Mein Kleid

Wort zum Tage

Ashton Mullins / Unsplash

Mein Kleid
mit Veronika Krötke
08.09.2021 - 06:20
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Einmal Prinzessin sein. Aus der goldenen Kutsche steigen, die Schlosstreppen hinauffliegen, unter den bewundernden Blicken der zwischen den Säulen postierten Wachen mit raschelndem Reifrock über marmornen Boden eilen.

 

Einmal Prinzessin sein. Die große Flügeltür zum Ballsaal durchschreiten und in vollendeter Anmut von der Balustrade auf die Festgesellschaft blicken. Und dann – selbst erblickt werden. Von den nach Luft schnappenden Gästen. Von ihm, dem Prinzen. Sein forscher Schritt teilt die aufgeregt tuschelnde Menge. Sein Blick gilt nur der bezaubernden Erscheinung in dem funkelnden Kleid.

Am Morgen noch Aschenputtel, am Abend eine völlig Andere.

 

Einmal Braut sein. So richtig Braut. Mit Brautgefühl à la Prinzessin. Klappt auch im Fit and Flair, in der figurumschmeichelnden A-Linie oder auch in der Vintagerobe. Hauptsache: es haut ihn um. Er schnappt nach Luft. Ihr Tag, ihr Auftritt, ihr Kleid. Die Brautkleidersuche im Fernsehen nimmt mich mit in ein Meer aus Chiffon, grober Stickerei und rückenfrei. In Glockenläuterituale, wenn die Verwandelte ihren Zauberzwirn final präsentiert. In die Tränen, die sie dabei weint. Und in die Geschichten von Anträgen, Beziehungen und Familien.

 

Am Morgen noch leger oder sportlich. Am Abend dann gekrönt. Mit einem Kleid, dass dein Leben verändert. Dich für ein paar große Stunden heraushebt aus dem Trott, der Alltagsklamotte. Die wundersame Verwandlung funktioniert. Ich staune – und werde skeptisch.

Und ermahne mich selbst: sei nicht so streng mit ihnen, den Bräuten. Gönn es ihnen. Das Leben ist kurz. Die wirklich großen Auftritte sind rar.

 

Im Römerbrief schreibt Paulus „Zieh an den Herren Jesus Christus“. Ihn soll ich mir wie ein Kleid überstreifen. Mich neu angezogen fühlen. So wie seinerzeit die Getauften sich neue weiße Gewänder anlegten, wenn sie wie neugeboren aus dem Wasser stiegen.

Alte verstaubte Kleider im Schrank gegen Christi Kleid tauschen. Sich von ihm umhüllen, ummanteln, verwandeln lassen.

 

Davon kann ich ja dann am Altar erzählen, wenn sich die erste Aufregung um den großen Auftritt gelegt hat. Wenn Ruhe eingekehrt nach Glockengeläut und glücklicher Erschöpfung. Von der Verwandlung, die Christus ihnen beiden, dem Brautpaar, schenkt. Von Blingbling als Accessoire auf dem Kleid Christi, vom Glanz, vom Leuchten.  Ein Kleid, nicht für den kurzen Auftritt gemacht. Ein Lebenskleid, das nie zu klein wird und mir jeden Tag hervorragend steht. Und an manchen Tagen ganz besonders.

 

Es gilt das gesprochene Wort.