Evangelischer Radiogottesdienst zum Reformationstag aus der Christuskirche in Wien am Samstag, 31. Oktober 2026, 10.05 bis 11.00 Uhr, live im Fernsehen ORF III, im Radio Ö1 und Deutschlandfunk (DLF).
"Frieden" steht beim Gottesdienst in der Christuskirche Wien-Favoriten am Reformationstag, 31.10.2026, im Zentrum. Der Gottesdienst wird im Fernsehen (ORF III) und im Radio (Ö1) sowie im Deutschlandfunk live übertragen. Beginn ist um 10.05 Uhr.
"Gott: Safe Space der Würde jedes Menschen. Und wir sind dazu befreit, in seinem Geist einander zu dienen: einander anzuschauen, zuzuhören, miteinander und füreinander das Leben zu teilen", betont Bischöfin Cornelia Richter, die auch die Predigt halten wird. Mit ihr gestaltet den Gottesdienst der ehemalige Ortspfarrer der Christuskirche, Michael Wolf.
Musikalisch begleiten der Chor und ein Instrumentalensemble des Instituts für Orgel, Orgelforschung und Kirchenmusik der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Die musikalische Leitung hat Professor Manuel Schuen. Es werden Werke von Heinrich Schütz, Melchior Franck, Georg Philipp Telemann und Michael Prätorius gespielt.
Predigt:
Liebe Gemeinde,
wie schön, dass wir jetzt gemeinsam den Reformationstag feiern! Er ist für uns Evangelische so etwas ist wie der kirchliche Staatsfeiertag. Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther seine berühmten 95 Thesen verschickt und sie etwas später öffentlich ausgehängt. Zu recht sind sie heute in das große Tor der Schlosskirche zu Wittenberg eingraviert.
Mit den 95 Thesen hat die Reformation begonnen, an deren Ende zwei Konfessionen stehen: Evangelische und Katholische, die sich damals strikt an die Vorgaben ihrer jeweiligen Landesfürsten halten mussten. Sie, die Fürsten bestimmten, wer in ihrem Land welcher Religion angehören durfte. Denn Religion und Politik waren damals auf eine unheilvolle Weise verwoben. Vieles von dem spiegelt sich auch in unserem Reformationslied "Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen". Martin Luther hat es 1529 selbst geschrieben.
Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde die persönliche Religionsfreiheit an das Bekenntnis des Landesherrn gebunden. Auch den evangelischen Landesherrn wurden ihre Besitzstände und die freie Religionsausübung zugestanden; wer sich dem Bekenntnis des Herrschers als Untertan nicht anschließen wollte, der erhielt das Recht, auszuwandern.
Aber: Was friedlich klingt, war es nicht, vor allem nicht in den habsburgischen Erblanden bis hin zum Gebiet des heutigen Österreich: Mit der Reformation waren die österreichischen Territorien in weiten Teilen evangelisch geworden, vor allem in den östlichen Gebieten bis hin zur Ringstraße, in Oberösterreich und in Kärnten.
Bis – zur Gegenreformation, dann war es mit der Freiheit vorbei. Sie hat quer durch Europa zu so vielen Kriegen geführt, dass man noch im 18. Jahrhundert dachte: Wo Religion drauf steht, ist Gewalt drin.
Für die Evangelischen in Österreich war das bittere Realität: Die einen wurden blutig niedergeschlagen, die anderen mussten das Land verlassen, die dritten mussten ihren Glauben verheimlichen. Quer durch das Land wurden Gottesdienste in schwer zugänglichen Berghöhlen gefeiert; Bibeln und Gebetsbücher wurden im Tragekorb geschmuggelt, wie in der Gosau durch Brigitte Wallner. Erst mit dem Toleranzpatent von Joseph II hat sich das ab 1781 in Österreich geändert. Der Aufklärung sei Dank.
Die Geschichte der Evangelischen in Österreich ist eine Geschichte der Gewalt und der Unterdrückung. Wir sind zur Minderheit geworden und das spiegelt sich bis heute – in den vielen Familiengeschichten, die bis Siebenbürgen oder in die USA reichen, im öffentlichen Leben und im Verlust des Karfreitag als Feiertag – 2019 aberkannt mit dem Hinweis auf unsere Minderheitensituation. In Deutschland wäre das undenkbar.
