Hinrich Franck
Welcher Stimme folgst du?
Radiogottesdienst aus der Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg
07.06.2026 10:05

Am Sonntag, den 7. Juni 2026, ab 10.05 Uhr überträgt der Deutschlandfunk einen evangelischen Gottesdienst aus der Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern in Hamburg.

Welcher Stimme folgst du? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch den Gottesdienst. Die biblische Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus zeigt, wie schnell Menschen geneigt sind, verführerischen Stimmen zu folgen: der Stimme der Abgrenzung, der Gleichgültigkeit oder des eigenen Vorteils. Der Gottesdienst lädt dazu ein, wachsam zu sein und sich von einer Stimme rufen zu lassen, die Beziehungen heilt und Zukunft schenkt. Die Predigt hält Hauptpastor und Propst Dr. Martin Vetter.

Die Kantorei St. Nikolai singt eine vielstimmige Chorimprovisation unter der Leitung von Kantorin Anne Michael. Chor und Orchester musizieren Werke von Haydn, Bach und Händel. Begleitet wird die Kantorei von der Hamburger Camerata. Die Orgel gestaltet den Gottesdienst mit Chorälen und einer eigenen musikalischen Sequenz.

Die Hauptkirche St. Nikolai ist eine von fünf Hamburger Hauptkirchen und hat einen profilierten musikalischen Schwerpunkt. Mit der 2023 erneuerten Klais-Orgel und einer lebendigen Chorarbeit ist St. Nikolai ein wichtiger Ort geistlicher Musik in der Hansestadt.
 

Predigt:

I
Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer,

höchste Töne, reinste Klänge. Die festliche Ode von Georg Friedrich Händel schwingt nach. Musik verbindet Menschen auch über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg. In diese Harmonie platzt der Predigttext des heutigen Sonntags herein wie ein Spielverderber. Jesus erzählt ein Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Kompakt und kurz gefasst: Ein reicher Mann und der arme Lazarus leben in nächster Nähe zueinander. Während Lazarus an seiner Türschwelle liegt und darbt, lebt der Reiche im Überfluss. Vom Armen nimm er keine Notiz. Mit dem Tod wendet sich allerdings das Schicksal: Lazarus kommt in den Himmel. Der Reiche fährt zur Hölle. Die Moral: Der Reiche hat seine Chance vertan. Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit. Das kann einen nervös machen, vor allem, wenn man im Wohlstand lebt.

Da ist der reiche Mann. Er kleidet sich in Purpur. Das ist seit alters die Farbe der Könige, der Mächtigen. Der Reiche lebt im Luxus. Ganz anders Lazarus. Lazarus – das ist hebräisch und bedeutet: "Gott hilft". Danach sieht es aber am Anfang der Geschichte nicht aus. Lazarus lebt und stirbt im Elend. Der Reiche hingegen ist namenlos. Das ist für eine Person, die sich in Purpur kleidet, ungewöhnlich. Wer reich ist, hat in der Regel Macht und Einfluss, sich einen Namen zu machen. Lazarus sucht die Nähe des Reichen. Doch der Reiche ignoriert ihn. Das Schicksal des Armen ist ihm gleichgültig. Ein Skandal! 

Hier wirkt die Erzählung zeitlos: Auch heute gibt es in Deutschland wie in so vielen anderen Ländern eine Kluft zwischen Arm und Reich. Bei uns an St. Nikolai, im wohlhabenden Hamburger Stadtteil Harvestehude, wird dies freitags sichtbar. Dann öffnet die Tafel und gibt Lebensmittel aus an Menschen, die zum Leben zu wenig haben. Vor der Kirchentür bildet sich eine Warteschlange. Viele sind von weiter angereist. Die materielle Not unserer Zeit ist sichtbar. Man braucht nicht in die Medien schauen, um die soziale Krise zu begreifen.

Tafeln sind sozialpolitisch umstritten. Die Ausgabe von Lebensmitteln an Bedürftige leistet einen Beitrag, um Armut zu lindern. Das ist notwendig, sagen die, die sich bei der Tafel engagieren. Andere sehen das kritisch: Der Staat, die Sozialpolitik ist gefragt. Kirchen und andere soziale Träger sollten hier nicht einspringen. Ich kann diese Kritik nachvollziehen. Doch mir imponiert auch das soziale Engagement der meist ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer: Anders als der reiche Mann in Jesu Geschichte öffnen sie ihre Herzen für die Nöte anderer. Sie nehmen Anteil am Schicksal derjenigen, die Hilfe brauchen. Ihr persönlicher Einsatz kann die sozialstaatliche Existenzsicherung nicht ersetzen. Aber sie helfen vielen Menschen mit dem Nötigsten.

