Evangelischer Radiogottesdienst am 5. Sonntag nach Trinitatis aus der Evangelischen Stiftskirche St. Marien in Herdecke.
Eine zweite Ausbildung beginnen, den Schulabschluss schaffen, wirklich mal etwas wagen und ein inneres "Ich-schaffe-das-nicht" überwinden – das sind große Herausforderungen!
Mit einem Menschen, der sagt: "Ich glaub an dich!", werden all diese Dinge viel leichter. Und mit einem Gott, der Menschen etwas zutraut und sie bewegt, geht es fast wie von selbst.
Im Gottesdienst kommen Lebensgeschichten zur Sprache, die genau davon erzählen: In der Predigt von Pfarrerin Leska Randisi, durch die Stimmen zweier Frauen und ihrer Lebenserfahrungen, durch Lesungen von Presbytern und Presbyterinnen.
Da wird der Fischer zum Jünger, da wird die Büroangestellte zur Familienpflegerin und die Sportlerin zur Köchin.
Der Posaunenchor Herdecke-Ende und der Gospelchor "SingHalleluja!" unter der Leitung von Kirchenmusikerin Antje Drechsler, die auch Orgel spielt, gestalten den Gottesdienst musikalisch.
Hinweis: Das Audio können Sie frühestens ab Donnerstag 9. Juli nachhören oder herunterladen.
Predigt:
I
"Ich will nicht mehr in die Schule!", höre ich mich immer wieder sagen. Ich bin 15 Jahre alt und sitze mit meinen Eltern im Wohnzimmer. Man könnte sagen, wir führen eine Art Perspektivgespräch. Meine Noten auf dem Gymnasium sind nicht besonders gut. Ich bin froh, wenn ich mal keine vier oder fünf nach Hause bringe. Egal wie viel Mühe ich mir gebe, wie viel ich lerne oder wie oft ich mich melde, die Lehrer bewerten mich irgendwie immer gleich. Sie haben mich abgestempelt, in eine Schublade gesteckt, aus der ich nicht mehr herauskomme. Der Mathelehrer hält mich für eine Totalversagerin. Alle anderen wahrscheinlich auch. Dabei mag ich Deutsch und Geschichte eigentlich gern. Vielleicht könnte ich sogar gut sein. Aber ich kriege trotzdem immer die gleiche Note.
Mit meinen Mitschülern ist es auch nicht so leicht. Ich quäle mich jeden Tag aufs Neue in diesen hässlichen Betonkasten, den man Schule nennt und in dem mir jeder vermittelt: Du kannst es nicht.
"Was willst du denn gerne machen?", fragt mein Vater.
"Was würde dir Spaß machen?", ergänzt meine Mutter.
Wir sprechen über eine mögliche Ausbildung nach Abschluss der 10. Klasse. Etwas Kreatives finde ich gut. Fotografin oder Floristin werden – das könnte ich mir vorstellen.
Meine Eltern überlegen gemeinsam mit mir, wie das gehen könnte. Wo könnte ich eine Ausbildung machen? Wie sehen meine Möglichkeiten dann später aus?
Wir sprechen an diesem Abend sehr lange. Sie nehmen mich ernst und glauben daran, dass ich trotzdem meinen Weg gehen werde. Auch ohne Abitur.
Am Ende kommt dann alles ganz anders. Ein Jahr später entdecke ich die Bibel und den Glauben für mich und will dann sogar Theologie studieren. Dafür brauche ich das Abitur. Mein neues Ziel motiviert mich, mein Wille ist stark und das Abi am Ende gar nicht so schlecht. Trotzdem ist dieser Augenblick mit meinen Eltern im Wohnzimmer für mich wichtig. Ich kann damals spüren: Sie glauben an mich! Und das macht für meinen weiteren Lebensweg viel aus.
