"Hirte ohne Herde" – Gemeinschaft in Zeiten von Corona

Evangelischer Rundfunkgottesdienst

Hauskirche "Maria von Magdala" Berlin

"Hirte ohne Herde" – Gemeinschaft in Zeiten von Corona
Rundfunkgottesdienst aus der Alt-Katholischen Gemeinde Berlin, Hauskirche "Maria von Magdala"
26.04.2020 - 10:05
28.02.2020
Dekan Ulf-Martin Schmidt
Über die Sendung

Am Sonntag des Guten Hirten 2020 feiert auch diese Gemeinde ihren Gottesdienst unter besonderen Bedingungen, miteinander verbunden durchs Hören und Mitfeiern am Radio. Und so gemeinsam mit Hunderttausenden Menschen, die  ebenfalls zuhören und mitfeiern.

Dekan Ulf-Martin Schmidt hält die Predigt und hat die liturgische Leitung.

Kirchenmusiker Christopher Sosnick sorgt für die musikalische Gestaltung und die Begleitung der Lieder. Es singen Franziska Buchner, Mezzosopran, und Michel Preiß, Bariton.

Das Ganze findet in kleiner Besetzung in der Hauskirche Maria von Magdala statt, in den Räumen eines ehemaligen Frisörsalons in einem Berliner Gründerzeithaus.

Zur alt-katholischen Gemeinde in Berlin gehören 825 Mitglieder, knapp 100 davon in den Diasporagebieten von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Folgende Lieder werden im Gottesdienst gesungen:

EG 100 Wir wollen alle fröhlich sein

1) Wir wollen alle fröhlich sein

in dieser österlichen Zeit,

denn unser Heil hat Gott bereit'.

Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Gelobt sei Christus, Marien Sohn.

 

2) Es ist erstanden Jesus Christ,

der an dem Kreuz gestorben ist;

ihm sei Lob, Ehr zu aller Frist

Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Gelobt sei Christus, Marien Sohn.

 

3) Er hat zerstört der Höllen Pfort,

die Seinen all herausgeführt

und uns erlöst vom ewgen Tod.

Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Gelobt sei Christus, Marien Sohn.

 

4) Es singt der ganze Erdenkreis

dem Gottessohne Lob und Preis,

der uns erkauft das Paradeis.

Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Gelobt sei Christus, Marien Sohn.

 

5) Des freu sich alle Christenheit

und lobe die Dreifaltigkeit

von nun an bis in Ewigkeit.

Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Gelobt sei Christus, Marien Sohn.

 

„Meine engen Grenzen“

1. Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht

bringe ich vor dich.

Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich? (2x)

 

2. Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt

bringe ich vor dich.

Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme dich? (2x)

 

3. Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit

bringe ich vor dich.

Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme dich? (2x)

 

4. Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit

bringe ich vor dich.

Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich? (2x)

 

 

„Gott in der Höh“

Gott in der Höh sei Preis und Ehr,

den Menschen Fried auf Erden.

Allmächtger Vater, höchster Herr,

du sollst verherrlicht werden.

Herr Jesus Christus, Gottes Sohn,

wir rühmen deinen Namen;

du wohnst mit Gott dem Heilgen Geist

im Licht des Vaters. Amen.

 

 

EG 116  Er ist erstanden

1) Er ist erstanden, Halleluja. Freut euch und singet, Halleluja. Denn unser Heiland hat triumphiert, all seine Feind gefangen er führt. Lasst uns lobsingen vor unserem Gott, der uns erlöst hat vom ewigen Tod. Sünd ist vergeben, Halleluja! Jesus bringt Leben, Halleluja!

2) Er war begraben drei Tage lang. Ihm sei auf ewig Lob, Preis und Dank; denn die Gewalt des Tods ist zerstört; selig ist, wer zu Jesus gehört. Lasst uns lobsingen vor unserem Gott, der uns erlöst hat vom ewigen Tod. Sünd ist vergeben, Halleluja! Jesus bringt Leben, Halleluja!

3) Der Engel sagte: »Fürchtet euch nicht! Ihr suchet Jesus, hier ist er nicht. Sehet, das Grab ist leer, wo er lag: er ist erstanden, wie er gesagt.« Lasst uns lobsingen vor unserem Gott, der uns erlöst hat vom ewigen Tod. Sünd ist vergeben, Halleluja! Jesus bringt Leben, Halleluja!

 

„Von guten Mächten“ (Text EG 65)

1) Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben,

und mit euch gehen in ein neues Jahr.

 

Refrain: Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

 

2) Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das Du uns bereitet hast.

Refrain

5) Lass warm und still die Kerze heute flammen, die Du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Refrain

 
Predigt zum Nachlesen

Vor einem Jahr wurde in einer TV-Dokumentation einer der letzten christlichen Schafhirten Palästinas vorgestellt.

Ein Mann Anfang Siebzig. Schafhirte: ein aussterbender Beruf. Auch in Palästina.

Dieser beeindruckende alte Mann. Über 50 Jahre lang war er mit seinen Schafen im judäischen Bergland unterwegs.

