Fabian Wolfrum / St. Ansgarii Kirchengemeinde
Gesehen werden
aus der St. Ansgarii-Kirche in Bremen
12.04.2026 10:05

Am ersten Sonntag nach Ostern, 12. April 2026, von 10.05 bis 11.00 Uhr überträgt der Deutschlandfunk live einen evangelischen Gottesdienst aus der St. Ansgarii-Kirche in Bremen. Die Predigt hält Pastor Benedikt Rogge. Kantor Kai Niko Henke gestaltet die Musik und leitet das Vokalensemble "cappella ansgarii".

Bilder beherrschen die Welt. Jede und jeder wird ständig gesehen und aufgezeichnet - auf Selfies, in Videokonferenzen, durch Überwachungskameras und KI. Aber richtig gesehen werden ist noch einmal etwas anderes. "Gott sieht mich" ist ein Grundgedanke der Bibel. Wie sehe ich andere wirklich und wie bin ich angesehen? Darum geht es in dem DLF-Gottesdienst aus der Hansestadt auch am Beispiel der berühmtesten Bremerin, Paula Modersohn-Becker. Die Malerin wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden.
 

Predigt:

 

I
Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer, 
da steht sie in der Wüste: Hagar, die Sklavin Sarais. Ich sehe sie vor mir: Schwanger. Geflohen. Erschöpft. Von allen guten Geistern verlassen; einsam und allein. Da steht sie – mitten in ihrer Trostlosigkeit, mitten in ihrer Not. "Die im Dunkeln sieht man nicht". 

Aber: Hagar macht eine unerwartete Erfahrung. "Du bist ein Gott, der mich sieht." In dem Augenblick ihrer größten Bedrängnis spürt sie: Sie wird gesehen. Und "gesehen zu werden" ist ein Bedürfnis, das wir alle haben. Unser Leben lang.

"Guck mal, Mama", ruft schon das eineinhalbjährige Kind, wenn es dabei ist, das Gerüst auf dem Spielplatz zu erklettern. Und die Mutter ruft zurück: "Ich sehe dich." – Als Jugendliche tun wir oft cool, so, als würden wir die Blicke der anderen nicht wahrnehmen; und doch ist meist wenig wichtiger als die Frage, ob und wie und wann und von wem wir gesehen werden. – Wenn Paare sich nach vielen Jahren der Beziehung auseinanderleben, dann berichten sie häufig als erstes: "Wir sehen uns nicht mehr in die Augen." "Tu doch mal das Handy weg", ist dann keine Banalität, sondern der Wunsch, sich endlich wieder von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. 

Und auch unsere Gesellschaft besteht aus Zonen der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Da sind die wenigen, die im Rampenlicht stehen; und die vielen, die "keines Blickes gewürdigt" werden. Manche tauchen leider Gottes gar nicht mehr in unseren Stadtbildern auf. Weil sie sich hinter verschlossenen Türen befinden und nicht herauskommen, aufgrund von Alter, Armut, Krankheit, Behinderung oder anderem, und ganz oft: aus Scham. Wir sehen sie nicht.
"Gesehen werden". Bestimmte politische Gruppierungen haben zurzeit auf der ganzen Welt wohl genau deshalb so großen Erfolg: Weil Menschen das Gefühl haben, über-sehen und über-hört zu werden. Die autokratischen Bewegungen versprechen: "Wir sehen dich. Wir kümmern uns um dich. Du erhältst einen fest definierten Platz in der Masse unserer Gruppe." Doch selbst wenn das tatsächlich eingelöst würde, so geschähe es immer zum Preis von Freiheit und individueller Selbstbestimmung und in oft furchtbarer Weise auf Kosten von Minderheiten. 

Warum ist es so wichtig, dass andere uns sehen? Weil alles, was ich selbst denke, tue und fühle, fundamental damit zusammenhängt, wie andere auf mich reagiert haben und reagieren. Von Kindesbeinen an. Kleinstkinder entwickeln sich nur, indem sie sich an dem Handeln ihrer Bezugspersonen orientieren. Und in uns, in unseren Seelen, findet sich ein Konzert verschiedener Stimmen, die uns unser Leben lang begleiten. Manche ändern sich. Manche werden leiser. Manche kommen neu hinzu. Aber es ist ein Konzert der Stimmen anderer. Mein "Ich" braucht "Dich". Ich erkenne mich, weil du mich an-erkennst. Leben ist Leben mit anderen, innerlich oder äußerlich – und egal, ob ich die anderen als Hölle wahrnehme oder als Segen. 