Stephanie Stahl ist Psychologin, Podcasterin und Autorin, bekannt durch Social Media, ihre Bücher und Talkshows. Sie thematisiert immer wieder das "innere Kind". Sie macht sich in ihrem Podcast "Stahl aber herzlich" auf die Suche nach Glaubenssätzen, die Menschen seit ihrer Kindheit in sich tragen. Keine Lebensphase prägt einen Menschen so sehr wie die, in der er am meisten Abhängigkeiten erfährt: Von den Eltern und den Lehrern und der ganzen Familie.
Wer als Kind schon vermittelt bekommt: "Du kannst das nicht!", wird es voraussichtlich auch als Erwachsener schwer haben, die eigenen Wünsche und Träume umzusetzen.
Ich weiß nicht, wie Simon Petrus damals aufwächst.
Wahrscheinlich ist sein Vater auch schon Fischer.
Eine richtige Berufsauswahl gibt es für ihn wohl eher nicht.
Auf die eigenen Träume kommt es nicht an.
Es geht eher ums Überleben.
Bestimmt fährt er schon als Kind mit hinaus aufs Wasser, schaut dem Vater beim Fischen zu, lernt von ihm und staunt über sein Handwerk. Vielleicht hegt er auch den stillen Gedanken, dass er es niemals so gut machen wird wie er.
Ob sein Vater ihm diese steile Karriere als Nachfolger Jesu zutraut? Ob er ahnt, dass man auch noch 2000 Jahre später von seinem Sohn erzählen wird?
Vermutlich hält er ihn für einen Spinner. Der einen soliden Job aufgibt, um einer Träumerei nachzujagen.
Einer Träumerei, die ihm ein Fremder in den Kopf gesetzt hat.
"Komm mit! Du wirst einer sein, der Menschen fängt!", sagt Jesus zu ihm. Der Mann, der so einfach auftaucht und das Leben ganz leicht macht. Die Netze sind voll. Auf einmal. Weil Jesus da ist. Plötzlich hat Petrus keine Angst mehr. Er spürt eine besondere Kraft. Er verliert seine Zweifel und wirft all die schlechten Glaubenssätze über Board.
Petrus verlässt von jetzt auf gleich die Sicherheit und das Vertraute. Er ist mutig. Weil Jesus da ist und an ihn glaubt.
II
Ich sehe ihn noch vor mir. Er erinnert mich ein bisschen an meinen kleinen Bruder. Und vielleicht auch ein bisschen an mich selbst. Alex hat russische Wurzeln. Er ist 13 Jahre alt und Konfirmand. Ich mache ein Gemeindepraktikum und darf mit dem Pfarrer zusammen eine kleine Gruppe unterrichten.
Alex sitzt mit acht Mitstreitern vor seinem Arbeitsbuch. Die Jugendlichen kommen aus ganz unterschiedlichen Familien. Sie gehen in verschiedene Schulen. Von Hauptschule bis Gymnasium ist alles dabei.
In Einzelarbeit sollen sie jetzt einen Bibeltext erst suchen und dann lesen.
Alex ist dabei laut und unruhig. Wie immer. Er macht lieber ganz andere Dinge. Er wirft seinen Stift durch die Gegend und schiebt dem Mädchen, das ihm gegenübersitzt, kleine Zettel zu. "Alex, lass das bitte. Mach lieber die Aufgabe." Der Pfarrer ist sehr freundlich und sanft. Wahrscheinlich etwas zu sanft für diese Gruppe. Alex wirft seine Bibel auf den Tisch. "Ich versteh sowieso nix. Fragen Sie meine Lehrer. Ich bin Hauptschule. Ich kann das nicht!" Demonstrativ verschränkt er die Arme vor seiner Brust.
"Das glaube ich dir nicht!", mische ich mich ein und schaue ihn eindringlich an. Alex dreht sich zu mir um. Er ist erstaunt. Mit mir hat er nicht gerechnet. "Doch, ich bin blöd. Frag meinen Deutschlehrer!"
