Mira Körlin
Dass Gott Gefallen an Gnade hat
Radiogottesdienst aus der Kreuzkirche Störmthal in Leipzig
21.06.2026 10:05

Am Sonntag, 21. Juni 2026, übernimmt der Deutschlandfunk von MDR Kultur ab 10:05 Uhr bis 11.00 Uhr die Liveübertragung des evangelischen Gottesdienstes aus der Kreuzkirche Störmthal im Leipziger Land. Der Gottesdienst findet im Rahmen des Bachfests Leipzig statt. 

Die Predigt hält Pfarrerin Christiane Dohrn, stellvertretende Superintendentin in Leipzig. Sie predigt über den Bibelvers "Dass Gott Gefallen an Gnade hat" aus dem Prophetenbuch Micha. Die musikalische Leitung liegt bei Leipzigs Kirchenmusikdirektor Enrico Langer. Er spielt zugleich die historische Orgel. Jakob Wagler musiziert mit seiner Barocktrompete. Es singt die Sopranistin Julia Sophie Wagner.

Die Kreuzkirche Störmthal, deren heutige Gestalt auf einen Neubau von 1722 zurückgeht, hat eine reiche barocke Innenausstattung. Ihre Zacharias-Hildebrandt-Orgel von 1723 ist weitgehend im Originalzustand erhalten. Johann Sebastian Bach hat die Orgel seinerzeit selbst geprüft und sehr geschätzt.
 

Predigt:

I
Gnade sei mit uns und Friede, von dem der war und die ist und der kommt. Amen.

Liebe Gemeinde, liebe Hörer und Hörerinnen,
wie klingt Gnade? 
Oder – Gegenfrage: Kann Gnade klingen?
Für mich kann sie das! 

Und sie tut es in solchen Klängen, wie wir sie eben gehört haben.
Leuchtende Trompetenklänge, eine klare Sopranstimme, die mit der Trompete um die Wette strahlt, und dazu eine Orgel, die alles zusammenhält. 
Das Herz wird davon weit und weich.
Bei mir kommt da Freude auf, auch wenn gleichzeitig die Frage "Woher kommt mir Hilfe?" mitklingt. 
Die Klänge helfen, die Frage auszuhalten.
Hat Gnade für Sie auch einen Klang? 

Gnade. Dieses Wort klingt schön und groß. 
Aber es ist gar nicht so einfach mit der Gnade. 
Am besten lässt sich von Gnade wohl in Geschichten erzählen, wie in der von dem Vater, der seinen Sohn mit offenen Armen empfängt, obwohl der sein Erbe verprasst hatte. Im Evangelium haben wir davon gehört.
Schade nur, dass Geschichten von Gnade so selten sind.
Empörungsgeschichten sind leichter zu finden und verbreiten sich auch viel schneller. 
Aber Geschichten von Gnade?

Gnade scheint aus dem Alltagsleben verbannt zu sein,
erst recht aus dem öffentlichen Leben. 
Gnadenlos ist vielfach treffender als Beschreibung für unsere Gegenwart:
Menschen, besonders "öffentliche Personen" werden auf Fehler festgelegt und seien sie schon Jahre her. 
Die Möglichkeit, dass Menschen sich verändern können, wird ausgeblendet oder als unehrlich abgetan.
Leistung zählt und wer nicht mithalten kann, wird gnadenlos aussortiert. 
Und was ist mit mir? Wann war ich zuletzt gnädig mit anderen? Das ist gar nicht so leicht zu sagen. 

Es ist gar nicht so einfach mit der Gnade. 
Auch nicht für den Propheten Micha.
Gnade klingt zwar als Schlussakkord im Buch des Propheten Micha, 
doch den Weg zur Gnade musste er erst finden.
Vor meinem inneren Auge sehe ich Micha in seiner Schreibstube.
Er rauft sich die Haare. Schon wieder musste er mit ansehen, wie eine Familie auf der anderen Seite der Siedlung von ihrem Acker und aus ihrem Haus vertrieben wurde. Mit Gewalt wurden sie weggezerrt von ihrem Zuhause. Das Weinen der Kinder bleibt ihm im Ohr. 
Ihm graut, wenn er sich vorstellt, was sie erwartet: 
Ein Leben voller Erniedrigung und Hunger. Micha weiß, wie falsch das ist. 
Er glaubt ganz fest: Das entspricht nicht Gottes Willen. 
Er hat oft dagegen angeredet und angeschrien. Sie hassen das Gute und lieben das Böse. … Sie verabscheuen das Recht und was gerade ist, machen sie krumm. 
Vergessen die Geschichte, wie Gott sie rettete aus der Sklaverei. Vergessen der Bund, den sie mit Gott geschlossen hatten. Vergessen die Gebote, die zu halten sie versprochen hatten. 
Manchmal hört er sie nach Gott rufen, 
doch der bleibt stumm.