II
Wo stehe ich in der Geschichte, die Jesus erzählt? Beim armen Lazarus oder bei dem Reichen? Ich bin nicht arm, lebe nicht auf der Straße. Also muss ich mich auf der Seite des reichen Mannes einsortieren. Ich stelle mir vor, auch vielen anderen in unserer Gemeinde fällt es leichter, sich auf die Figur des Reichen einzulassen. Auch wenn ich über unsere Stadt Hamburg hinausblicke: Im weltweiten Maßstab sind viele Deutsche relativ wohlhabend. Ich schließe mich ein. Auch wenn mir das moralisch nicht behagt. Denn das Schicksal des Reichen in der Erzählung beunruhigt. Andererseits: Wer gehört schon zu Lebzeiten gern ins "Team Lazarus"?! Auf der Straße leben, den Körper voller Geschwüre. 

Doch hier lässt uns der zweite Teil der Erzählung tiefer blicken: Beide sterben, Lazarus und der Reiche. Im Jenseits nun erscheint deren Schicksal spiegelverkehrt: Lazarus kommt in den Himmel. Dort fehlt es ihm an nichts. Er liegt in Abrahams Schoß, der sprichwörtlich geworden ist. Abraham vertritt im Gleichnis die himmlische Welt Gottes. Der Reiche jedoch schmort in der Hölle. Brüllend heiß ist es dort. Ewige Pein. Wer einmal im Inferno sitzt, kommt nicht mehr raus. Das Einzige, was dem Reichen bleibt, ist ein Blick in die Ferne, hin zu Abraham und Lazarus. Jetzt ist er der Bittsteller: Wenigsten ein paar Tropfen Wasser soll Lazarus ihm geben von der Spitze seines Fingers. Doch Abraham kennt kein Erbarmen: "Du hast deinen Anteil am Guten schon im Leben bekommen, genauso wie Lazarus seinen Anteil an Schlimmen". 

Die Geschichte erzählt von einer ausgleichenden Gerechtigkeit: Der Reiche hat seinen Anteil an Gutem zu Lebzeiten verbraucht. Im Jenseits erlebt er die Kehrseite: Du hattest eine schöne Zeit! Jetzt in der Ewigkeit ist die grausame dein Los. Lazarus wiederum profitiert von dieser Form der ausgleichenden Gerechtigkeit. Das bedeutet auch: Gott hilft denen, die in den Augen der Welt arm und schwach sind. Ausgleichende Gerechtigkeit freut jedenfalls im Krimi am Sonntagabend: Wenn den Bösewicht am Ende seine verdiente Strafe trifft. 

An diesem Punkt richtet Jesu Erzählung wieder den Blick ins Diesseits. Der Reiche sitzt fest. Er denkt an seine Familie und bittet Abraham: "Ich habe fünf Brüder, Lazarus soll sie warnen." Erneut nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung: Fast könnte man meinen, der Reiche wird mitfühlend. Aber sein Herz gilt nur seiner Familie. Außerdem: Wie arrogant, ausgerechnet Lazarus als Boten schicken zu wollen, für den er zu Lebzeiten kein Ohr und kein Auge hatte! 

Doch es gibt keine Ausnahmen. Abraham bleibt seiner Linie treu: "Wenn sie (deine Brüder) auf Mose und die Propheten nicht hören, dann wird es sie auch nicht überzeugen, wenn jemand von den Toten aufersteht." Denn die Geschwister des Reichen sind keineswegs ahnungslos. Sie haben die Gebote aus den Heiligen Schriften, allem voran das Gebot der Nächstenliebe: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Sie haben das Wort des Propheten Micha: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist." Nämlich sich an Gottes Worte halten und liebevoll mit Menschen umgehen. Es soll niemand sagen, man habe das nicht wissen können.

"Brich mit den Hungrigen dein Brot!"

(EG 420, 1-3)

1. Brich mit den Hungrigen dein Brot,
Sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
Sing mit den Traurigen ein Lied,
Teil mit den Einsamen dein Haus.

2. Such mit den Fertigen ein Ziel, 
Brich mit den Hungrigen dein Brot,
Sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
Sing mit den Traurigen ein Lied.

3. Teil mit den Einsamen dein Haus,
Such mit den Fertigen ein Ziel,
Brich mit den Hungrigen dein Brot,
Sprich mit den Sprachlosen ein Wort. 