Der biblische Glaube weiß das sehr genau. Mit Hagar zusammen stehen wir da, mitten in der Wüste, in einer Zone der Unsichtbarkeit. Hier, vielleicht sogar gerade hier, ist jedoch die Erfahrung möglich: "Du bist ein Gott, der mich sieht." 

 

II
Wie fühlt es sich an – "gesehen zu werden"? Ein Beispiel aus dem Leben der Künstlerin Paula Modersohn-Becker. 150 Jahre alt wäre sie am 8. Februar dieses Jahres geworden. Viele halten sie für die bedeutendste deutsche Malerin; ihre Werke zählen zu den wichtigsten Arbeiten des frühen Expressionismus. 
Nur 17 Hausnummern oder 350 Meter von unserer Gemeinde entfernt lebte sie als Jugendliche und junge Frau im heutigen "Haus Paula Becker". Dort richtete sie ihr erstes Atelier ein. Anerkennung fand sie zu Lebzeiten allerdings nicht. Im Gegenteil. Die Frau, der in unserer Stadt Bremen später das weltweit erste Museum für eine Malerin gewidmet wurde, erlebte schmerzlichen Misserfolg. Als 1899 einige wenige Werke von ihr in der Bremer Kunsthallte ausgestellt wurden, schrieb ein Kritiker, für die Arbeiten von Paula Becker reiche "der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus" und fuhr fort: "Hätte eine solche Leistungsfähigkeit auf musikalischem oder mimischem Gebiet die Frechheit gehabt, sich in den Konzertsaal oder auf die Bühne zu wagen, es würde alsbald ein Sturm von Zischen und Pfeifen dem groben Unfug ein Ende gemacht haben…"

Paulas Werke wurden nach nur fünf Tagen aus der Ausstellung wieder entfernt. Sie wurde aus der etablierten Kunstszene davongejagt. Eine tiefe Demütigung. 
Später zieht sie in die Künstlerkolonie in Worpswede; verbringt Zeit in Paris; heiratet den Maler Otto Modersohn; baut eine Freundschaft mit dem Dichter Rainer Maria Rilke auf. Sie malt Bilder der Worpsweder Landschaft und von den Menschen dort; sie malt Akte und Selbstporträts. Ihr ganzes Leben gilt der Kunst. Jedoch "keiner kennt sie, keiner schätzt sie", wie ihr Mann Otto schreibt. Nicht einmal Rilke erwähnt sie in seinem Buch über die Worpsweder Künstler. Paula selbst zeigt anderen Menschen ihre Bilder nur äußerst ungern. Sie ist ja auch ein gebranntes Kind. Ausstellungen gibt es keine weiteren von ihr. 1906, als sie 30 Jahre alt ist, steckt sie in einer existenziellen Krise. Die Welt will nichts von ihr wissen. Sie geht wieder nach Paris. Sie will ihren Mann Otto verlassen. Sie kämpft um sich selbst. "Ich bin ich und hoffe, es immer mehr zu werden", schreibt sie. 

Da geschieht etwas. Sie trifft in Paris auf einen anderen Künstler: Bernhard Hoetger, den späteren Erschaffer der Bremer Böttcherstraße. Und Hoetger: SIEHT sie. Er sieht sie. Er bestätigt sie in dem, was sie in ihrem Inneren zutiefst ist: eine Künstlerin. Er bestärkt sie in ihrem Wesenskern. Er bejaht sie, da, wo sie am verletzlichsten ist: in ihrem Ich-Sein. 

Zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft. Eine Freundschaft voller Anerkennung. Und wie hat Paula Modersohn-Becker dies empfunden? In einem Brief an Hoetger heißt es: 

"Sie haben mir Wunderbarstes gegeben. Sie haben MICH SELBER mir gegeben. Ich habe Mut bekommen. Mein Mut stand immer hinter verrammelten Toren und wusste nicht aus noch ein. Sie haben die Tore geöffnet. Sie sind mir ein großer Geber. Ich fange jetzt auch an zu glauben, dass etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seligkeit." 

