Aus der Friedenskirche in Potsdam überträgt der Deutschlandfunk am Sonntag, 27. September 2026, von 10.05 bis 11.00 Uhr einen evangelischen Gottesdienst. Die Friedenskirche Potsdam steht direkt im Park von Schloss Sanssouci.
Die Predigt hält Pfarrer Tobias Ziemann. Musikalisch gestaltet wird der Gottesdienst vom Vocalkreis Potsdam unter der Leitung von Fabian Pasewald. An der Woehl-Orgel spielt Kirchenmusikdirektor Ekkehard Saretz.
"Der Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat", steht in der Bibel. Wo erleben Menschen das heute, dass der Glaube überwindet, was trennt und verunsichert, und neue Wege möglich werden? Darum geht es in dem Gottesdienst.
Predigt:
I Jesus
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen
Was hat er sich nur dabei gedacht? Eine Frau kommt zu Jesus und fleht ihn an, dass er ihrer Tochter hilft. Und Jesus? Gibt ihr erst keine Antwort und dann eine schroffe, die verletzt. Jesus ist abweisend wie sonst an kaum einer Stelle im Evangelium… Seine Abgrenzung gegenüber dieser Frau passt überhaupt nicht zu allem anderen, was ich von ihm kenne. Warum ziert er sich so? Warum freut er sich nicht über den Glauben der Frau, auch wenn sie keine Jüdin ist? Im Alten Testament, eben bei Jesaja, haben wir doch eine andere Verheißung gehört: Gott wolle sich auch den anderen Völkern zuwenden. Alle Inseln, alle Bewohner der Erde sollten es hören. Das Licht soll aufgehen für die Völker in der Dunkelheit und alle Welt sollte gerettet werden.
Diese Verheißung stand sogar schon ganz am Anfang in der Heiligen Schrift, als Abraham zu hören bekam, dass durch ihn alle Völker gesegnet werden sollten. Nicht nur das eine, zu dessen Stammvater er wurde.
Und Jesus? Von ihm glauben wir heute so fest, er sei das aufscheinende Licht aus der Höhe gewesen. Wir feiern seine Geburt, wir verkünden seinen Tod und preisen seine Auferstehung. Aber dieser Jesus erteilt eine heftige Abfuhr an diese fromme Frau aus Kanaan. Er grenzt sich ab, weil sie eine Fremde ist. Weil es zur Zeit Jesu eine Feindschaft gibt zwischen den Menschen des Volkes Israel und den umliegenden Völkern. "Kanaan" ist dabei nicht einfach eine Ortsangabe. Kanaan ist ein echter Kampfbegriff. Das Wort weckt Erinnerungen an Konflikte, an Abgrenzung und an Erfahrungen, die Generationen geprägt haben.
Aber da gibt es damals auch konkrete wirtschaftliche Not. So wird etwa vermutet, dass die wohlhabenden Bewohner der heidnischen Städte tatsächlich zuweilen dafür sorgten, dass in Galiläa das Brot knapp wurde. Das könnte der Hintergrund sein für den Satz von Jesus: "Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen." Das Bild, das Jesus hier verwendet, ist also nicht nur metaphorisch gemeint: vom Brot, das den Kindern Israels fehlt, weil seine Feinde sich daran bedienen.
"Das ist nicht recht", sagt Jesus. Und gibt uns die Gelegenheit, ihn besser kennenzulernen. Unser Bild von ihm zu verändern. Jesus, wie wir ihm hier begegnen, lebt nicht über den Konflikten seiner Zeit. Er ist Teil seiner Umwelt und Kind seiner Zeit. Er hat die Konflikte zwischen Kanaan und Israel genauso gelernt und verinnerlicht, wie wir es aus heutigen Konflikten kennen. Irland und Nordirland, Nord- und Südkorea, Russland und die Ukraine – und ja, natürlich auch Israel und Gaza. Überall auf der Welt gibt es Grenzen, manche sind jünger, andere älter. Und was wir hier erfahren, ist: Jesus steht nicht darüber, sondern ist ein Teil dieser Ordnung. So weist er die fremde Frau zunächst nicht einmal ab, sondern schweigt.