"Dein Deutschlehrer ist ja nicht hier! Und Dummstellen kann sich jeder. Leg erstmal los und versuch es! Und wenn du nicht weiterkommst, dann helf ich dir!"
Alex murrt kurz, nimmt dann aber doch seine Bibel in die Hand und blättert. Es dauert gar nicht so lange, bis er die richtige Stelle findet. Und dann liest er. Langsam. Manche Sätze muss er sich zweimal anschauen. Aber er liest.
Und am Ende ist er der Einzige, der den Bibeltext wirklich verstanden hat. Er kann sich in die Situation von Petrus, dem Fischer, hineinfühlen. "Ich sitze oft auch nur so da und hab nichts gefangen. Ich kann eigentlich nichts. Petrus hat Glück, dass Jesus kommt. Der ist ein bisschen so wie mein Fußballcoach. Das ist der Einzige, der an mich glaubt! Durch ihn bin sogar einer der Besten im Team geworden!"
"Siehst du", sage ich. "Du kannst ja doch etwas!"
Ich fühle mich Alex vielleicht so nah, weil ich es selbst nicht immer leicht hatte.
Mit 15 überlege ich ernsthaft, die Schule abzubrechen und eine Ausbildung zu machen. Dann kommt alles anders. Ich wechsle die Schule, finde Lehrer, die mich ernst nehmen und eben nicht abstempeln. Und am Ende mache ich ein ganz gutes Abitur. Und: Ich finde meinen Glauben. Durch meine alte Konfirmationsbibel, die mir in die Hände fällt, als ich nicht mehr weiter weiß. Und durch ein bewegendes Buch über Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, das mich tief beeindruckt. Ja, nachdem ich seine Biographie gelesen habe, will ich auch Pastorin werden. Auch dabei unterstützen meine Eltern mich und glauben daran, dass ich es schaffen kann.
Kinder, an die keiner glaubt, haben wenig Chancen. Menschen, die scheitern und niemanden haben, der sie aufrichtet, haben oft keine Hoffnung mehr.
Jesus geht genau zu denen. Zu denen, die das Glauben lernen müssen. An Gott und an sich selbst.
Petrus ist auch so jemand. Er hat versagt. Er hat nichts gefangen. Seine Existenz steht auf dem Spiel. Dann kommt Jesus in sein Leben und verändert alles. Und auf einmal tut Petrus Dinge, die er nie für möglich gehalten hätte. Er wird Menschenfischer. Er hilft anderen dabei, den Glauben und damit auch ein gutes Leben zu finden. Petrus gibt das weiter, was er von Jesus, seinem Mentor, gelernt hat.
Das finde ich beeindruckend. Petrus ist mein Vorbild. Ich möchte es ihm gerne nachmachen. Zum Beispiel wenn ich Konfis wie Alex begegne. Ich möchte, dass sie einen guten Glaubenssatz verinnerlichen. Einen wie: "Ich bin gut, so wie ich bin!" oder "Wenn ich etwas wirklich will, dann kann ich es auch schaffen!".
III
Petrus wagt einen Neuanfang.
Weil Jesus ihn überzeugt. Das Unmögliche wird möglich. Die Netze sind auf einmal voll.
Vielleicht ist es auch diese göttliche Schöpferkraft, die das Gesagte sofort Wirklichkeit werden lässt. Nicht nur auf dem See. "Komm mit mir", sagt Jesus und schon geht Petrus los.
Ein "Ich glaub an dich!" von Gott enthält bei Petrus und vielen anderen immer schon die nötige Dynamik.
Es setzt Menschen direkt in Bewegung.
Und es ist so stark, dass Petrus später sogar die Kraft hat, um ohne Jesus weiterzugehen.
Er übernimmt Verantwortung für die erste christliche Gemeinde.
Und er hat Glück: Er ist nicht allein.
