Evangelischer Radiogottesdienst am Sonntag, 19. Juli 2026, aus der Stadtkirche in Bad Säckingen - live übertragen im Deutschlandfunk von 10.05 bis 11.00 Uhr
Die Predigt hält Pfarrer Hans-Georg Ulrichs. Der Posaunenchor Hochrhein musiziert unter der Leitung von Jürgen Thun. Horst Teichmanis spielt die Orgel.
Warum küssen sich die Menschen? Um diese Frage kreist dieser Literaturgottesdienst. Kaum etwas bewegt mehr als die Liebe. Eine bekannte und beliebte Liebesgeschichte war seinerzeit "Der Trompeter von Säckingen". Joseph Victor von Scheffel hat sie geschrieben, der vor 200 Jahren geboren wurde. Ein Bürgerlicher verliebt sich in eine Adelige. Aufgrund der Standesgrenzen darf diese Liebe nicht sein. Aber ein unglaubliches Geschick wendet mit kirchlichem Segen das Blatt. Mit subtilem Humor wird hier die Liebe gefeiert. Der Gottesdienst verbindet diese Geschichte mit dem Hohenlied der Liebe aus der Bibel.
Predigt:
Die Liebe und der Tod seien die beiden eigentlichen Themen der Literatur – und auch des Lebens. Das hat der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in seiner legendären Sendung "Das literarische Quartett" immer wieder behauptet. "Liebe ist stark wie der Tod" heißt es in der Bibel (Hoheslied 8,6). Da sind also zwei Urgewalten des Lebens, mit denen man irgendwie klar kommen muss auf dem Lebensweg. Ich finde es stark, dass die Bibel dieses Phänomen der Liebe auch ohne Gott besingen kann – sozusagen als Höhepunkt menschlichen Lebens. Natürlich gibt es Geschichten der Liebe in der Bibel, hinter denen Gott als Anstifter geglaubt wird – wie hinter anderen menschlichen Erfahrungen auch. Aber der Glaube kann dennoch ohne den Zwang, alles göttlich erklären zu müssen, die menschliche Liebe feiern. Da muss kein Dritter, also Gott, auch noch im (!) Bunde sein.
Auch Joseph Victor von Scheffels großes Versepos der "Trompeter von Säkkingen" ist eine weltliche Liebesgeschichte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es zu einem grundlegenden Wechsel in Sachen der Liebe gekommen: Nicht mehr Traditionen und Zweckmäßigkeiten begründeten eine lebenslange Verbindung von Mann und Frau, sondern die Liebe – ein individuelles Gefühl mit persönlichen Konsequenzen und Verantwortlichkeiten. Zu Scheffels Zeiten war eine Ehe ohne Liebe ein absolutes No-Go – jedenfalls in der Kunst.
Was wusste Scheffel selbst von der Liebe? Er sehnte sie für sich selbst herbei, er fieberte mit seiner Schwester mit, was sich wohl aus einem Anflug von Verliebtheit entwickeln würde. Als junger Rechtspraktikant in Säckingen zeigte er viel Verständnis für Liebende: Humorvoll beschreibt er in einem Brief, wie ein zurückgewiesener Freier sämtliche Fensterscheiben im Haus der Familie seiner Angebeteten einwarf. Scheffel ließ Milde im Urteil walten (Scheffel in Säckingen, hg. von Wilhelm Zentner, Konstanz 1967, s. 67f.). Seine eigene Ehe mit Caroline, die er erst im Alter von 40 Jahren einging, scheiterte dagegen bald – eher ungewöhnlich für damalige Zeiten und Verhältnisse blieb Scheffel ein alleinerziehender Vater.
Gönnt sich die Bibel ein ganzes Liebesbuch, ohne dass Gott genannt wird, dann müssen auch wir Scheffels Trompeter-Liebe nicht im Nachhinein christianisieren. Was Scheffel selbst geglaubt hat? Er wird zwar konventionell christlich gewesen sein, aber in Briefen an seine Familie bekennt er, "in etwas anderer Weise fromm" zu sein (s. 78). Und während einer Krise zu seinem 25. Geburtstag bedauert er, "[s]einen Gott selber vergessen" zu haben (S. 97).
Und doch denkt sich Scheffel seine Liebenden nicht ohne göttliches Geleit. Als Pfarrer höre ich Liebesgeschichten von Alt und Jung: Wie die Witwe ihren gerade verstorbenen Ehemann beim Schützenfest getroffen hat – ach, vor 67 Jahren war das! Wie bei Konfirmationsjubiläen Geschichten von der Dorfdisco und aus der Friedensbewegung erzählt werden. Wie junge Paare, die ihr Kind taufen lassen möchten, sich auf Social Media-Plattformen gefunden haben. Oft 1000 Zufälle und doch die eine Liebesgeschichte. Und dann gab es Aufs und Abs und lange Wegstrecken in der Liebe. Hat da jemand diese Wege begleitet, stand das gemeinsame Leben unter Gottes Segen? Manchmal ist das Gewissheit, manchmal Hoffnung, manchmal Frage.
Anders als die alten Schriftsteller sich dachten, kennen wir heute vielfältige Formen menschlicher Liebe, die nicht nur exklusiv eine männlich-weibliche Beziehung grundieren muss.
Religiös berührend empfinde ich bei Scheffel das bekannte Trompeter-Lied:
"Behüet‘ dich Gott! Es wär‘ zu schön gewesen,
behüet‘ dich Gott!! Es hat nicht sollen sein!"