Er lag die meiste Zeit unter einem Olivenbaum und hat die Herde nur durch kleine Signale gelenkt. Kleine Rufe. Kleine Gesten mit dem Stock. Pfiffe.

Kein Schaf ist ausgebüchst. Jedes wusste, wo es hingehört.

So wie dieser alte Mann seine Schafe im Griff hatte, ohne großen Aufwand, so kann das heute wohl niemand mehr.

 

Sein Sohn, der die Herde einmal erben wird, kann es jedenfalls nicht.

Der alte Hirte berichtete, dass seinem Sohn die Schafe weglaufen. Dem Jüngeren gelingt es nicht, eine Beziehung zu den Schafen aufzubauen. Die machen was sie wollen. Sie trauen dem jungen Hirten nicht.

Der wird sein Erbe nicht antreten.

Der alte Hirte weiß, dass nach ihm die Herde zum Schlachten verkauft wird.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Ein Hirte mit seiner Herde ist in unseren Breitengraden schon lange nicht mehr Bestandteil unseres täglichen Lebens. Und jetzt ist es auch in Palästina der Fall. Somit wird das Bild vom Hirten wirklich immer mehr ein Bild – und hat mit erfahrener Berufspraxis fast nichts mehr zu tun.

 

Ein gängiges Bild der Theologie lautet: Christus ist der Hirte – und die Gläubigen seine Schafe – also wir alle.

So einfach, so klassisch und dabei doch nicht so klar!

Denn wir Menschen sind keine Schafe, noch sind wir in irgendeiner Weise Wesen, die gegängelt werden und sich dabei wohlfühlen.

 

Bilder deuten an, sagen nie die ganze Wahrheit. Sie regen uns aber an, das Gezeigte weiter zu denken und darin Aspekte zu entdecken, um sich an die gemeinte Realität heran zu tasten.

 

Der gute Hirte ist da, ist aufmerksam, ist kein unmotivierter Arbeiter, sondern ein treusorgender Hüter, dem etwas an den Seinen liegt.

Seine Motivation ist die Liebe zu seiner Herde; sie ist sein Ein und Alles und für sie würde er alles geben, auch sein Leben.

 

Damit geht die gemeinte Figur schon weit über das hinaus, was man von einem „echten“ Hirten im „wahren Leben“ erwarten kann.

Und bei Christus dürfen wir uns auch sicher sein, dass er das alles nicht deshalb tut, weil er sein Leben mit der Herde bestreiten muss. Er tut es, weil ihm aus unergründlicher und nur dem Glauben einsichtiger Liebe einfach danach ist.

 

Diese Liebe kann kein menschliches Bild wirklich fassen, aber das des Hirten kommt ziemlich nahe heran an das, was gemeint ist.

 

Die Schafe sind da schon etwas problematischer und wenn man sich nicht von althergebrachten Bildern frei macht, wird man dem Gemeinten nicht auf die Spur kommen.

 

Der Mensch ist kein Schaf; er pocht mit Recht auf seinen freien Willen und folgt nicht nur instinktiv, ist nicht nur auf lebenserhaltende Nahrung bezogen, sondern von einem sehr komplexen Zusammenspiel verschiedenster Motivationen in seinem Leben geleitet.

Aber was das Schaf macht, steht auch dem Menschen im Grunde nicht schlecht zu Gesicht: vertrauen, erwarten, wissen um den, der zu den wirklichen Weiden führt.

Und dann auch diese Intimität, die so absolut notwendig ist – darüber reden wir Volkskirchenchristen traditionsgemäß nicht oft und auch nur schwerlich.

 

Aber gerade jetzt wo wir wegen Corona uns eben nicht zu einer „Herde“ zusammenfinden können und uns das Bild von uns als Schafen vielleicht noch fremder vorkommt als eh schon, finde ich es wichtig, sich über die Beziehung von mir als Einzel-Christ zu Gott im Klaren zu sein.

 

Im Erkennen der Stimme, im Wissen, wer ER ist, der da in mein Leben kommt und vorangeht. Das intuitive Wissen um den, der einem Gutes will.

 

Letztlich sagt uns das Bild des Hirten, dass Gott uns gerne und in aller Liebe leitet. Unser Beitrag dazu wäre Vertrauen, Hingabe und das „Bei-Ihm-Sein-Wollen“.

Gott wird dort zum guten Hirten, wo wir mit ihm rechnen, uns ihm betend anvertrauen, seine Stimme hören und erkennen.

 

Nicht blinder Gehorsam führt uns auf die Weiden des erfüllten Lebens, sondern sehendes Nachfolgen, Vertrautheit und eine starke Beziehung zu dem, der unser Leben mit der Leidenschaft eines wahren „himmlischen Hirten“ in die Bahnen lenkt, die mehr verheißen, als wir erträumen können. Und das auch in Zeiten von Corona.

Amen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

28.02.2020
Dekan Ulf-Martin Schmidt