Er ignoriert sie, das ist krass. So krass, dass die Jünger sich einmischen, in das Schreien der Frau und das Schweigen ihres Herrn. Tu etwas, sagen sie – und es ist eine Frage der Übersetzung, ob sie eher sagen: "Schick sie weg" oder "Erfüll‘ ihr doch endlich diesen Wunsch". Beide Lesarten sind möglich – und Jesus reagiert darauf mit dem trockenen Kommentar, er sei dafür nicht zuständig, seine Sendung gelte nur dem Hause Israel.
Danach erst, als die Frau schon am Boden liegt, spricht er von den Hunden, die den Kindern das Brot wegnehmen. Er beleidigt diese Frau tatsächlich als Hund, ist überheblich ohne Ende, spricht nicht einmal direkt zu ihr. Jesus, ein Mann seiner Zeit.
Und zugleich können wir ihm nun plötzlich dabei zuhören, sind direkt dabei, wie etwas in ihm sich verändert. Wie er sich doch bewegen lässt von dieser fremden Frau, von ihrer Geschichte, ihrer Not und ihrem Glauben.
Diese Frau lässt sich nicht abschütteln. Sie erzählt nicht ihre ganze Geschichte, sie argumentiert nicht lange. Aber ihre Not ist da. Ihre Tochter ist krank. Ihre Sehnsucht nach Heilung ist grenzenlos. Und ihr Glaube ist ebenso groß.
Und Jesus hört hin. Er lässt sich ansprechen, ja: herausfordern von ihr. Am Ende steht nicht nur die Heilung ihrer Tochter. Am Ende steht auch ein Jesus, der sich von der Not einer Fremden bewegen lässt.
II Frau und ihr Kind
Was hat sie sich nur dabei gedacht? Jesus und seinem Freundeskreis auf diese Weise nahe zu treten? Beinahe könnte man sagen, sie nervt. Aber sie nervt nicht nur. Sie überschreitet auch jede damals gültige Grenze. Als Frau spricht sie direkt mit einem fremden Mann, als Angehörige eines anderen Volkes redet sie auf einen jüdischen Gelehrten ein, nein sie schreit ihn an, ist nicht bereit, die geltenden Regeln des Anstands einzuhalten. Und sie sucht Rettung nicht bei ihrem eigenen Volk, sondern bei Jesus.
Nein, viel zu groß ist ihre Sorge um das Kind. Als Mutter leidet sie mit ihrer Tochter, hält einfach nicht mehr aus, was da geschieht mit ihrem Kind, wieder und wieder. Wie ein böser Dämon fühlt sich diese Krankheit an. Ohnmächtig ist die Mutter.
So geht es Eltern, deren Kinder im Krankenhaus liegen oder schweres Leid ertragen müssen: Sie kommen ständig an ihre Grenzen, aber sie geben niemals auf. Sie versuchen jede Chance zu nutzen, jede Möglichkeit der Rettung auszuschöpfen.
Und diese Frau kennt darin keine Grenzen! Sie verwendet eine fromme, jüdische Sprache, die Sprache der Psalmen, um Jesus anzuflehen. Sie nennt ihn "Davids Sohn", ein bemerkenswerter Titel im Mund einer kanaanäischen Frau. Sie wirft sich zu Boden, um ihre Untergebenheit zum Ausdruck zu bringen. Und zugleich ist sie schlagfertig und klug, als Jesus sich endlich zu einem Gespräch mit ihr herablässt.
Jesus hat sie mit einem Hund gleichgesetzt. Dem gibt man ja auch nicht das Brot, das für die Kinder bestimmt ist. Sie antwortet: Die Hunde würden doch auch etwas von den herabfallenden Krümeln bekommen. Es muss dieser Satz sein, diese Beharrlichkeit, verbunden mit der drängenden Situation, dass Jesus seine Meinung ändert. Dass er sich einlässt auf die Frau und endlich, endlich Mitleid mit ihr hat.