Und trotzdem stehen wir heute hier: Überzeugt evangelisch, selbstbewusst, durchaus fröhlich und vor allem friedlich. Den Karfreitag fordern wir zurück. Aber wir sinnen dabei nicht auf Rache, schreien nicht nach Vergeltung. Sondern wir setzen auf das Gespräch, auf den Kompromiss, auf den Willen zur Wiedergutmachung. Vor allem aber setzen wir auf die Zusammenarbeit von Politik und Religion ganz besonders dort, wo es um das friedliche Zusammenleben in diesem Land geht.
Warum? Weil der Karfreitag wie kein anderer Feiertag für unser Bekenntnis steht. Und für den Frieden in der Welt. Denn er hängt an dem, der uns allen als Kind geboren ist, als Sohn gegeben. Der, von dem es seit Jesaja heißt: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.
Das Kreuz hängt an der Krippe? Muss das so sein? Könnte es heute, am Reformationstag, nicht einmal etwas fröhlicher zugehen? Keine Sorge, das tut es, denn anders könnten wir das Leben in dieser von Krisen gebeutelten Welt doch gar nicht aushalten.
Was sich zwischen dem Kind in der Krippe und dem Karfreitag aufspannt, das ist die Gegenwart Gottes dort, wo er gebraucht wird. Wo es armselig zugeht, am Rande der Stadt; wo ihn niemand erwartet. Wo ein Mensch unschuldig verurteilt wird, verspottet, gemobbt, im schlimmsten Fall gefoltert, brutal ermordet. Es ist kein Wunder, dass das Christentum weltweit rasant wächst, wo Menschen um ihr Leben kämpfen. Überall dort, wo man ihnen ihre von Gott gegebene Menschenwürde abspricht, dort suchen Menschen das Wort der Schrift.
In Christus sind ja nicht nur Krippe und Kreuz verkörpert. Nein, in ihm ist zugleich die Hoffnung der Menschheit verkörpert. Denn mit und durch ihn ist der dunkle Abgrund des Karfreitag in die strahlend helle Botschaft der Auferstehung übergegangen. In ihm hat sich das Kind in der Krippe ein für allemal in den von Gott anerkannten Friedefürst verwandelt. Es ist diese Botschaft der Auferstehung mit der all das, was Jesus gesagt und getan hat, wie er Menschen angeschaut und sie heilsam berührt hat; sie alle, die krank waren und ausgegrenzt, die niemand wollte, mit denen keiner mehr geredet hat, für die niemand zuständig war, die selbst keine Hoffnung mehr hatten – es ist diese Botschaft der Auferstehung mit der all das, was Jesus gesagt und getan hat zu einer neuen Lebenswirklichkeit geworden ist. Eine, die weltweit Menschen fasziniert, tröstet, stärkt. Das hat Folgen bis heute: Wer sich zu Christus bekennt, darf keinem anderen Menschen die Würde absprechen.
Evangelisch zu sein, das heißt nie nur aus der eigenen, persönlichen Gottesbeziehung zu leben. Zwar ist sie seit der Reformation das Fundament unseres Glaubens. Aber das evangelische Vertrauen in Gott ist mehr. Es ist eine Hoffnung, die gemeinsam mit anderen gestaltet werden will. Vertrauen auf Gott ist "Hoffnung in action". Stärkung, Befähigung, Freiheit und Verantwortung, Empowerment. Es ist ein Empowerment, das uns aufstehen lässt gegen Unrecht und Gewalt, für Versöhnung und für Frieden. Das uns ins diakonische Handeln ruft, wo immer ein Kind in einer armseligen Krippe liegt. In der Ukraine, im Sudan, im Kongo, in Lateinamerika, auf allen Seiten im Nahen Osten – wo auch immer. Es ist dieses Empowerment, aus dem wir als Evangelische leben und handeln.
Und zwar alle: Jede und jeder einzelne von uns ist aufgerufen, sich in unserer Kirche einzubringen: Kirche ist nicht von oben verordnet, nein, Kirche ist da, wo Kirche geschieht: In der Gemeinschaft, die aus dem Geist Jesu Christi lebt. Die Evangelische Kirche ist demokratisch organisiert. Wir entscheiden gemeinsam, wie wir Kirche sein wollen. Frauen und Männer, Junge und Alte, alle Berufsgruppen – alle, die da sind.
Wie gut, dass wir in der heutigen Ökumene, mit den anderen anerkannten Religionsgemeinschaften und mit so vielen Vertreterinnen und Vertretern der Politik vertrauensvoll und verlässlich zusammenarbeiten. Dafür danke ich herzlich. Frieden und Versöhnung gelingen, wenn wir uns alle gemeinsam dafür einsetzen. Schaut nur auf das Kind in der Krippe. Von dem es seit Jesaja heißt: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort.