen, in denen sich die Menschen angenommen fühlten? Daraus ergeben sich für mich drei Merkmale für gute Räume:
In ihnen ist die Liebe Gottes zu spüren.
Sie ermöglichen Vergebung.
Menschen können sich darin mutig und voller Vertrauen entfalten.
In solchen Räumen kann ich mich zuhause fühlen. Eine liebende Umgebung, ein Ort, an dem mir Fehler nicht nachgetragen werden, der Versöhnung fördert und an dem ich mich und meine Stärken entdecken kann.
Als Kirchengemeinde wollen wir auch ein Zuhause schaffen. Für Menschen, die bereits in unseren Räumen ein Zuhause gefunden haben, und für Menschen, die zu uns kommen: weil sie zu Besuch in Marbach sind, weil sie neugierig sind, weil sie einen Ort suchen, an dem sie Gott begegnen können oder weil sie so ganz zufällig eine offene Tür gefunden haben.
Wir wollen Räume schaffen, die so sind, wie sie in der Bibel beschrieben werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich das Leben in unseren Räumen abspielt oder außerhalb, in anderen Räumen. Es ist nicht ausschlaggebend, ob wir das in gottesdienstlichen Ereignissen erleben oder in ganz alltäglichen. Ob das Räume sind, für unsere Kinder und Jugendlichen, für den Posaunenchor oder den offenen Mittagstisch. Ob das unser Raum der Stille ist, in denen sich Menschen zum Nachdenken und zum Beten zurückziehen können, der jeden Tag öffentlich zugänglich ist. Ob das der Raum ist, in dem wir miteinander Gottesdienst feiern. Oder der Raum auf der Jugendwiese, wenn wir früh am Ostermorgen gemeinsam erleben, wie das Licht die Dunkelheit vertreibt.
Wie schaffen wir es, solche Räume zu schaffen, die Gottes Liebe sichtbar machen?
Auch bei uns läuft nicht immer alles reibungslos, wenn wir in so großer Unterschiedlichkeit und Vielfalt einander begegnen. Enttäuschungen und Verletzungen bleiben nicht aus. Selbst wenn wir in besten Absichten unterwegs sind, werden wir immer wieder aneinander schuldig. Ich an anderen, und andere an mir. Wir sind Menschen, die als solche reagieren und auch Fehler machen. Auch unsere theologischen Ansichten, unsere Art zu glauben, Gottes Wort zu verstehen, das kann sehr unterschiedlich sein. Das kann auf Unverständnis stoßen. Wir haben außerdem ganz unterschiedliche Bedürfnisse, aus denen heraus wir gemeinsamen Lebensraum mitgestalten wollen oder Raum für uns selbst brauchen. Das kann in der Umsetzung dann zu Misstönen, Ungeduld oder Unverständnis führen. Schwierig wird es auch dann, wenn es darum geht, konkrete Räume einzurichten. Wenn Entscheidungen fällig sind, die Materialien, Geschmack oder viel Geld betreffen. Auch Machtmissbrauch und Manipulation kann es geben, so dass Menschen die gemeinsamen Lebensräume verlassen. Im schlimmsten Fall sind sie so sehr verletzt, dass sie nicht einmal mehr Gott trauen können.
Was hilft uns dann weiter? Wie kann es gelingen trotz aller Unterschiedlichkeit und Verletzungsmomenten eine Gemeinschaft zu bleiben, Räume für Menschen zu ermöglichen, die so sind, wie Gott sich das vorgestellt hat? Die atmosphärisch so sind, dass wir, trotz all unserem menschlichen Scheitern, Gott darin erleben können: mit seiner Liebe, mit seinem Verständnis von Vielfalt, Akzeptanz und Gerechtigkeit?
III
Gottes Wohnungen mit Raum zur Entfaltung, bunt und vielfältig. Das ist unser Vorbild. So sollen auch unsere Räume sein. Dazu mit Gottes Liebe gefüllt und ein Ort, an dem Vergebung möglich ist.
Vergebung. Fehler nicht nachtragen. Neuanfangen können. Jederzeit.
An Ostern - das ist ja erst gut einen Monat her – da haben wir das gefeiert: Altes ist vergeben. Aus Liebe. Immer wieder darf ich neu auferstehen mitten im Leben. Gott trägt mir nichts nach. Damit ich mich neu entfalten kann. Gott vergibt. Und ich? Ich tue mir da manches Mal schwer.