Das mag pathetisch klingen. Aber es ist authentisch. Und es bleibt für Paula nicht nur bei Worten. Es löst sich in ihr ein Knoten. Es beginnt die produktivste Schaffensphase ihres Lebens. In dem folgenden Jahr malt sie 70 Bilder. Eines trägt den Titel: "Der barmherzige Samariter". Darauf sieht man ihn in der Mitte knien: den Barmherzigen Samariter. Der den einsamen Zusammengeschlagenen GESEHEN und sich seiner angenommen hat. So, wie Hoetger sie gesehen hat. So wie Gott Hagar gesehen hat. 
 

III
"Sie haben MICH SELBER mir gegeben", schreibt Paula Modersohn-Becker an Bernhard Hoetger. Das ist die fundamentale Erfahrung, die wir Menschen machen können. Von einem anderen gesehen zu werden und uns selbst in seinen Augen neu sehen zu lernen. "Dass du mich liebst, macht mich mir wert; dein BLICK hat mich vor mir verklärt", heißt es in einem Lied von Robert Schumann. 

Was hat das mit dem christlichen Glauben zu tun? Alles. Denn das, was Paula Modersohn-Becker an Bernhard Hoetger schreibt, gilt von jeher in unserem Glauben: "Gott gibt uns das Wunderbarste. Er gibt uns uns selbst." – Denn: "Du bist ein Gott, der mich sieht."

Auch dann, wenn mich niemand sieht, du tust es. Auch dann, wenn mich niemand akzeptiert, du schon. Sogar wenn ich mich selbst verliere, du findest mich. Du hast mich geschaffen, du bejahst mich, du erhältst mich, auf alle Zeit. Du hast mir in deinem Sohn Jesus Christus deine Liebe für immer vor Augen geführt. 

Und diese Liebe eröffnet neue Anfänge, wo alles am Ende scheint. Das Ende wird zum Anfang – das feiern wir in der Osterzeit. 

Ich weiß schon, Gott kann man nicht umarmen. Anders als einen Pflegeroboter. Oder einen Partner. Aber Glauben ist eben: Vertrauen. Vertrauen auf etwas, was ich nicht sehen kann. Und sagen Sie mir jetzt nicht, Sie glauben nur an das Sichtbare. Das tut fast niemand. Wir alle vertrauen. Und das "Vertrauen" stammt aus derselben Wurzel wie die "Treue". Der Kern in beiden Wörtern bedeutet "stark" und "fest". Und es stimmt doch: Kein Vertrauen ohne Treue – und umgekehrt. Ich werde meinem Freund nicht trauen, wenn ich ihm nicht treu bin oder meiner Frau oder meiner Familie oder meinem Staat. Und so ist es mit Gott auch: Es bedarf meiner Treue, damit ich Vertrauen zu ihm fassen und halten kann. Wundern wir uns nicht, dass unsere Gottesbeziehung leidet, wenn wir keine Beziehungspflege betreiben. Im Gespräch. Im Gebet. Im Gottesdienst. Im Suchen nach den Hinweisen auf SEINE Gegenwart. In der Natur. In der Musik. In der Stille. Im höchsten Glücksgefühl. Aber auch auf dem Boden meines Scheiterns. Gott entdecken: Seine Gegenwart. Seine Nähe. Seine Blicke. Und nicht zuletzt und immer wieder: im anderen. Im Gegenüber. 

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber schrieb: "Jedes einzelne Du ist ein Durch-Blick zu ihm, dem ewigen Du." Ich wünsche Ihnen und Euch allen möglichst oft: die Erfahrung, von anderen gesehen zu werden; auch die Erfahrung, andere zu sehen; und besonders die Erfahrung, dass es ihn gibt: den Gott, der uns sieht. Hagar. Paula Modersohn-Becker. Dich. Mich. Und jeden Menschen. 

Amen. 

Es gilt das gesprochene Wort
 

 

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Kontakt zur Sendung

Anja Bär
Pastorin und Rundfunkbeauftragte 

Telefon:  0421 – 55 97 238
E-Mail:   anja.baer@kirche-bremen.de