Jesus hat nicht nur ihn gerufen und ermutigt, sondern viele. Mindestens zwölf, die Apostel, die füreinander da sind und sich stützen. Dazu auch Frauen, die ihm nachfolgen. Einige sind im Lukasevangelium namentlich genannt. Alle zusammen sind sein engster Kreis. Manchmal streiten sie miteinander, und doch gehören sie zueinander. Sie geben sich gegenseitig den nötigen Support und bekommen Kraft durch ihre besondere Gemeinschaft. Und das ist auch heute noch überall dort so unglaublich wichtig, wo Menschen zusammenleben und etwas zusammen bewirken wollen: in Kirchengemeinden, in Vereinen, in Nachbarschaften.
Ich habe Menschen gefragt, was ihnen der Satz "Ich glaub an dich" bedeutet.
Bianca schreibt mir: "Eine meiner besten Freundinnen hat mir das in meiner Ausbildung immer wieder gesagt. Über 30 mit zwei Kindern und frisch getrennt vom Vater der Kinder, tat das gut zu hören. Ich zweifele oft an mir, und das baut mich auf und hilft mir, schwierige Momente durchzuhalten."
Svenja erlebt in Freundschaften Ähnliches: "Vor allem habe ich dieses Gefühl, wenn Freunde mir sehr Persönliches anvertrauen, manchmal dabei betonen, dass sie es sonst niemandem erzählen. Das ist ein so starkes Vertrauen, das ich in diesen Momenten spüre, wie sehr diese Freunde an meine Person glauben. Es rührt und bestärkt mich und macht mich sehr dankbar."
Paul Simon schrieb einmal in einem seiner Songs "I’m a rock, I am an island". Ich bin ein Fels, ich bin eine Insel. Und ich höre mit: Ich bin ein einsamer Fels, eine einsame Insel.
Da ist jemand von anderen ziemlich enttäuscht worden. Da sind Freundschaften zerbrochen.
Also ist er überzeugt, dass er nur allein gut leben kann – wie ein Fels, der für sich steht, oder eine einsame Insel.
Wahrscheinlich spiegelt der Song nur einen Moment, eine Gefühlsaufnahme, die auch zum Leben dazugehört.
Die Bibel weiß von Anfang an, dass es für den Menschen nicht gut ist, allein zu sein.
Darum schafft Gott dem ersten Menschen ein Gegenüber.
Meine Erfahrung bestätigt es mir. Alleine komme ich nicht gut durchs Leben.
Schon gar nicht, wenn ich etwas schaffen will und meine Netze dann leer sind.
Ich brauche Menschen, die sich mit mir auf neue Wege begeben, die an mich glauben, die mich stärken.
Petrus braucht Jesus. Und Jesus braucht ihn. Die Jünger brauchen sich gegenseitig und natürlich brauchen sie Gott. Und Gott braucht sie alle. Gott braucht auch mich. Denn Glaube ist Beziehung. Ein Wechselspiel. Ich glaube an Gott und Gott glaubt an mich und daraus entsteht eine Dynamik, die die Welt zu einem besseren Ort machen kann.
Vielleicht ein bisschen so wie bei Alex oder bei Bianca oder Svenja.
Wie Irmhild, die mit der richtigen Unterstützung die Ausbildung zur Familienpflegerin wagt.
Oder wie Juliane, die ihren Schülerinnen und Schülern immer wieder Mut macht.
Meine Beziehung zu Gott kann sich in einem Gegenüber spiegeln. In einer Freundin, in einem guten Lehrer, in den eigenen Eltern, die an ihr Kind glauben. Sie kann sogar für einen Moment in einer Kochshow aufleuchten, wenn Menschen sich miteinander auf den Weg machen und neue Möglichkeiten entdecken. Da wird die Fußballtrainerin zur Meisterköchin, weil ihr Coach an sie glaubt.
Das Leben hält so einiges bereit. Also hinein ins Abenteuer!
Raus auf den See! Auf dass die Netze voll werden!
Es gilt das gesprochene Wort.
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