"Dein Glauben, dein Vertrauen ist groß", sagt er zu ihr. "Dir geschehe, wie du willst." Der Erzähler, der Evangelist Matthäus fügt hinzu, dass die Tochter zu derselben Stunde gesund geworden sei.
Kein Abschied und kein Dank, kein Lobpreis, keine Reaktion der Jünger folgen. "Jesus ging weiter", heißt es im nächsten Vers.
Aber er ging verändert weiter. Diese Begegnung hat Spuren in ihm hinterlassen. Eine fremde Frau hat ihn mit ihrer Not, ihrer Beharrlichkeit und ihrem Vertrauen erreicht. Ein Mann seiner Zeit hätte so nicht reagieren dürfen. Er aber, Jesus, hat sich eingelassen, fand einen Weg heraus aus seiner Sturheit – wie hilfreich und wie vorbildlich für Menschen unserer Zeit…
III Die Unruhigen und Störer:innen
Was haben sie sich nur dabei gedacht? Hierher zu gehen, in das Grenzgebiet, das jüdische Land beinahe zu verlassen. Vielleicht denken die Jünger von Jesus abfällig: Ist das der Rand der Zivilisation? Sie alle tragen die Grenzen tief in ihren Herzen. "Es war ja klar, dass so etwas geschehen würde", mögen sie nörgeln. Die schreiende Frau bedrängt sie alle, lässt ihnen keine Ruhe. Beinahe hätten sie es wohl selbst versucht, die Tochter zu heilen. Was hätte Jesus wohl dazu gesagt? "Na, Gott sei Dank, hat er sich doch bewegen lassen", denken die Jünger nun und ziehen weiter.
Später werden sie öfter daran denken: an dieses erste Mal, als etwas aufleuchtete von Gottes Herrlichkeit auch für die Völker. Von der grenzenlosen Liebe des Vaters, die der Sohn hier offenbarte. Und sie werden selber immer wieder Grenzen überwinden, werden Neues ausprobieren, dass sie sich früher nie zugetraut hätten. Später wird dieser Moment sie begleiten, wenn Jesus seine Jüngerinnen und Jünger in alle Welt senden wird. Hier, in dieser Begegnung, scheint diese weite Perspektive bereits auf.
Und woran denken wir? "Selig die Sanftmütigen", hat Jesus zwar gesagt. Ich aber denke an alle, die heute nicht bereit sind, etwas hinzunehmen. An Menschen, die sehen, wie das Brot von den Tischen der Reichen fällt, ohne dass sie ihren Hunger stillen könnten. All jene, die nicht bereit sind, sanftmütig ihr Schicksal zu ertragen. Jene, die ihre Stimme erheben und bereit zum Streit, ja sogar zum Kampfe sind. Die sich festkleben auf der Straße, die sich anketten an Bäumen oder sich Räumpanzern entgegenstellen. All jene, die trotz großem Druck von außen bereit sind, eine Wahrheit auszusprechen. Die Mutigen und Kreativen, die Lauten und die Ungestümen. Selig sind auch sie! Selig jene, die nicht bereit sind, Ungerechtigkeit zu akzeptieren. Die zum Herrn flehen und sich gegenseitig ermutigen im Glauben. Ja, die auf Gott vertrauen, obwohl das in ihrer Familie oder in ihrem Viertel sonst keiner mehr tut. Selig alle, die dieser kanaanäischen Frau nachfolgen, die Rettung suchen bei Gott.
Selig jene, deren Hoffnung keine Grenzen kennt, obwohl sie schon am Boden liegen. Selig die Ruhelosen, welche eintreten und schreien auch für andere, stellvertretend, unermüdlich.
Sie alle sollen mir ein Beispiel sein, eine Mahnung, auch und gerade, weil sie stören. Denn so wie Jesus seine Haltung ändern konnte, können wir das auch. Was wir immer glaubten, muss nicht richtig sein.
Und wenn wir selber eine Grenze ziehen, so könnte es sein, dass Jesus auf der anderen Seite steht. Und dass er auf uns wartet. Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
Es gilt das gesprochene Wort