Am Sonntag Jubilate, 26. April 2026, überträgt der Deutschlandfunk von 10.05 bis 11.00 Uhr einen evangelischen Gottesdienst aus der Auferstehungskirche in Münster.
Der Name des Sonntags "Jubilate" bedeutet: Jubelt! Lobt und dankt Gott. Dafür gibt es viele Gründe: Persönliche Geschichten, die ein Lachen schenken oder Erfahrungen von Glück im Unglück. Manchmal sind es Situationen von Verbundenheit und Liebe.
Gottes Liebe als Grund zum Jubeln, darüber predigen Pfarrer Moritz Gräper und Vikar Niels Semelka. Dazu erzählen eine Konfirmandin und eine Seniorin, was sie jubeln lässt. Eine Presbyterin und eine Jugendliche aus der Gemeinde gestalten die Liturgie mit.
Es singen der Kinderchor, unter Leitung von Katharina Lohbeck, und der Kirchenchor Gaudeamus, geleitet von Brigitte Stumpf-Gieselmann. Popkantor Philipp Holmer musiziert.
Predigt:
I
Vor gut 20 Jahren hatte ich das Glück, ein Jahr in Südafrika zu leben. Ich durfte als Freiwilliger ein Jahr lang in einer Kirchengemeinde in Johannesburg mitarbeiten. In diesem Jahr habe ich alles aufgesaugt. Die Eindrücke der riesigen Metropole, die Schönheit und Vielfalt der Menschen in der sogenannten Regenbogennation gut zehn Jahre nach Ende der Apartheid. Regenbogennation, weil in Südafrika Schwarze, Menschen of Color und Weiße mit Zulu, Tswana, Afrikaans oder Englisch als Muttersprache zu Hause sind. Und da war so viel Musik: Lutherische Choräle, wie ich sie von zuhause kenne, Worship und Lobpreis, englischsprachige Bandmusik aus charismatisch geprägten Freikirchen und traditionelle Afrikanische Lieder in einer der vielen schwarzen Sprachen haben mir neue Welten eröffnet. Die Kirchengemeinde, in der ich gearbeitet habe, hat die unterschiedlichsten Menschen versammelt: Männer und Frauen aus den wohlhabenden Gegenden der Stadt, Kinder aus Privatschulen genauso wie Jugendliche und Familien aus den Townships oder dem damals für Kriminalität weltweit berüchtigten Stadtteil Hillbrow. Ich habe es noch genau vor Augen: Die Pflegemütter und Kids des AIDS-Waisenprojektes der Gemeinde sitzen neben den Managerinnen, Ärzten und Unidozenten in der Kirchenbank. Einheit in Vielfalt war hier Wirklichkeit. Das Verbindende: Der Glaube. Die Stimmung im Gottesdienst: zuversichtlich und voller Hoffnung. Und das, obwohl da so viele sind, die so viel Grund zur Sorge haben. Armut, Perspektivlosigkeit, erlittenes Unrecht und Leid in der Apartheid, Korruption im Land. All das hält bei St. Peter’s by the Lake, so der Name der lutherischen Gemeinde in Johannesburg, niemanden davon ab, Gott dankbar zu sein.
Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, Früchte sollt ihr bringen. Bleibt dafür in mir und ich in euch.
Jesu Bild in diesem Satz ist ein Versprechen: Ihr gehört zu mir, seid in mir und mit mir verwachsen. In eurer Menschlichkeit. Und egal, wie eure Herkunft, euer Aufwachsen und eure Lebensumstände, eure Gesundheit, euer Alter und euer Kontostand sind: Verbunden mit mir bringt ihr Frucht, kann euer Leben gelingen.
Es gibt Lebensgeschichten, da habe ich Fragen. Für manche ist es bestimmt schwer, sich als Teil dieses Bildes zu empfinden. Als Pfarrer begleite ich oft Menschen, deren Lebensweg viel Schweres, Wunden, Leid und Trauer kennt. So viel, dass ich mich manchmal frage, ob das eine Seele überhaupt aushalten kann. Oft stelle ich beeindruckt fest: Resilienz, Vertrauen ins Leben und Glaube in die Beziehung zu Gott sind häufig bei denen besonders authentisch da, die alles Recht der Welt hätten, jegliche Zuversicht und Hoffnung zu verlieren.
Die Reben am Weinstock haben Macken und Wunden, sind oft krumm und an manchen Stellen brüchig, aber sie bleiben Teil des Weinstocks.
Wie haben Sie, wie habt ihr das in euren Leben erfahren? Wann und wie habt ihr euch dankbar gefühlt, wann fällt es leicht ein Loblied auf den Lippen zu haben und wann seid ihr stumm geblieben, weil die Sorge oder die Last zu groß war?
Marlies schaut auf fast 90 Jahre zurück und hat davon erzählt, wie sie sich von Beziehungen in der Familie und als Teil einer Glaubensgemeinschaft getragen fühlt. Als Teil des Weinstocks.
Sophie hat als Jugendliche von einer Erfahrung berichtet, als ihr klar wurde: Das Schöne und Wichtige in ihrem Leben, das Dach über dem Kopf, ein eigenes Zimmer, in das sie sich zurückziehen kann, ihre Familie und Freunde sind nicht selbstverständlich.
Verwachsen und zugehörig gelingt das Leben.
In Johannesburg verbinde ich besonders Kinderstimmen mit einem widerstandsfähigen Glauben. Er klingt in einer Melodie:
Babababababam…
Über hundert Kinder, viele von der Straße oder aus ärmsten Verhältnissen sind zusammen bei der Kidsweek, ein Angebot wie eine Kinderbibelwoche, die wir als Team von jungen Leuten zusammen gestalten, ein paar wie ich aus Deutschland, die meisten aus Südafrika. Eine Woche Spiele, Gemeinschaft, Bibelgeschichten und jeden Tag eine warme Mahlzeit. Und viel Musik. Das alles mitten in der von Kriminalität und Armut gebeutelten Stadt.