III
Das Lied fordert uns auf, miteinander zu teilen, was wir haben: Unser Essen, unsere Zeit, Freud und Leid. Die Geschichte, die Jesus erzählt, zeichnet die Figur eines unbarmherzigen Reichen. Damit fordert er von den Hörerinnen und Hörern ein, den Umgang mit wirtschaftlichem Wohlstand zu bedenken: Achte auf den Menschen, der bedürftig vor deiner Tür liegt! Ich frage mich allerdings, ob in der Erzählung nicht mehr steckt. Mir scheinen die Charaktere wie eine Karikatur. Der achtlose Reiche, der alles verprasst, wirkt überzeichnet: Wie kann es sein, dass er den armen Lazarus vor seiner Tür gänzlich ignoriert? Kein Funken Mitleid brennt in seiner Seele. Lazarus hingegen erhält in der Geschichte kein wirkliches Gesicht. Seine Haltung ist gänzlich passiv.

Wir erfahren von ihm kaum mehr als seinen Namen. Unbeteiligt und widerstandslos wartet er nur darauf, ob etwas für ihn vom Tisch des Reichen abfällt. Die Figur wirkt blass. Doch wer arm ist, wartet nicht tatenlos. An einer anderen Stelle im Evangelium lobt Jesus eine Witwe, die arm ist und gleichwohl spendet. Heute bieten diakonische und caritative Projekte wie das Straßenmagazin "Hinz&Kunzt" in Hamburg Menschen am Rand eine Chance: Ein wenig Geld verdienen, indem sie das Straßenmagazin verkaufen, und vor allem teilhaben am gesellschaftlichen Leben. Denn Menschen, wie arm oder reich sie auch sind, haben die Fähigkeit, einander zu begegnen. Der Kontakt und der Austausch sind wichtig, um einander wahrzunehmen. Das Gebot der Nächstenliebe legt uns nahe, das auch zu tun: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."

Auch Jesu Erzählung sensibilisiert uns dafür. Es geht um die Verantwortung, die der Reichtum mit sich bringt. Aber nicht allein. Jesus erzählt davon, dass sich der Reiche und Lazarus nie wirklich begegnen. Das entscheidende Thema der Erzählung ist die Kluft, mit anderen Worten: der Mangel an Aufmerksamkeit. Skandalös ist die Gleichgültigkeit, mit der ein Mensch den anderen übersieht. Viele umgeben sich mit den Menschen, die ähnlich ticken wie sie. Die sozialen Medien verstärken diesen Effekt. Wer in sozialen Netzwerken unterwegs ist, hat oft das Gefühl, nur zu sehen, was ohnehin schon gefällt. Wie in einer mentalen Echokammer sagen die Stimmen: Das ist dein Kreis, deine Gruppe, dein Vorteil. Mit der Figur des armen Lazarus verbindet sich das Gefühl von Einsamkeit, auch der Ohnmacht. Stimmen, die sagen: Du bist unbedeutend und klein. Wie willst du die Welt verändern? Oder gar Stimmen der Angst, die sagen: Besser, du bleibst auf der sicheren, auf der gewohnten Seite. Darum: Auch wenn die Kluft in Jesu Gleichnis auf den ersten Blick unüberwindlich zu sein scheint, zwischen Arm und Reich, Himmel und Hölle – sie sensibilisiert uns für die Kluft zwischen Menschen. 

Denn: Die Kluft muss nicht so bleiben! Vermutlich schaffen wir es nicht, sie komplett zu schließen. Aber wir können Brücken bauen. Darum sind die Figuren des armen Lazarus und des reichen Mannes so überzeichnet. Jesu Erzählung beschreibt kein realistisches Bild. Sie will uns vielmehr aufrütteln und ermutigen. Denn eigentlich stehen wir weder auf der Seite des armen Lazarus noch auf der Seite des reichen Mannes, der in der Hölle schmort. Wir sind wie die Geschwister des reichen Mannes. Wir haben hier und jetzt die Möglichkeiten unseres Lebens in der Hand. Die Geschichte, die Jesus erzählt, sagt: Schaut, ihr habt die Gebote Gottes! Insbesondere das Gebot: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Gebt dem Raum! Begegnet einander respektvoll. Habt Augen und Ohren füreinander, ins besonders für diejenigen, die euch brauchen! Wir können achtsam leben. 

Amen.
 

Es gilt das gesprochene Wort.
 

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Kontakt zur Sendung

Ann-Kathrin Brenke  
Hörfunkreferentin und Radiopastorin
Mobil: 0176 61874441
E-Mail: brenke@err.de