Vergeben ist nicht einfach. Für alle Beteiligten. Vergeben kann dauern, kann mühsam sein. Vergeben darf man nicht erzwingen. Manchmal können Menschen nicht vergeben, was andere ihnen angetan haben. Zur Vergebung gehört außerdem die Umkehr. Einsehen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Um Vergebung bitten können. Ob der andere die Bitte annimmt und mir tatsächlich vergibt, das habe ich nicht in der Hand. Vergebung ist kein Automatismus. Zur Bitte um Vergebung gehört der Wille, Schaden wieder gutzumachen, sofern das möglich ist. Damit Vertrauen neu wachsen kann. Da braucht es die Liebe Gottes, auf allen Seiten.
Was mich in diesen Situationen motiviert, ist das Durchhaltevermögen Gottes. Über all die Jahrtausende hat er nicht aufgehört, mit seinen Menschen diese Welt zu gestalten. Trotz aller Missstände. Und weil Gott die Menschheit und mich nie aufgegeben hat, will ich das auch nicht tun.
Ich will mutig dranbleiben. Frieden stiften. Gottes Liebe weitergeben. Und vergeben. So gut ich das eben kann. Das Schöne ist doch: Gott möchte diese Räume mit dir und mir zusammen gestalten. Das gibt mir Kraft und macht mir Hoffnung, mich immer wieder neu zu investieren.
Raum bei Gott - für dich und für mich. Das ist unser Gemeindemotto. Für uns als Gemeinde und für mich als ein Teil davon, heißt das: Die Liebe Gottes erlebbar machen. Im liebevollen Umgang mit mir selbst und mit anderen. In der Art, wie ich Begegnungen gestalte. In dem Bemühen, andere ohne Vorurteile anzunehmen, so wie sie sind. Und ihnen in dieser Annahme auch Schutzräume zu schaffen. Dabei bleibe ich immer Lernende. Ich brauche die innere Bereitschaft, mich zu verändern. Damit Raum bleibt für die Bedürfnisse von anderen. Damit ich nicht stur auf dem Althergebrachten beharre, sondern beweglich bleibe für all das Gute, das Gott für uns will. Gut, dass wir das miteinander immer wieder einüben können.
Und ein letzter Gedanke: Wie muss ein Raum sein, in dem ich mich mutig und voller Vertrauen entfalten kann? Wo ich auch einfach mal loslegen kann, ohne jedes Detail bereits abgesichert zu haben? Das fällt leichter, wenn wir uns gegenseitig stärken und ermutigen. Wenn wir einander versichern: Wir sind miteinander und mit Gott unterwegs. Das fällt leichter, wenn Fehler möglich sind und mitgetragen werden. Wenn wir einander Respekt und Wertschätzung entgegenbringen. Wenn ich mich auf meine Weise einbringen darf. Dann kann ich mich sogar von einer neuen Seite kennen lernen und meine Grenzen neu definieren. In der Auseinandersetzung mit dem, was ich brauche und der andere neben mir.
Jetzt sind diese Worte aus dem Johannesevangelium, von den Wohnungen Gottes für alle, nicht mehr nur schöne Zukunftsmusik, sondern schon ein Teil meiner Gegenwart. Ein Teil hier in den Räumen unserer Gemeinde. Aber auch überall dort, wo dieser Geist die Räume durchweht. Räume, in denen ich heute schon Gott spüren kann. Das Gute, das er für mich bereit hält. Räume, in denen er meine Füße auf weiten Raum stellt, wie es der Beter in der Bibel beschreibt. Räume, in denen neue Beziehungen entstehen können oder zerrüttete Beziehungen heil werden können. In denen wir verständnisvoll auf die Bedürfnisse des anderen eingehen. Oder einander in stürmischen Lebenszeiten unterstützen. Räume, in denen wir einander schützen und Geborgenheit schenken, wenn jemand mit seinem Leben nicht mehr zurechtkommt. Räume, in denen Menschen ermutigt werden, sich mit ihren Gaben einzubringen.
Überall dort, wo wir mit unseren gegebenen Möglichkeiten Räume gestalten, in denen Gottes Liebe spürbar wird, da wird aus Zukunftsmusik Gegenwart. Da wird Raum bei Gott - für dich und für mich. Mit einem herzlichen Willkommen für alle!
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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