Aus voller Kehle singen dort alle "Precious Lord, you are my Saviour day by day". Liebster Gott, du bist mein Retter jeden Tag.
Ich fühle Demut: So viele von den Kids hier haben so viel Unsicherheit im Leben, wirtschaftlich, familiär und gesellschaftlich. Perspektiven für ein gelingendes Leben sind rar, und trotzdem oder gerade deswegen singen sie voller Überzeugung. Sie danken und loben Gott.
Mit den Kindern der Kidsweek verbinde ich das Gefühl: Wir sind verbunden. In Jesu Bild sogar richtig verwachsen. Mit ihm als Weinstock. Und wir können Frucht bringen, auch wenn da nicht nur Licht und Leichtigkeit sind, gerade wenn wir Tiefe, Dunkelheit und Unsicherheit erleben.
Heute leihen wir uns die Melodie und die Worte aus Johannesburg:
Precious Lord
Precious, precious Lord
You are my Saviour day by day
Precious, precious Lord
You are my Saviour day by day
You are my Saviour you are my Guider
You are my everything oh Lord
You are my Saviour day by day
You are my Saviour you are my Guider
You are my everything oh Lord
You are my Saviour day by day
Uhuhu oh yea, every day
You are my Saviour day by day.
Uhuhu oh yea, every day
You are my Saviour day by day.
II
Nach einem kleinen Torbogen ist er da, der Himmel.
Meine Füße berühren Schritt für Schritt den taubedeckten Rasen.
Ja, Schritt für Schritt. Schritt für Schritt.
Die Sonne leuchtet mir morgenmüde ins Gesicht.
Ich stehe auf dem Gipfel.
Mein Blick wandert den Horizont ab.
Dahinten Wälder und Felder,
und da, das kleine Fachwerkhausdorf,
da vorne das alte Schloss,
gar nicht so weit entfernt.
Hier auf dem Gipfel,
da liegen Himmel und Erde für mich nah beieinander.
Ich stehe auf dem Himmelsfels.
Ein besonderer Berg in der Stadt Spangenberg.
Das liegt bei Kassel.
Der Himmelsfels ist nicht nur ein kleiner wunderschöner Berg,
sondern ein internationaler Ort.
Hier begegnen sich Menschen aus allen Städten, Ländern und Konfessionen – katholische und freikirchliche Christinnen und Christen, Menschen aus Brasilien, Indonesien oder Ruanda.
Der Himmelsfels ist ein Ort voller Lebendigkeit und Vielfalt.
Mit Menschen aus aller Welt gestalten wir eine Ferienfreizeit. Jeden Tag beginnen wir in Stille und Gebet.
Wir lesen die Tageslosung, Sätze aus der Bibel für diesen Tag, auf Französisch, Deutsch, Englisch, Persisch und Arabisch.
Wir zünden Kerzen an und beten das Vaterunser in unseren Muttersprachen.
Ich bete extra leise, will hören, wie wunderschön Gottes Wort in anderen Sprachen klingt. Wir frühstücken gemeinsam, machen den Abwasch, lernen und lachen gemeinsam.
Hier auf dem Himmelsfels begreife ich: Wir sind eins in Christus.
Es ist, wie Jesus das sagt: Bleibt in mir und ich in euch.
Er sagt nicht: Bleibe in mir und ich in dir.
Bleibt in mir und ich in euch. Mehrzahl!
Gemeinsam in Christus bleiben; das macht den Himmelsfels so besonders für mich. In allen Sprachen halten wir an Jesu Treue fest. Wir streiten uns manchmal um seine Geschichten.
Das ist nicht immer entspannt.
Ich mag meinen Blick auf die Dinge und will mich nicht irritieren lassen.
Gemeinsam in Christus bleiben, kann anstrengend sind, weil ich lerne, wie unvollständig mein Blick ist.
Wertvoll, aber unvollständig.
Und dann staune ich, wie weit mein Blick wird, wenn ich mich mit anderen verbinde, mich ergänzen und beschenken lasse.
Wir lesen zum Beispiel die Stelle, in der Jesus sagt: "Wer bittet, dem wird gegeben." Ich denke laut darüber nach, dass das ja oft nicht stimmt. Dass wir ja eben oft nicht bekommen, was wir bitten.
Auf einmal berichten andere aus anderen Ländern und Konfessionen, wie ihre Gebete erhört wurden, erzählen von kleinen Wundern.
Und ich gebe dem Text eine neue Chance.
In Christus lernen wir, was uns unterscheidet und verbindet.
Bleibt in mir und ich in euch.
Wieder und wieder spüren wir, dass Gott in uns bleibt.
Jesu Wort gilt: Er bleibt in uns; in unserer Mitte und Gemeinschaft.
Der Himmelsfels hat ein Gipfelkreuz. Schritt für Schritt gehe ich darauf zu; durch den taubedeckten Rasen. Die Sonne bescheint mein Gesicht, die Steine des Kreuzes und eine kleine Tafel – das Gebet am Kreuz. Darin heißt es:
"Gott, mein Leben soll von deiner Liebe erzählen.
Alles, was ich tue und schaffe, soll ein Gleichnis sein für deine große Zuneigung zu den Menschen, die du vermisst."
Ich schaue in den Himmel, der hier so nah bei der Erde ist, und flüstere dankbar:
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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Pfarrer Dr. Titus Reinmuth
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