Da ist es dem Trompeter nicht eben gut ergangen. Er kann nichts mehr für die Geliebte tun, und da bleibt doch, sich einander Gott zu gönnen - einander Gott anzubefehlen, wie man früher sagte: Behüt dich Gott. Jedes Jahr feiern wir einen ökumenischen Gottesdienst für Liebende. Am Ende steht immer ein Segen, den sich die jungen und alten Verliebten gegenseitig zusprechen. Die Liebe kann viel, so hoffen wir, aber es ist gut, wenn wir Sorgen umeinander auch abgeben können.
"Es hat nicht sollen sein!", lässt Scheffel singen. Das erweist sich erfreulicherweise als falsch. Doch, offenbar hat es sollen sein, so legt es der glückliche Schluss der Lovestory in den vatikanischen Gärten nahe.
Scheffel war mit der legitimierten Liebe und dem kirchlichen Segen der beiden Verliebten ans Ende gekommen – besser: Seine literarischen Gestalten waren ans Ziel gekommen. Manchmal habe ich mich schon gefragt: Wie sie ihr Leben wohl weitergeführt, ihre Liebe gestaltet haben mögen. Trotz des etwas verzögert einsetzenden Mega-Erfolges hat der Verfasser darauf verzichtet, noch einen zweiten, dritten und vierten Band hinterherzuschicken. Wir wissen es also nicht.
Von den historischen Gestalten wissen wir dagegen etwas mehr. Margareta und Werner waren im echten Leben die adelige Ursula von Schönau und der Bürger Werner Kirchhofer. Ursula und ihr Mann haben wohl ein allgemein geachtetes bürgerliches Leben geführt. Auf dem Grabstein der beiden steht: Deo vivant, also: "Sie mögen (in) Gott leben." Ein schönes Bild oder eine schöne Formulierung für Liebende, sogar über den Tod hinaus. Die beiden, die hier in der Liebe vereint waren, werden dort in Gott leben. Ubi caritas et amor, deus ibi est. – Wo Barmherzigkeit und Liebe wohnen, da ist auch Gott. Und umgekehrt – wo Gott wirkt, da zeigt er sich als Liebe(nder).
Aber ich bleibe dabei: Menschliche Liebe ist menschliche Liebe, da muss kein transzendenter Dritter auch noch mit im Bunde sein. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Gibt es eine schönere Würdigung menschlicher Liebe, als dass sie als Bild für die Beziehung zwischen Gott und Mensch verstanden wird? Das geschieht in der Bibel nicht naiv und romantisch, sondern im Bewusstsein aller möglicher Ambivalenzen.
Als Mann und Frau beschreibt der Prophet Jesaja (54,5f.) den Bund zwischen Gott und seinem Volk. Gottes Liebe ist treu, und er kann alle treue Liebe seitens der Menschen auch wertschätzen. "So spricht der HERR: Ich gedenke der Treue deiner Jugend und der Liebe deiner Brautzeit" – so klingt das bei einem anderen Propheten, bei Jeremia (2,2). Andere wiederum wissen auch von der enttäuschten Liebe zwischen Gott und seinem Volk (Hosea u.a.)
Trotz dieser Mehrdeutigkeit hat auch das Neue Testament auf dieses Bild nicht verzichten wollen: Dass in der Liebe zwei Menschen sich so unendlich nahekommen, kann auch als Bild dafür verstanden werden, wie eng die christliche Gemeinde mit Christus verbunden ist (vgl. Epheser 5,31f.). Und ganz anders als in Scheffels "Trompeter von Säkkingen" gibt es keine nicht-standesgemäße Liaison zwischen Gott und Mensch: Bei Scheffel musste der eine Part erst in den Adelsstand erhöht werden, um ein Leben in Liebe zu ermöglichen. Nach christlichem Verständnis wurde Gott Mensch, damit beide sich unendlich eng verbinden können, Mensch und Gott.
Manchmal denke ich: Ja, davon braucht es mehr. Unsere Beziehung zu Gott braucht mehr von dem, was wir in der menschlichen Liebe erfahren – bis hin zu erotischen Komponenten. In früheren Jahrhunderten, jedenfalls in bestimmten Richtungen und Gruppen und deren Frömmigkeit, wurde das durchaus gepflegt, etwa in der Mystik. So meint Mechthild von Magdeburg im 13. Jahrhundert, die Seele solle nackt sein, um sich mit Jesus innigst zu vereinen. Auch bei Meister Eckhart im 14. Jahrhundert und Teresa von Avila finden sich durchaus sexuelle Bezüge. Im Protestantismus gibt es die Vertreter und Vertreterinnen des radikalen Pietismus im 18. Jahrhundert, die die ganze Hingabe an Gott und die innige Verbindung mit ihm mit erotisch gefärbten Begriffen und Formulierungen verbanden.
"Warum küssen sich die Menschen?", so fragt der skeptische Kater bei Scheffel, als er die Liebenden bei ihrem ersten Kuss beobachtet. Und er überlegt, ob vielleicht der eine der anderen das Reden verunmöglichen will. Kein schlechter Gedanke, denn irgendwann braucht die Liebe wohl mehr als Worte.
Und ich frage mich:
Kommen sich Mensch und Gott auch so nahe, wie wenn zwei Menschen sich küssen? Der Glaube hat es oft mit Bildern zu tun. Warum nicht auch mit diesem? Ein Kuss als Ausdruck größtmöglicher Nähe, tiefer Verbundenheit: Für mich ist das ein besonders schönes Bild.
Hören wir dies doch mit, wenn wir das nächste Mal angesprochen werden mit "Liebe Gemeinde" oder jemand schreibt "Liebe Ursula!" oder "Lieber Werner!". Von Gott geliebt und Gott liebend, einander ganz nahe.
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.
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Pfarrerin Martina Steinbrecher
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