Micha greift sein Schreibzeug. 
Er beginnt alles aufzuschreiben, was er gesehen und gehört hat. 
Er schreibt vom Unrecht, das geschieht, 
vom Bösen, das sich ausbreitet. 
Denn was dem Leben und Gott zuwiderläuft, muss sichtbar werden, wenigstens als Worte und Sätze auf seiner Papyrusrolle. 
Micha schreibt und schreibt und gräbt sich schreibend durch all die Niedertracht und Machtgier, durch falsche Versprechen und Machtmissbrauch.
Micha macht vertriebene Familien sichtbar und lässt das Weinen der Kinder nicht ungehört.
Ein Chronist des Unrechts - so gräbt sich Micha schreibend und klagend hin zu seinem Gott.
Denn er hört nicht auf zu hoffen, dass bei Gott noch immer Gnade zu finden ist.
Und er schafft es. Er kommt an bei seinem Gott und findet Gottes Arme offen.
Nun kann er aufatmen und schreiben: 
Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld, denen, die geblieben sind; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

II
Gott hat Gefallen an Gnade! 
Aber die Gnade fällt nicht vom Himmel. 
Denn es ist gar nicht so einfach mit der Gnade. 
Auch für Gott nicht,
Der Gott, zu dem Micha sich hinarbeitet, 
hat selbst zu kämpfen – 
mit Enttäuschung über die Verdrehungen, die seine Menschen anrichten. 
Gott hat zu kämpfen mit seinem Zorn darüber, dass das Recht gebeugt wird, das Gute gehasst und das Böse geliebt. 
Gott ist eben keine gute Fee, die mit ihrem Feenstaub etwas Glitzer über all das Unrecht regnen lässt und schon ist es weg.
Gott ist auch kein hoch oben thronender Herrscher, der milde lächelnd über Bosheit und Missbrauch von Macht hinweggeht, als ginge es ihn nichts an. 

Nein, es geht Gott etwas an, denn es geht um seine Menschen, seine Geschöpfe, die er liebt wie eine Mutter. 
Gott ist mittendrin.
Mittendrin in all dem Mist, den seine Menschenkinder anstellen, aneinander und mit seiner Schöpfung.
Gott kann nicht wegsehen, wenn Menschen aus ihren Häusern vertrieben werden und nicht wissen, wohin sie noch fliehen sollen. 
Gott kann nicht wegsehen, wenn Leute verunglimpft werden, weil sie nicht in irgendein Schema passen. Und er sieht auch nicht weg, wenn erwachsene Männer sich wie Kleinkinder aufführen und mit Krieg und Frieden spielen, als wären sie im Sandkasten.
Gott ist mittendrin.  Es lässt ihn nicht kalt, sondern macht ihn zornig, denn Gott sieht, wieviel Leid dadurch entsteht. Er kennt die Last, die Menschen tragen müssen, denen Unrecht angetan wird und leidet mit. 
Und Gott trägt mit. 

Gott macht das Böse nicht ungeschehen, denn die Folgen hinterlassen tiefe Spuren, 
die sich nicht einfach wegwischen lassen.
Aber Gott will gnädig sein. 
Deshalb zerbricht Gott die Macht des Bösen. 
Er zertrümmert die Macht der Machtgier, 
die Macht all dessen, was seinen Menschenkindern schadet.
Mit seinen eigenen Füßen zertritt er das Unrecht. 
Er stampft nieder, wo Gerades krumm gemacht und Recht gebeugt wird. 
Und keine weltliche Macht ist so groß, dass sie nicht unter Gottes Füße passen würde. 
Gott macht Platz für seine Gnade.

Deshalb können die Leidenden aufatmen und die das Recht gebeugt haben, haben die Chance, auf die Seite Gottes zu wechseln. 
Denn Gott hat Gefallen an Gnade. Im Prophetenbuch Micha steht: 
19Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. 20Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Es ist nicht so einfach mit der Gnade, für Micha nicht, für Gott nicht und für mich auch nicht.
Aber ich bin angewiesen auf Gnade, auf Gnade bei Gott und auf die Nachsicht meiner Mitmenschen.
Ich bin angewiesen auf einen Gott, der seine Arme für mich offen hält.
Wie sonst sollte ich klar kommen mit all dem, was ich nicht so hinbekomme, wie ich es gerne hätte? Wie sonst ich damit klar kommen, dass ich den eigenen Ansprüchen oft nicht genüge. Wie sonst sollte ich klar kommen mit dem falschen Wort, das über meine Lippen gegangen ist?
Ich bin angewiesen auf Gottes Gnade. Ja, vielleicht ist Gottes Gnade mit mir die Voraussetzung dafür, dass ich mit mir und mit anderen gnädig – nachsichtig sein kann?

Ich glaube, wir alle sind angewiesen auf Gnade.
Wie sonst sollten wir gut und friedlich zusammenleben und die Chance haben, immer wieder auf Gottes Seite zu wechseln?
Deshalb lasst uns Geschichten von Gnade suchen und erzählen.
Gnade ist, wenn man einander festhält und wieder zueinander findet. 
Wie die beiden Freunden, die sich entsetzlich zerstritten hatten. Ein Wort hatte das andere ergeben. Am Ende wusste keiner mehr, worüber sie eigentlich gestritten hatten. Aber sie sprachen wochenlang kein Wort mehr miteinander. Bis eines Abends einer von beiden sein Handy zur Hand nahm. Er suchte den Kontakt seines Freundes und tippte einen Satz: ‚Unsere Freundschaft ist mir wichtiger als der Streit.‘ Kurz darauf piepte sein Handy. Sein Freund fragte zurück: ‚Machen wir am Samstag eine Paddeltour?‘

Lasst uns Geschichten von Gnade suchen und weitererzählen. 
Und vor allem: Lasst uns Geschichten von Gnade leben. Dann kann Gnade zwischen uns klingen und ihr Klang wird sich ausbreiten. 
Denn Gott hat Gefallen an Gnade.

Amen.


Es gilt das gesprochene Wort.

 

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Kontakt zur Sendung

Mira Körlin
Rundfunkarbeit der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
Tel.: 0351 – 8108926
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