Entschuldigung nicht angenommen

Entschuldigung nicht angenommen
mit Stefanie Schardien aus Fürth
23.10.2021 - 23:35

 

Im Sandkasten geht das los. Wenn Kinder die ersten Schaufeln wegnehmen. Dann hören sie von Erwachsenen: „Sag schön Entschuldigung! Und richtig die Hand geben.“

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Ich hab als Kind selbst gleich erlebt: Der andere muss meine ausgestreckte Hand aber auch annehmen. Sonst funktioniert das nicht. Ich selbst kann also nur um Entschuldigung bitten. Der andere muss sagen: Wieder okay. Damit es weitergehen kann mit dem Spielen. So früh lernen wir, dass es nicht einfach ist mit Schuld und Vergebung. Beim Vater unser ist es genauso.  Da bitte ich Gott: vergib uns unsere Schuld.  Was aber wäre, wenn ich aufrichtig um Entschuldigung bitte und die Antwort heißt….. nein?

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nein?   Vor ein paar Tagen hat das die Sprecherin der Grünen Jugend getroffen, Sarah Lee Heinrich. Alte Posts aus Teenie-Zeiten wurden rausgesucht. Ganz gezielt, nicht zufällig. Keine Frage: Was sie damals mit 13 geschrieben hat, gehört sich nicht. Das weiß sie. Dafür bittet sie um Entschuldigung. Und dann?

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Das, was wir vom Sandkasten an gelernt haben, funktioniert nicht mehr. Die Ankläger wollen ihr die Entschuldigung nicht gewähren. Tausende im Netz spielen Gericht. Aber ohne Verteidigung. Nur eins steht sofort fest: die Strafe. Und die heißt: weg mit der Sünderin.  Bereuen gilt nichts. Besserung egal. Hauptsache weg. So geht „Cancel culture“, Auslösch-Kultur. Zur ursprünglichen Idee dahinter passt das aber gar nicht mehr. Die war anders:

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Wir wollen nicht mehr stillschweigend alles dulden: Keinen rassistischen Seitenhieb, keinen sexistischen Lacher. Selbst wenn es juristisch nicht verfolgt werden kann.

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Das ist gut so. Aber: ursprünglich ging es um eine Gesellschaft, in der man nicht diskriminiert, die lebenswerter wird. Nur jetzt? Ist aus dem „Hör auf damit“ ein simples „Weg mit denen“ geworden. Man will nicht die Sünde, sondern den Sünder canceln. Wollen wir das so? Echt?

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Klar haben Opfer das Recht sich nicht zu versöhnen, die Entschuldigung nicht anzunehmen. Aber wird das Löschen oder Canceln der Schuldigen unser Standard-Umgang mit Schuld?

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Denn wir werden alle selbst mal um Entschuldigung bitten müssen. Wahrscheinlich, Nein, sicher!

In Sachen Schuld und Vergebung brauchen wir dringend eine andere Kultur als bloße Cancel Culture, dringend andere Geschichten. So eine wie diese hier aus der Bibel.  Ein junger Mann lässt Haus und Hof im Stich, besteht auf sein Erbe und verprasst alles. Irgendwann ist er ganz unten und geht zurück, reumütig. Sein Vater spürt, was los ist, und nimmt ihn in den Arm. Einfach so? Nein, es geht beim „Verlorenen Sohn“ nicht darum, so zu tun, als wär nichts gewesen, sondern darum, dass man Menschen nicht zerstört. Dass Vergebung nach Einsicht und Reue eine ernsthafte Option bleiben muss. Vergib uns unsere Schuld – so beginnt die Bitte im Vaterunser, aber der Satz geht weiter:

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wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Beides müssen wir erinnern: Schleunigst. Wie das funktioniert mit „Es tut mir leid. Entschuldige bitte“. Und vor allem, dass wir die uns ehrlich entgegenstreckten Hände auch ergreifen. Wie im Sandkasten: Damit es weitergehen kann.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Nacht.